Über das Gegebene hinaus
Bedingungen der Aufklärung
Die Wahl des Untertitels »Grenzen der Aufklärung« für das Kapitel in Max Horkheimers und Theodor W. Adornos »Dialektik der Aufklärung«, das die »Elemente des Antisemitismus« entwickelt, suggeriert, dass es sich bei diesen Grenzen um prinzipielle handele. Gäbe es diese, müsste aus ihr die apriorische Selbstbescheidung der Vernunft folgen, die das aufzuklärende Phänomen entweder nicht verstehen kann – es liegt jenseits der Grenzen des Verstehbaren – oder nicht verstehen will – es zu verstehen, würde ihm zu viel Verständnis im Sinne der Rechtfertigung entgegenbringen. Die Verweigerung des Verständnisses des Antisemitismus, um ihn nicht zu rechtfertigen, verwechselt jedoch den formalen Gebrauch der Vernunft mit ihrem realen. Die richtige Intention dieser Weigerung, der Wunsch, dass der Antisemitismus nicht sein soll, braucht aber zu seiner Realisierung das Verständnis im theoretisch formalen Sinne. Diesem Verständnis können aber keine prinzipiellen Grenzen gesetzt sein, weil »das Grenzen setzende Bewußtsein mit dieser Setzung notwendig das Begrenzte transzendiert«, wie Adorno einmal schrieb. Grenzen können immer nur innerhalb eines Ganzen gezogen werden, nicht das Ganze begrenzen, weil dann wiederum ein Merkmal angegeben werden müsste, wodurch sich das Ganze von etwas anderem abgrenzt, dann aber eine Kenntnis dieses Anderen, somit die auf ein größeres Ganzes eingenommen werden müsste. Selbst wenn die »bündig rationalen, ökonomischen und politischen Erklärungen« (»Dialektik der Aufklärung«) für das Phänomen des Antisemitismus nicht ausreichen, so sind die sich auf die Psychoanalyse beziehenden Ergänzungen im selben Kapitel doch solche, die den Antisemitismus nicht mehr als ein Phänomen erscheinen lassen, vor dem man kapitulieren müsste.
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