02.04.2026
KI-Pornographie

Sexuelle Allmacht

Künstliche Intelligenz macht es möglich, dass Konsument und Produzent von pornographischem Bildmaterial in eins fallen. Jedes kleinste Detail kann der eigenen Vorstellung angepasst werden und eliminiert jegliches Moment von Spontaneität und Abweichung.

Der Befehl zur Bilderstellung klingt lapidar: »Eine Japanerin in den Dreißigern, die als Domina arbeitet und langes, zerzaustes rotes Haar hat. Sie steht auf dem Mond und trägt einen Bodysuit unter grellem Licht« – mehr braucht es nicht, um die Künstliche Intelligenz (KI) zur Bilderstellung zu veranlassen. Was früher auf den Seiten der Erotikliteratur oder in beim Sexting via SMS abstrakt blieb, lässt sich nun dank KI von jedermann blitzschnell visuell als Bild oder Video erstellen.

Die Wahl des imaginierten Sexualobjekts und das Mittel für die Befriedigung der Erregung sind seit jeher variabel. Dass nun auch KI für verschiedene Ausformungen menschlicher Sexualität genutzt wird, sollte daher nicht verwundern. Privat wie professionell werden KI-gestützte Dienste für den Bereich der Sexualität und Intimität genutzt – als textbasierte Large Language Models (LLMs, große Sprachlernmodelle) oder als Bild- und Video-Tools.

Eine Studie der Technischen Universität Ilmenau hat gezeigt, dass knapp ein Fünftel der Produzenten von pornographischen Deepfakes ehemalige oder gegenwärtige intime Partner der Opfer waren.

Eine Nutzung im Bereich der Sexualpädagogik stellt beispielsweise die Website »Frag Lovis« dar, bei der ein KI-unterstützter Chatbot Fragen rund um die Sexualität beantwortet. Kinder und Jugendliche können hier potentiell schambehaftete Fragen anonym stellen, ohne dass sie ein menschliches Gegenüber in Verlegenheit bringt. Gefährlich können solche Anwendungen werden, wenn Chatbots, die nicht akribisch und spezialisiert mit Daten versehen werden, falsche Antworten geben. Schlimmstenfalls finden Unterhaltungen über Sex und Intimität nur noch mit der KI statt, was abermals gesellschaftliche Prüderie und daraus resultierender Scham verstärken ­würde.

Chatbots werden aber auch anderweitig verwendet: Einige LLMs sind eigens auf das Verschicken von erotischem Bildmaterial – sogenanntes Sexting – und die Herstellung emotionaler Intimität ausgelegt. Auf der Diskussionsplattform Reddit tauschen sich Nutzer:innen beispielsweise darüber aus, welche KI-Modelle sexuelle Nachrichten erlauben und wie man die Restriktionen der verschiedenen Anbieter umgehen kann. Bezahlpflichtige Modelle werben damit, dass es keinerlei Filter für KI-Antworten gibt, die sogar sprachbasiert sein können.

Derzeit wird vor allem die sogenannte Deepfake-Pornographie kritisiert. Zwei Forscherinnen der Technischen Universität Ilmenau haben in einer jüngst veröffentlichten nichtrepräsentativen Studie die Inhalte von Debattenbeiträgen auf Reddit untersucht, in denen Deepfake-Pornos diskutiert wurden.

Die Produzenten von unautorisierten Deepfakes, also pornographischem Bildmaterial, das ohne Zustimmung der dabei benutzen Person produziert und verbreitet wird, stammten zu 50 Prozent aus dem näheren Umfeld der Opfer; rund 19 Prozent waren ehemalige oder gegenwärtige intime Partner der Opfer. Angesichts der ungleichen Geschlechterverteilung beim gängigen Pornokonsum ist es wenig überraschend, dass die Opfer überwiegend weiblich (rund 86 Prozent) und die Deepfake-Ersteller männlich (rund 81 Prozent) sind. Auch wies die Studie nach, wie verheerend etwaige psychische Folgen für die in Deepfakes Dargestellten sein können. Die sexuelle Grenzüberschreitung kann hier für den, der die Deepfakes erstellt, das ausschlaggebende Motiv sein: Die sexuelle Darstellung der Frau ohne ihr Einverständnis ermöglicht ein Empfinden der Allmacht über sie, eine etwaige kränkende Ablehnung der realen Frau wird umgangen (Jungle World 13/2026).

Porno-Websites bieten allerdings auch Auswahlmöglichkeiten oder sogenannte Prompts (Anweisungen an die KI) zur Erstellung pornographischer Inhalte für fiktive Charaktere an. Die können bis ins kleinste Detail gesteuert werden: Neben dem äußeren Erscheinungsbild kann auch die gezeigte Erregung etwa beim Orgasmus festgelegt werden. Immerhin fehlen hier konkrete Opfer. Wenn bei fiktionalen Darstellungen ethische und moralische Überlegungen bei der Wahl der zum Objekt degradierten Person nichtig werden, bleibt die Frage, inwiefern KI sich als »Sexualpartner« eignet.

Schaltet man bei eigenen sexuellen Handlungen durch die Verwendung von KI ein reales Subjekt als Gegenüber aus, reduziert man Sexualität also auf Autoerotik, aufgepimpt durch ein fiktives Sexualobjekt, reduziert man nicht nur alles Irritierende und Nichtsteuerbare; man verhindert auch Momente der Spontaneität und Überraschung, die ein menschliches Gegenüber beim Sex allein schon dadurch mitbringt, dass es sich von einem selbst unterscheidet.

Das Fehlen eines anderen realen Menschen allein ist allerdings kein Argument, denn sonst wäre jeglicher Solo-Sex mittels eigener Phantasien und Masturbation zu verteufeln. Möchte man der Pornographie im Allgemeinen etwas Positives abringen, könnte man sagen, dass sie doch zumindest in der Theorie sexuelle Inspiration oder Spannung verspricht. In der Realität stellt sie jedoch überwiegend ausagierte misogyne Phantasien dar, die zu Gewalt tendieren.

Sind pornographische Inhalte genauestens nach den eigenen Vorstellungen erzeugt und – im Gegensatz zu Phantasie und feuchten Tagträumen – visuell konsumierbar, könnte sich dies negativ auf die eigene Sexualität auswirken. Ein täuschend echtes KI-Sexualobjekt bietet nicht Aushandlung oder Entdeckung eigener Wünsche und Bedürfnisse, keine spannungsreiche Balance zwischen Kontrolle und Fallenlassen oder eben den ungewissen Faktor X einer leibhaftigen Person. Da er aber Lebendigkeit vortäuscht, schwingen in ihm auch die Versprechungen von sexuellen Erlebnissen zwischen echten Menschen mit, obwohl es sich lediglich um ein Abbild dieser handelt. Die Frage ist nicht nur, ob der KI-Nutzer es rational und emotional schafft, zwischen Interaktion mit der KI und leibhaftigen Menschen zu unterscheiden. Die Verknüpfung von Konsument, wie beim klassischen Porno, und Produzent eines tatsächlichen visuellen Produkts könnte eben jene Allmachtssehnsüchte wahr werden lassen, die sonst an der menschlichen Realität scheitern würden. Es ist zu erwarten, dass die Folgen dessen zwischenmenschlich spürbar werden – und wenn auch nur in der Unfähigkeit des Users, reale sexuelle Begegnungen zu ertragen.