02.04.2026
Der Underground im Ostblock

Fundgrube des Untergrunds

Der Sammelband »Unearthing the Music« stellt den Musik- und Kunst-Underground vieler ehemaliger Ostblockstaaten vor – macht aber auch einen Abstecher auf die Iberische Halbinsel.

Wie scheinbar unerschöpflich doch die dissidente Musik aus den Ländern des ehemaligen »Realsozialismus« ist! Das ist das Gefühl, das sich beim Lesen des akribisch recherchierten Sammelbands »Unearthing the Music – Footnotes to Sonic Resistance in Non-democratic Europe (1950–2000)« einstellt. Das englischsprachige Buch, im Frühjahr 2025 erschienen, bildet einerseits die Underground-Szenen in den Ländern des Warschauer Pakts ab und stellt andererseits – und das ist dann doch ein überraschender Zug – die staatsfernen Musikszenen der in den Siebzigern untergegangenen diktatorischen Regimes in Südeuropa daneben, wie zum Beispiel den postdiktatorischen Punk in den späten Siebzigern und Achtzigern in Spanien und Portugal.

Auf mehr als 600 Seiten kommen Expert:innen, Zeitzeug:innen, Musi­ker:innen und Kritiker:innen zu Wort, dazu gibt es eine reiche Materialsammlung mit Fotos, Covern, Flyern und Postern. Das Buch dokumentiert ein internationales Projekt mit demselben Namen, das vier Jahre daran gearbeitet hatte, ein Online-Archiv anzulegen, das zunächst eben nur experimentelle, protestierende Underground-Musik aus den osteuropäischen Ländern des sogenannten real existierenden Sozialismus abbilden sollte. Ein Mammutprojekt – und eine wahre Fundgrube.

Während die Menschen im Osten auf neuestem Stand gewesen seien, was westliche Musik und Kunst betrifft, sei das umgekehrt nicht im Geringsten der Fall gewesen.

Die Kulturgeschichte, die hier erzählt wird, dürfte vielen unbekannt sein. Man erfährt vom feministischen Punk in der Tschechoslowakei genauso wie von den Verbindungen des russischen Avantgarde-Jazz-Granden Sergej Kurjochin zum heutigen Putin-Ideologen Aleksandr Dugin, nähert sich dem DDR-Jazz genauso wie dem widerständigen ukrai­nischen Rock und ist eben auch beim subkulturellen Frühling in Madrid (»Movida Madrileña«) dabei und lernt etwas über den rohen, politischen Punk in Portugal nach der »Nelkenrevolution«.

Den Blick des Westens auf die damalige Musik aus dem Osten gibt ein Interview mit dem britischen Avantgarde-Musiker Chris Cutler (Henry Cow, Art Bears) gut wieder. Cutler hatte damals eine enge Verbindung zur Szene in der Tschechoslowakei, brachte auf seinem Label Points East Records Musik aus dem Osten in den Westen. Eigentlich habe er nur musikalische und gar keine politischen Absichten gehabt, sagt er über den kulturellen Austausch, »aber letztendlich beschloss ich, ihre Herkunft (die der osteuropäischen Musiker:innen; Anm. d. Red.) als Tugend zu betrachten – schon allein, um den westlichen Kritikern, die offenbar glaubten, dass unser überlegenes System zwangsläufig auch überlegene Musik hervorbringen müsse, zu zeigen, dass es nur ihre Unwissenheit war, die sie so engstirnig machte.« Während die Menschen im Osten auf dem neuesten Stand gewesen seien, was westliche Musik und Kunst betrifft, sei das umgekehrt nicht im Geringsten der Fall gewesen.

Über den gern erzählten Mythos, im Osten sei es feministischer zugegangen als im Westen, klärt die Tschechin Pavla Jonssonová auf. Sie gründete 1980 die All-Girl-Band Plyn (Gas), die später Dybbuk und schließlich Zuby nehty (Zähne und Nägel) hieß; heute lehrt sie Philosophie an der Prager Karls-Universität. In ihrem Beitrag »New Chicks on the Bloc: Punk in Communism« schreibt sie unter anderem: »Frauen im Ostblock wurde die Arbeit aufgezwungen, was sich davon unterscheidet, eine Arbeit selbstbestimmt anzunehmen.« Die Mangelwirtschaft habe »die Doppelbelastung durch Beruf und Familie unerträglich« gemacht. Wie feministische Ikonen als ideologische Gegnerinnen des Sozialismus angesehen wurden, wie Frauenorganisationen nur dann geduldet waren, wenn sie kommunistisch waren, wie die Geburtenpolitik Stalins und Ceaușescu funktionierte – all das zählt sie auf, um die Mär vom feministischen Osten zu widerlegen. Punk sei dagegen auch in der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten Staaten ein »historischer Moment für Frauen« gewesen, um »auf die Bühne der Geschichte zu treten«, und habe die Möglichkeit eröffnet, »dass Rockmusik gegen Sexismus sein kann«, wie sie den britischen Musiksoziologen Simon Frith zitiert.

Über Punk in der Ukraine macht sich der seit langem in Berlin lebende ukrainische Musiker Yuriy Gurzhy Gedanken. Er weist zu Recht darauf hin, dass viele Spuren natürlich längst verwischt seien, schließlich hätten die Rock-’n’-Roll-Helden aus Kiew, Charkiw oder Lwiw damals im Untergrund agieren müssen. Dies gilt natürlich mehr oder weniger für alle damaligen Sowjetrepubliken, entsprechend spielen auch die weithin bekannten Techniken, die Zensur mit Vertriebswegen im Untergrund zu umgehen (Magnetizdat, Roentgenizdat) in diesem Band immer eine Rolle. Gurzhy beschreibt zudem einige Schlüsselmomente der Öffnung gen Westen, etwa frühe Sonic-Youth-Auftritte in der Ukraine, das »Rock Against Stalinism«-Konzert in Charkiw 1989 (bei dem es fast zu einem Aufstand kam, weil die Behörden die Songtexte der Heavy-Metal-Band KPP beanstandet hatten, um sich dann dem Druck zu beugen), und später dann, nach dem Ende der Sowjetunion, die Entdeckung des ukrainischen Underground in Deutschland, etwa durch den Sampler »Novaya Scena – 14 Bands from Kiev & Kharkov«, der 1993 auf dem Label What’s So Funny About erschien.

Die Kulturgeschichte, die hier erzählt wird, dürfte vielen unbekannt sein. Man erfährt vom feministischen Punk in der Tschechoslowakei genauso wie von den Verbindungen des russischen Avantgarde-Jazz-Granden Sergej Kurjochin zum heutigen Putin-Ideologen Aleksandr Dugin, nähert sich dem DDR-Jazz genauso wie dem widerständigen ukrai­nischen Rock

Nicht nur diese, auch weitere Kompilationen sind bis heute empfehlenswert, um sich einen Überblick zu verschaffen. Viele wegweisende Veröffentlichungen werden in diesem Reader genannt. Etwa der Sampler »Red Wave: 4 Underground Bands from the USSR« (1986), eine der wenigen seinerzeit im Westen erschienen Musiksammlungen, auf dem unter anderem die berühmten russischen Acts Kino, Aquarium und Alisa vertreten sind. Vor allem die Belgrader Szene bildet die bis heute mitreißende Albumveröffentlichung »Paket aranžman« von 1981 gut ab, darauf finden sich unter anderem die Bands Šarlo Akrobata, Idoli and Električni Orgazam – diese Kompilation wurde auch vor einigen Jahren noch mal wiederveröffentlicht. Ähnlich bedeutsam, vor allem für die Rezeption des ostdeutschen Punk in der BRD, war die Split-LP »eNDe – DDR von unten«, die sich Zwitschermaschine und Schleim-Keim (unter dem Namen Sau-Kerle) teilten und die 1983 auf dem Westberliner Label Aggressive Rockproduktionen erschien. Den Punk-/Hardcore-Untergrund der späten Achtziger in der DDR, Ungarn und Polen bildet dagegen der Sampler »We Are the Flowers in the Red Zone« gut ab, der 1988 auf Kassette bei einem Warschauer Untergrund-Label erschien. All das ist gute Begleitmusik zur Lektüre.

Der Band beschränkt sich allerdings nicht auf die musikalischen Phänomene, er gibt auch einen guten Überblick, welche Kunstkollektive an den verschiedenen Orten wirkten. Die prägende Belgrader Punkband Idoli hat etwa mit situationistischer Street Art angefangen; einen umfassenden Überblick gibt es auch über die Aktivitäten des in den späten Siebzigern gegründete Kollektiv Nebijušu Sajūtu Restaurēšanas Darbnīca (NSRD) in Riga (Werkstatt zur Wiederherstellung ungewohnter Empfindungen), und auch das Kollektiv Totart aus Danzig, das mit spöttischen Performances gegen die Obrigkeit Aufmerksamkeit erregte, wird gewürdigt.

Der Schwerpunkt liegt in »Un­earthing the Music« definitiv auf dem Osten, nicht auf der Iberischen Halbinsel. Vollständigkeit ist da natürlich nicht zu leisten, es werden extrem viele Subkulturen angetippt, einige Länder (Polen, Tschechoslowakei, Jugoslawien) werden ausführlicher behandelt als andere (zum Beispiel kommen Bulgarien, Litauen und die damalige Belarussische SSR zu kurz). Der Band leistet dennoch viel, gerade weil er einen so weiten Bogen von Lissabon über Tallinn bis Charkiw spannt. Ein Projekt, das Fortsetzung verdient – und das bestimmt noch die eine oder andere Lücke schließen wird.

 

Rui Pedro Dâmaso, Alexander Pehlemann, Lucia Udvardyová (Hg.): Unearthing the Music. Footnotes to Sonic Resistance in Non-democratic Europe (1950–2000). Spector Books, Leipzig 2025, 624 Seiten, 28 Euro