09.04.2026
Die Pop Art der Malerin Edita Schubert

Im Überfluss

Die 1947 geborene und 2001 verstorbene Künstlerin Edita Schubert zählte zu den interessantesten Figuren der jugoslawischen Nachkriegsmoderne. Eine Ausstellung in der Schweiz zeigt nun Werke von ihr, in denen auch ihr angespanntes und dadurch produktives Verhältnis zur Malerei zur Geltung kommt.

Die namhafte Zagreber Anatomin ­Jelena Krmpotić-Nemanić (1921–2008) veröffentlichte 1985 zusammen mit zwei westdeutschen Kollegen das Lehrbuch »Chirurgische Anatomie des Kopf-Hals-Bereiches«, das sich der »Ausführung chirurgischer Eingriffe in einem Gebiet mit besonderen topographisch-anatomischen Schwierigkeiten« widmet, wie es im Vorwort heißt. Die medizinischen ­Illustrationen im Band demonstrieren, wie Schnitte an dieser Körperpartie vorzunehmen seien, veranschaulichen die Funktion der dortig liegenden Organe sowie den Zugang zu diesen. Die Qualität der Abbildungen wurde an derselben Stelle ausdrücklich gelobt: »Die neu entstandenen Zeichnungen wurden mit Sorgfalt, Präzision und dankenswerter Mühe durch die akademische Zeichnerin Edita Schubert erstellt.«

Diese arbeitete am Institut der Medizinischen Fakultät der Universität Zagreb, an dem Krmpotić-Nemanić gelehrt hatte. Der hervorgehobene Beruf stand allerdings für eine doppelte Tätigkeit: Mit der wissenschaftlichen Anstellung als Zeichnerin bestritt sie ihren Lebensunterhalt, darüber hinaus war sie Künstlerin. Der Feierabend trennte die beiden Sphären keineswegs, vielmehr kor­respondierten sie kontinuierlich miteinander. Komponenten der einen Beschäftigung fanden sich jeweils in der anderen wieder.

In einer sozialistischen Wendung der Pop Art stellte Schubert Kirschbonbons aus dem Hause Kandit völlig überdimensioniert dar.

1947 im slawonischen Virovitica geboren und 2001 in Samobor verstorben, zählte Edita Schubert zur unmittelbaren Nachkriegsgeneration jugoslawischer Künstlerinnen und Künstler. Damit wäre nahezu ihre einzige Gruppenzugehörigkeit umrissen, handelte es sich doch um eine Einzelgängerin, die zeitgenössischen Strömungen wie der Transavantgarde eher lose zufiel, mit Einzelausstellungen Erfolge feierte und im Ausland unter anderem bei den Biennalen von Venedig und Sydney 1982 vertreten war. In Kroatien ist sie auch nach ihrem Tod 2001 in Erinnerung geblieben. In ihrer Geburtsstadt ist eine Promenade nach ihr benannt, die Fassaden der angrenzenden Häuser sind in der Farbkombination Blau/Rot gehalten und geometrischen Formen nachempfunden, die sich in den ab­strakten Werken der Malerin finden.

Schubert hatte in Zagreb Kunst studiert und auf ihre Weise gegen die traditionelle Ausrichtung der Akademie rebelliert. Sie habe keine Lust gehabt, Sitzung für Sitzung Akt um Akt anzufertigen, berichtete sie einmal, und sich deshalb von ihrer Klasse abgesondert, um stattdessen Wasserleitungen im Gebäude zu zeichnen, die sie aufgrund der technischen Details weitaus interessanter fand als den menschlichen Leib. Ihr vorbeischlendernder Professor habe sie dafür ausgelacht.

In einem der wenigen Interviews mit ihr, das kurz vor ihrem Tod entstand, fiel die inzwischen oft zitierte Bemerkung, dass das damals übliche Verständnis von Malerei sie verdrossen habe, weswegen sie dieses eines Tages ganz praktisch anging, indem sie ein Messer zückte und den Stoff der Leinwand vor ihr durchstieß. Mit der symbolischen Trennung von den Konventionen habe sie zeigen wollen, dass das Genre weit mehr als ein bloßes Zusammenspiel von Pinsel und Bildträger sei: »Ich musste das Messer in die Leinwand rammen – diese gespannte Fläche ging mir einfach auf die Nerven.«

Nach ihrem Abschluss trat Schubert die erwähnte Stelle als Zeichnerin am Anatomischen Institut an; im Dachgeschoss richtete sie sich ein Atelier für die eigene künstlerische Arbeit ein. Zwar sind in ihrem Gesamtwerk Zeichnungen prominent vertreten, es umfasst jedoch auch Gemälde, Arbeiten aus Stoff und solche aus organischem Material, Collagen und Drucke sowie In­stallationen nebst Performances. Ješa Denegri, Jugoslawiens rastlosester Kunstkritiker, nannte ihr Wirken einmal eine »Praxis des Überflusses« und hielt sie selbst für »eine der profiliertesten Persönlichkeiten der gesamten jugoslawischen Kunstwelt«.

2015 zeigte die Galerija Klovićevi dvori in Zagreb eine Retrospektive, kuratiert von der mit Schubert befreundeten Kunsthistorikerin Leonida Kovač, die ihren Nachlass gesichert und ausgiebig über sie publiziert hat. 2023 waren in der Berliner Galerie Molitor erstmalig Arbeiten der Künstlerin in Deutschland zu sehen: »Self-Portrait Behind a Perforated Canvas«, Exponate einer Werkserie von 1977.

Das im Schweizer Engadin gelegene Muzeum Susch, das sich seit seiner Eröffnung 2019 auf das Wirken der weiblichen Avantgarde Osteuropas konzentriert, die von der westlichen Kunstgeschichte und Kunsttheorie beharrlich ignoriert worden ist, hat nun erstmalig Raum für eine umfängliche Würdigung Schuberts außerhalb Kroatiens geschaffen. Der Kurator David Crowley hievte Dene­gris Urteil in den Titel der repräsentativen Schau, die entsprechend »Profusion« heißt. Sie durchschreitet die drei vollen Jahrzehnte, in denen Schubert wirkte, fast chronologisch. Die zeitliche Abfolge lässt den werkimmanenten Anspruch auf Innovation deutlich hervortreten, denn mit jedem der zwölf Räume wechselt das Medium.

Eines der ersten Bilder, die in der Ausstellung zu sehen sind, ist ein Gemälde namens »Kandit«, das Süßigkeiten in begehrlicher Vergrößerung zeigt, dem kindlichen Traum unerschöpflicher Nascherei nicht unähnlich, wiewohl auf einem realen Produkt basierend. In einer sozialistischen Wendung der Pop Art stellte die Künstlerin ein völlig alltägliches Konsumgut – nämlich Kirschbonbons aus dem Hause Kandit, zu dessen »Cherry«-Sortiment auch eine beliebte Schokoladentafel mit demselben Logo zählte – völlig überdimensioniert dar. An Süßwaren hatte es in Jugoslawien nie gemangelt, im Gegenteil: Neben Kraš aus Zagreb und Zvečevo aus Požega gehörte Kandit aus Osijek zu den heimischen Traditionsbetrieben, die Zucker und Kakao verarbeiteten.

Eine andere Arbeit Schuberts, die zur selben Zeit entstand, zeigt einen ebenso überdimensionierten Lippenstift von Chanel – Luxus, der im »Coca-Cola-Sozialismus« des blockfreien Jugoslawiens durchaus zu erwerben war; diesen gesellschaftspolitischen Besonderheiten, die das Land gravierend von jenen im Ostblock unterschied, hat die Historikerin Radina Vučetić eine aufschlussreiche Studie gewidmet. Für die Künstlerin bestand der Nachteil dieser Situation, die Zeit ihres Lebens über ihrem Werk schweben sollte, allerdings darin, dass es keinen Kunstmarkt im westlichen Sinne gab. Auf ihre Arbeit am Institut blieb sie deshalb angewiesen.

Das erklärt, weshalb Schubert in ihren Arbeiten immer wieder Anleihen bei der medizinischen Welt nahm. Darunter fallen ihre Adaption der chirurgischen Schnittführung, das Verbinden des jeweils benutzten Materials, der Gebrauch von Nähten oder von Laborutensilien. Dieselbe Farbkombination von Blau und Rot, die in einigen ihrer abstrakten Gemälde aus der Mitte der achtziger Jahre eine markante Rolle spielt, findet sich auch in farbigen Zeichnungen, die sie für das Lehrbuch von Krmpotić-­Nemanić anfertigte.

Darüber hinaus schuf die Künstlerin auch Werkserien, die in gänzlich andere Richtungen wiesen. Das gilt insbesondere für die Serie gezeichneter Türen, die sie 1978 ausgestellt hatte und die in Susch in einem Raum nebeneinander hängen, mysteriöse Passagen nahelegend, ohne irgendwo hinzuführen. Hinzu kam ihr zur selben Zeit entstandenes Interesse an Kuppeln gleich welchen Gebäudetyps, aus dem sich eine Obsession an der Katalogisierung entsprechender Bauten entwickelte. Ebenfalls hervorzuheben sind Arbeiten aus Ästen, Zweigen und ganzen Pflanzen, die ein Interesse an ökologischen Aspekten erkennen lassen, das aber völlig frei von hippiesken oder ideologischen Tendenzen war, sondern auf Vergänglichkeit abzielte.

Den Bürgerkrieg verarbeitete sie in einer Serie von Collagen, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind. Ihnen liegen militärische Szenen zu Grunde, die aber mehrschichtig und so bearbeitet sind, dass sie den direkten Blick auf den jeweiligen Kriegsschauplatz verhindern

Ende der achtziger Jahre wurde der Überfluss immer abstrakter – in Schuberts Malerei zeigte er sich in der Tendenz zur ungegenständlichen Form, staatlicherseits in Gestalt der Nullen, die inflationsbedingt dem Wert des Geldes angehängt wurden. Der 100 000-Dinar-Schein beglich am Ende des Jahrzehnts die Rechnung eines Restaurantbesuchs. Jugosla­wien zerfiel.

Als Kroatien 1991 seine Unabhängigkeit erklärte, blieb Schubert im Land. Den Bürgerkrieg verarbeitete sie in einer Serie von Collagen, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind. Ihnen liegen militärische Szenen zu Grunde, die aber mehrschichtig und so bearbeitet sind, dass sie den direkten Blick auf den jeweiligen Kriegsschauplatz verhindern – unmissverständlich auf Maßnahmen medialer Selbstzensur anspielend wie auch auf die Gier nach einschlägigen Bildern seitens der Nachrichtenkonsumenten desavouierend.

Einige Jahre später erkrankte Schubert an Krebs. »Horizont«, ihre letzte Installation, eröffnete im Jahr 2000 in der Galerie Križić Roban: Dabei handelte es sich um eine partizipative Installation, für die Schubert ringförmige Mobiles schuf, die circa auf Augenhöhe im Raum ­hingen und durch die man sich bewegen konnte. Außen und innen ­waren sie mit aneinandergereihten Schwarzweißfotografien von Orten bedruckt, die für die Künstlerin bedeutsam waren, weswegen der Be­sucher mit dem Schritt in eines dieser Mobile gleichsam in ihre Erinnerung schlüpfte. Drehte er seinen Körper, erschloss sich ihm ein Panorama, während andere Besucherinnen seine Interaktion mit der Arbeit ­beobachten konnten. Der Einladung zur Vernissage war eine zeichnerische Skizze der Serie beigefügt, die als Bedienungsanleitung für diese konzipiert war.

Im Sommer 2001 erlag Schubert im Alter von 54 Jahren ihrer Erkrankung. Es hat etwas Betrübendes, im Wissen hierum den letzten Ausstellungsraum zu betreten und dort auf »Horizont« zu treffen, da den verspielten, gleichwohl vom Leben Abschied nehmenden Mobiles die Arbeit »Biografija« gegenübersteht. Für diese, unmittelbar nach der ­Diagnose entstanden, bedruckte die Künstlerin Reagenzgläser mit Bildern aus ihrem Leben – nicht nur von sich selbst, sondern von Menschen, Orten und Objekten, die eine wichtige Rolle für sie spielten. Beide Werkgruppen rahmt der Tod, da sie zum einen die Fragilität der eigenen Existenz, zum anderen den Blick zurück wie auch den Blick hinaus ­allegorisieren. Am Ende steht die Gewissheit, dass jeder Überfluss sein eigenes Versiegen nach sich zieht. Und dennoch gemahnt Edita Schuberts Œuvre an das Üppige am Leben, trotz allem.

 

Die Ausstellung »Profusion« von Edita Schubert ist noch bis zum 24. Mai im ­Muzeum Susch zu sehen.