02.04.2026
‍Ageism ist eine fragwürdige Diskriminierungskategorie

Wenn sich Hans-Peter beschweren darf

Alte Männer fühlen sich zwar überall diskriminiert, dabei betrifft die Altersdiskriminierung vor allem Frauen.

Leute, die darüber jammern, nichts und niemanden mehr kritisieren zu dürfen, vermissen ganz gewiss die guten Zeiten, in denen man noch ungestört über Frauen herziehen, Kollegen wegen ihrer Herkunft verspotten und Scherze auf Kosten der Lehrlinge machen durfte. Spätestens seit Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) vor 20 Jahren ist damit aber zumindest offiziell Schluss. Denn seitdem haften Arbeitgeber dafür, wenn sie die Beschäftigten diskriminieren oder dulden, dass Letztere von Kolleg:innen diskriminiert werden. Bäm! Eine richtig gute Sache.

Auch Ungleichbehandlung aufgrund des Alters nennt der Gesetzgeber. Und darüber freuen sich vor allem die (alten weißen) Männer. Der sogenannte ageism, die Altersdiskriminierung, bietet ihnen ungeahnte Möglichkeiten, denn der Begriff lädt zum Missbrauch ein. Endlich darf sich auch Hans-Peter mal beschweren und sich auf der Seite der Entrechteten fühlen.

Was junge Frauen als Altersdiskriminierung und ältere als schlechten Scherz empfinden, ist also auch nichts weiter als blanker Sexis­mus.

Neulich ärgerte sich ein Kollege, dass er als Freiberufler nach Erreichen des gesetzlichen Rentenalters keine Aufträge mehr bekomme. Das Problem liegt auf der Hand. Denn in der Tat müssen viele Rentner:in­nen noch lange weiterarbeiten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Vor allem wenn sie jahrelang zu wenig verdient, zu wenig gespart oder vorgesorgt haben. Aber ist das Altersdiskriminierung oder einfach nur Kapitalismus?

Ähnlich verhält es sich beim Thema Geschlecht. Als ich unlängst mal wieder gefragt wurde, ob ich die neue Praktikantin sei, musste ich kurz sehr herzhaft lachen. Eine Umfrage im Bekanntenkreis zeigte dann aber, was ohnehin schon nahelag: Männer bekommen diese Frage nicht oder nur selten gestellt. Frauen offenbar noch bis ins gehobene Alter. Was junge Frauen als Altersdiskriminierung und ältere als schlechten Scherz empfinden, ist also auch nichts weiter als blanker Sexis­mus.

Der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist das Thema »Ageismus« trotzdem eine Untersuchung wert. Darin zählen die Autoren die gängigsten Vorurteile gegen alte Menschen auf: Sie hätten zu viel Macht, seien nicht an gesellschaftlichem Fortschritt interessiert und stünden bei der Bewältigung des Klimawandels im Weg. Beschwerdefreudig sind die Alten allemal: Zwölf Prozent aller Anfragen verzeichnete die Antidiskriminierungsstelle in den Jahren 2021 bis 2023 zum Thema Ungleichbehandlung aufgrund des Alters. Schaut man genauer hin, sieht man aber, dass es auch hier eher um Geschlecht, Ansehen und Herkunft geht: »Hochaltrige Frauen sind durchgängig stärker benachteiligt als Männer, ebenso Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status, niedriger Bildung und Migrationshintergrund«, resümiert der Bericht der Antidiskrimierungsstelle.