Der Zar und sein Spin-Doktor
Schnee bedeckt die endlosen Wälder hinter Moskau, in denen die Datschen der Reichen und Mächtigen stehen. Eine schwarze Limousine gleitet eine schnurgerade Straße entlang. Darin ein US-Amerikaner, ein Intellektueller mit Vollbart, dicker Brille und Glatzenansatz. Mister Rowland (Jeffrey Wright), Literaturprofessor an der Universität Yale, schreibt an einer Biographie des Schriftstellers Jewgenij Samjatin, Autor des unter Stalin verbotenen Romans »Wir«. Während seiner Recherche im Russland der Gegenwart landet er in der Datsche von Wladimir Putins ehemaligem Spin-Doktor Wadim Baranow (Paul Dano). 15 Jahre nachdem der ebenso einflussreiche wie mediokre Berater sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, ist der geheimnisvolle Mann bereit, dem Amerikaner seine Lebensgeschichte zu erzählen. Damit setzt die eigentliche Handlung des Thrillers »Der Magier im Kreml« von Olivier Assayas ein.
Moskau, Anfang der neunziger Jahre. In der Endphase der Sowjetunion aufgewachsen, hat Baranow zu Zeiten Gorbatschows angefangen, mit Westware zu handeln. Bald aber vertickt er keine Ghettoblaster mehr, sondern wendet sich der Kunst zu. Seine Eltern können ihm ein Studium am Theaterinstitut finanzieren. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen und mit ihr die Zensur, die Bevormundung. Alles scheint möglich; Literatur, Film, Konsumgüter, Geschichte, Drogen sind plötzlich frei zugänglich. Baranow wird PR-Berater des machthungrigen KGB-Agenten Wladimir Putin (Jude Law). In den Tiefen des Systems agiert der clevere Baranow als Strippenzieher und arbeitet am Image Putins als dem neuen Zaren. Öffentliche Auftritte Putins stimmt Baranow darauf ab. Sein Einfluss auf die Politik ist gewaltig. Nur seine Freundin entzieht sich seiner Kontrolle: Ksenia (Alicia Vikander), eine eigenwillige junge Frau, verkörpert den Wunsch nach Freiheit und Emanzipation.
»Surkow ist widerwärtig; unser Baranow hingegen, obwohl er sich an den schlimmsten Taten des Regimes mitschuldig gemacht hat und etwas pervers ist, behält eine gewisse Menschlichkeit.« Olivier Assayas
Bald hilft Baranow dabei mit, Putins Konkurrenten kaltzustellen und sein Fußvolk zu rekrutieren. Alles läuft nach Plan: Putin wird Ministerpräsident unter dem bereits schwerkranken Präsidenten Boris Jelzin, sein eigentliches Ziel aber ist es, dessen Amt zu übernehmen. Unterstützt wird dieser Plan durch den Oligarchen Boris Beresowskij (Will Keen), der durch die Privatisierung des gesellschaftlichen Reichtums im Zuge der beispiellosen Ausplünderung des Staats zum Milliardär geworden ist. Die Verarmung der Bevölkerungsmehrheit durch die heftige Deregulierung und Privatisierung kommt im Film allerdings kaum vor. Nur einmal sagt der schwächelnde Jelzin, er werde immer unbeliebter, weil die Mehrheit die soziale Ungerechtigkeit satthabe. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst, ein neuer Präsident, ein neuer Ton muss her.
Populär wird Putin durch seinen Nationalismus und seine rücksichtslose Kriegführung im Zweiten Tschetschenien-Krieg Ende der neunziger Jahre. Denn er inszeniert sich geschickt als Verteidiger Russlands gegen islamistischen Terror. Den Staat führt Putin immer autoritärer, auch der Oligarch Beresowskij wird entmachtet – niemand darf Putin Befehle erteilen. Baranow aber bleibt weiter an Putins Seite.
In einer temporeichen Rückblende jagt eine Szene die nächste, die geschickt mit Symbolik, Standards und Stereotypen aufgeladen wird. Die rasante Handlung wird von Yorick Le Saux’ klassischer Kameraführung kontrastiert, die der Erzählung Ruhe und Klarheit verleiht.
Das Drehbuch von Olivier Assayas und Emmanuel Carrère basiert auf dem gleichnamigen Thriller von Giuliano da Empoli. Der einführende Off-Kommentar des Erzählers Rowland ist zum Teil wörtlich dem Roman entnommen. Gleich zu Beginn teilt er über Baranow mit: »Manche sagten, er habe sich in ein Kloster auf dem Berg Athos zurückgezogen, um zwischen Steinen und Eidechsen zu beten, andere schworen, ihn in einer Villa in Sotogrande gesehen zu haben, umschwärmt von vollgekoksten Models. Wieder andere behaupteten, sie seien auf der Startbahn des Flughafens von Sharja, im Hauptquartier der Donbass-Milizen oder in den Ruinen von Mogadischu auf seine Spuren gestoßen. Seit Wadim Baranow sein Amt als Berater des Zaren niedergelegt hat, haben sich die Geschichten über ihn nicht in Luft aufgelöst, sondern vervielfacht. So ist das manchmal.« Der Zuschauer aber erfährt schon bald: Der Gesuchte versteckt sich in einer Datsche.
Putin in Gestalt von Jude Law wirkt eher wie ein autoritärer Patriarch, nicht wie ein Kriegsverbrecher und Diktator.
Regisseur Assayas verzichtet in seinem Film auf eine deutliche politische Einordnung. So erscheint Putins Aufstieg zwar nicht harmlos, aber doch eigentümlich gewaltarm, die reaktionäre Ideologie kommt nur am Rande vor. Putin in Gestalt von Jude Law wirkt eher wie ein autoritärer Patriarch, nicht wie ein Kriegsverbrecher und Diktator. Die fiktive Spielfilmhandlung zeigt Politik als Operette der Macht. Baranow, der Protagonist des Films, versteht sich selbst als Aktionskünstler, der gerne auf unkonventionelle Weise die politische Meinung manipuliert.
Die fiktive Figur ist stark an den realen Politiker Wladislaw Surkow angelehnt, der als enger Vertrauter und Spin-Doktor von Putin galt. Surkow arbeitete als Avantgarderegisseur, Schriftsteller, Fernsehproduzent und Unternehmer, bevor er zum Strippenzieher der Politik wurde und später auch offizielle politische Funktionen erfüllte. Er gilt als der Architekt des »Putinismus« und förderte die Darstellung Putins als Zentrum der russischen Macht, als eine Art moderner Zar, der über den Parteien steht. Die Filmfigur des Baranow ist allerdings eine deutlich geschönte Version des realen Surkow, wie der Regisseur im Interview im Presseheft selbst zugeben muss: »Surkow ist widerwärtig; unser Baranow hingegen, obwohl er sich an den schlimmsten Taten des Regimes mitschuldig gemacht hat und etwas pervers ist, behält eine gewisse Menschlichkeit.« Gleiches gilt leider auch für die Figur des Putin.
Assayas hat den Roman, der vor dem Krieg Putins gegen die Ukraine geschrieben wurde, recht werkgetreu verfilmt. Geholfen hat ihm dabei sicher, dass der Roman in einer plakativen Bildsprache voller erwartbarer Symbole gehalten ist. Immerhin gelingt es dem Film, die gröbsten Propagandalügen des Kreml als solche darzustellen. Als Baranow erzählt, Putin habe 1999 als Ministerpräsident die Russen vor dem Terrorismus aus Tschetschenien beschützen können, bemerkt Rowland nur kurz: Die Bomben damals in Moskau habe doch höchstwahrscheinlich der russische Geheimdienst gelegt. Damit ist zumindest kurz etwas erwähnt, woran sich Putins Gefährlichkeit hätte zeigen lassen.
Der Magier im Kreml (FR/USA/GB 2025). Drehbuch: Olivier Assayas und Emmanuel Carrère. Regie: Olivier Assayas. Darsteller: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Jeffrey Wright, Tom Sturridge.
Kinostart: 9. April