09.04.2026
Doku-Serie von Ken Burns: »The American Revolution«

»No Kings« vor 250 Jahren

Die monumentale Dokumentarserie »The American Revolution« (2025) von Ken Burns schildert die Entstehung der USA im ­Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Krone. Dass die Serie dabei auch mit nationalen Mythen aufräumt, hat dem Filmemacher den Hass rechter Kulturkämpfer eingebracht.

Dieses Jahr jährt sich die Unabhängigkeitserklärung der USA zum 250. Mal. Am 4. Juli 1776 verkündeten 13 Kolonien in Philadelphia ihre Loslösung von der britischen Krone. Der vom späteren ersten US-Präsidenten George Washington angeführte Unabhängigkeitskrieg war zu diesem Zeitpunkt schon über ein Jahr im Gang – und kam erst 1783 mit dem Frieden von Paris endgültig zum Abschluss. Der US-amerikanische Filmemacher Ken Burns zeichnet in seiner jüngsten Dokumentarserie »The American Revolution« Ursprung, Verlauf und Folgen der Auseinandersetzung nach. Der Dokumentarfilmer vermittelt dem Publikum seit Jahrzehnten Schlüsselereignisse der nationalen Geschichte und räumt dabei auch mit nationalen Mythen auf. Insgesamt bietet Burns geduldiges Erklärfernsehen unter Einbezug von Historikern und erfreulich dezenten Reenactments. Von konservativer Seite wurden seine Arbeiten häufig kritisiert.

Neben monumentalen Stoffen wie dem Bürgerkrieg (für »The Civil War« bekam er einen Emmy) oder dem Zweiten Weltkrieg (»The War«) hat er sich immer wieder auch spezielleren Sujets wie der Prohibition, der Geschichte des Baseball oder der Coun­try-Musik zugewandt. Für Aufsehen sorgte seine glänzend recherchierte Miniserie »The US and the Holocaust«, in der er anhand von Zeitzeugeninterviews, Archivmaterial und Dokumenten zeigen konnte, dass die USA damals zu wenig unternommen hatten, um jüdische Flüchtlinge vor den Nazis zu retten. Dass er es dann auch noch wagte, am Ende der Serie einen Bogen in die US-amerikanische Gegenwart zu schlagen und beispielsweise das Attentat in der Synagoge in Pittsburgh 2018 thematisierte, brachte ihm endgültig die Feindschaft der Rechten ein.

Die Gegnerschaft zur Krone war während des gesamten Kriegs nicht einhellig; weshalb der Film betont, der Unabhängigkeitskrieg sei »auch ein Bürgerkrieg« gewesen.

Auch »The American Revolution« löste Empörung bei rechten Kulturkämpfern aus. Dazu genügte schon der Hinweis darauf, dass die meisten Gründerväter Sklavenhalter waren. Darunter auch Thomas Jefferson, der die Unabhängigkeitserklärung maßgeblich verfasste, sein Postulat »All men are created equal« aber recht exklusiv verstand. Allein die Erwähnung dieses längst bekannten Umstands dient der US-amerikanischen Rechten als Beleg für Burns’ vermeintliche Voreingenommenheit. Dazu kommt, dass seine Filme vom öffentlich-rechtlichen Sender PBS produziert wurden, den Donald Trump der »linken Indoktrination« beschuldigte. Wie auch dem National Public Radio strich der Kongress PBS im vergangenen Jahr sämtliche Bundeszuschüsse.

Ästhetisch bleibt das sechsteilige, zwölfstündige Projekt noch ganz den Mitteln des späten 20. Jahrhunderts verbunden: Keine effekthaschende Zeitlupe, kein Zeitraffer, die erzählenden talking heads werden vornehmlich frontal gefilmt. Der großzügige Einsatz von Gemälden und Landkarten hat Burns den Vorwurf eingebracht, er verlasse sich auf optische Konzepte aus den fünfziger Jahren. Sein innovativstes Stilmittel ist weiterhin der nach ihm benannte Ken-Burns-Effekt: Die Kamera zoomt in ein statisches Bild, meist ein Gemälde oder eine Landkarte, hinein und wieder hinaus, so dass der Eindruck von Bewegung entsteht. Gerade für die Vermittlung von Epochen, für die kein bewegtes Filmmaterial zur Verfügung steht – für den Amerikanischen Bürgerkrieg konnte er wenigstens schon auf Fotografien zurückgreifen –, erweist sich die recht simpel erscheinende Methode als zweckmäßig. Die häufige Wiederholung des Effekts bedingt eine gewisse Eintönigkeit der Darstellung. Man kann sich diesem Flow aber auch einfach fügen.

Das Drehbuch über die angeblich »folgenreichste Revolution in der Geschichte« stammt von Burns’ langjährigem Stammautoren, dem Historiker Geoffrey C. Ward. Als Prolog dient in seiner Erzählung der French and Indian War von 1754 bis 1763, der in Deutschland nur als der nordamerikanische Teil des Siebenjährigen Kriegs (1756–1763) bekannt ist. Dieser war ein Weltkrieg avant la ­lettre, an dem alle europäischen Groß­mächte teilnahmen und in dem es außer um Herrschaftsansprüche auf dem alten Kontinent auch um Indien, Afrika und eben Nordamerika ging. Die später als Loyalisten und Patrioten Verfeindeten kämpften hier noch Seite an Seite als Anhänger der englischen Krone gegen die Franzosen. Unter ihnen ein wohlhabender Plantagenbesitzer aus Virginia, für den über 100 Sklaven schufteten: George Washington sollte für die von sehr unterschiedlichen Interessen geleiteten Bewohner von Virginia oder Massachusetts später die ideale Integrationsfigur abgeben. Er trug schließlich auch zur Popularisierung der Selbstbezeichnung als Amerikaner bei. Einen Zusammenschluss der Kolonien, aber noch ohne territoriale Eigenständigkeit vom Königreich, hatte Benjamin Franklin schon 1754 vorgeschlagen.

Declaration of Independence

»Declaration of Independence«, Gemälde von John Trumbull, 1819. Das Gemälde zeigt die Vorstellung der Unabhängigkeitserklärung am 28. Juni 1776 in einer fiktiven Szenerie, nicht deren Verabschiedung am 4. Juli desselben Jahres

Bild:
John Trumbull / US Capitol, Gemeinfrei

Die Engländer gingen zwar als Sieger aus dem French and Indian War hervor. Die hohen Kriegskosten veranlassten sie aber zur Erhebung neuer Steuern in den Kolonien, die dort als willkürlich empfunden wurden. Der Stamp Act verfügte etwa, dass nur noch auf lizenziertem Papier geschrieben werden durfte. Immer lauter wurde der Ruf nach politischer Berücksichtigung der Kolonien. Sie wollten nicht besteuert werden, ohne im britischen Parlament vertreten zu sein: »No taxation without representation«.

Der Erlass des Tea Act sollte es der Britischen Ostindien-Kompanie ermöglichen, ihre Ware ohne Zwischenhändler direkt in die Kolonien zu verkaufen; vielen Siedlern galt dies auch als ein Versuch der britischen Krone, eine bereits zuvor erhobene Teesteuer durchzusetzen. Während der Boston Tea Party versenkten die Protestierenden schließlich drei Ladungen Tee im Bostoner Hafen. Die Briten reagierten mit dessen Abriegelung. In der Beschreibung der Eskalationsdynamik betont Burns die Gewaltbereitschaft der Rebellen. Wer sich nicht an ihrem Boykott britischer Produkte beteiligte, hatte mit Bestrafungen bis hin zum Teeren und Federn zu rechnen. Die Gegnerschaft zur Krone war aber während des gesamten Kriegs nicht einhellig, weshalb der Film betont, der Unabhängigkeitskrieg sei »auch ein Bürgerkrieg« gewesen.

Burns widmet sich ausführlich unterschiedlichen Perspektiven von versklavten Menschen und Ureinwohnern, die die bürgerlichen amerikanischen Revolutionäre nur als zu Beherrschende betrachteten.

Die Briten verhielten sich unnachgiebig. Einer Eigenständigkeit der amerikanischen Kolonien, so ihre Befürchtung, würden andere Beherrschte nacheifern, zum Beispiel die Iren. Hinzu kam, dass sie die erregte Stimmung in den Kolonien völlig unterschätzten; Nachrichten brauchten damals noch mehrere Wochen für den Weg ins Mutterland und zurück. Nach und nach entwickelte sich der Konflikt um Eigenständigkeit zum offenen Krieg. In der Schlacht von Bunker Hill am 17. Juni 1775 betrugen die Verluste der angreifenden – und siegreichen – Briten 40 Prozent. Gerade zu Beginn verzeichneten die Aufständischen enorme Erfolge und stießen bis ins heute kanadische Quebec City vor. Nach und nach trieben die Briten sie aber zurück. Diese eroberten 1776 New York City und sollten es bis kurz vor Ende des Kriegs halten. Obwohl es mehrfach aussichtsreich schien, Wash­ing­ton gefangen zu nehmen, ließ ihn der britische General William Howe immer wieder davonkommen. Für eine mythische Geschichtsschreibung ein willkommener Anlass, Washington als vom Schicksal erkorene Figur zu überhöhen.

Vor einigen Jahren sorgte die Historikerin Nikole Hannah-Jones mit ihrem im New York Times Magazine veröffentlichten »Projekt 1619« für Aufregung. Sie deutete die amerikanische Geschichte grundlegend um und rückte das Jahr des ersten Sklaventransports nach Virginia in deren Mittelpunkt. Ein Ansatz, der die späteren Gründerväter weniger als wagemutige Pioniere zeichnet denn als Profiteure der Ausbeutung. Das stieß nicht nur harten Rechten auf. Burns würde kaum so weit gehen wie Hannah-Jones. Doch man merkt ihm das Bestreben an, auch jenen Gruppen Gehör zu verschaffen, die unter den Aufständischen viel zu erleiden hatten. Burns widmet sich ausführlich unterschiedlichen Perspektiven von versklavten Menschen und Ureinwohnern, die die bürgerlichen amerikanischen Revolutionäre nur als zu Beherrschende betrachteten.

Seine Darstellung der Kolonialisten und ihrer Motive ist nüchtern. Verbote der Engländer, weitere Gebiete der Native Americans zu kolonisieren, trugen zur Rebellion bei. Gegen mit den Briten verbündete Stämme führten Washington und seine Männer brutale Strafexpeditionen durch, bei denen die Rebellen sämtliche Ernten zerstörten. Für beide Kriegsparteien kämpften insgesamt an die 20 000 schwarze Menschen, Freie und Versklavte. Washington stand auch dem Einsatz schwarzer Soldaten skeptisch gegenüber. Er befürchtete, dass sich die Sklaven in ihrem Streben nach Freiheit ermutigt fühlen könnten.

Die Briten versprachen jenen Sklaven die Freiheit, die im Krieg auf Seiten der Krone kämpften. Die von ihnen etablierte Institution der Sklaverei stellten sie aber nicht in Frage. Trafen sie Sklaven auf amerikanischer Seite an, versuchten sie, ihrer habhaft zu werden, und verkauften sie dann.

Während auf britischer Seite hessische Söldner um den General Wilhelm zu Innhausen und Knyphausen kämpften, erhielten die Amerikaner entscheidende Unterstützung von den Franzosen unter Ludwig XVI. Denselben König sollte keine zwei Jahrzehnte später eine andere Revolution den Kopf kosten, maßgeblich befeuert durch die leeren Kassen infolge des Kriegs. Auch die spanische Krone unterstützte die Aufständischen. Beiden Königreichen erschien es verlockend, dem großen Rivalen England eine Niederlage zuzufügen. Spanien beförderte damit indirekt die Jahrzehnte später erfolgreichen Unabhängigkeitsbestrebungen in seinen eigenen amerikanischen Kolonien.

Immer wieder fällt im Film die strikte ethnische Repräsentation auf: Der Brief eines hessischen Söldners wird mit deutschem Akzent eingelesen, und wenn es um Sklaverei geht, sprechen vornehmlich Afroamerikaner dazu. Das trägt bisweilen identitäre Züge. Die markante Erzählstimme des Schauspielers Peter Coyote trägt durch das bewegte Schlachtengemälde. Bekannte US-Schauspieler wie Claire Danes, Paul Giamatti und Tom Hanks sprechen historische Zitate aus Briefen und Reden ein.

Die Produktion der Serie wurde vor der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus abgeschlossen. Sie enthält also keine direkten Verweise auf seine zweite Amtszeit, dafür jedoch Anspielungen auf den Siegeszug und die Radikalisierung des Rechtspopulismus im Allgemeinen

Die Produktion der Serie wurde vor der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus abgeschlossen. Sie enthält also keine direkten Verweise auf seine zweite Amtszeit, dafür jedoch Anspielungen auf den Siegeszug und die Radikalisierung des Rechtspopulismus im Allgemeinen. Einen Bezug zu den »No Kings«-Protesten, die sich in Opposition zu Trump und seinem »monarchischen« Regierungsstil gebildet haben, kann der Zuschauer selbst herstellen. Die Proteste erinnern daran, dass am Anfang der amerikanischen Idee die Abnabelung von einem König stand. Trump inspirierten die Proteste zur Verbreitung KI-generierter Videos, in denen Protestierende aus der Luft mit Exkrementen bedeckt werden.

Der Präsident und seine Einflüsterer wollen die amerikanische Geschichte vom inklusiveren Verständnis der vergangenen Jahre reinigen und an das klassische Verständnis der heldenhaften Gründerväter anknüpfen. Sklaverei wird in dieser Erzählung zwar nicht offen befürwortet, aber als historisch verständliche Institution bagatellisiert. Schon 2020 hatte Senator Tom Cotton sie unter Berufung auf die Gründerväter und als Reaktion auf »Projekt 1619« als notwendiges Übel bezeichnet.
Trump versucht, mit einer seiner zahlreichen Executive Orders die größte Bildungseinrichtung auf Bundesebene auf Linie zu bringen: Das Smithsonian Institute, welches auch das National Museum of African American History and Culture betreibt, soll zur »Wiederherstellung der Wahrheit in der Amerikanischen Geschichte« fortan »unangemessene Ideologie« aus ihren Einrichtungen verbannen – und stattdessen als Symbol der Inspiration von der »American Greatness« künden. Für einen grundlegenden Beitrag zur amerikanischen Geschichte hält Trump auch den Werbefilm »Melania«. Sollten Schulen und Universitäten die Dokumentation über seine Ehefrau nicht zeigen, gehöre ihnen die Förderung gestrichen.

Man kann in »The American Revolution« weitere Anspielungen auf gegenwärtige Konfliktlagen finden. Während des Unabhängigkeitskriegs wurden beide Seiten von Pocken gebeutelt. Washington war zunächst zögerlich, seine Truppen mit einem gerade entwickelten Impfstoff zu immunisieren – da dies bedeutete, dass die Soldaten zunächst mehrere Wochen ausfallen würden. Am Ende entschied er sich aber dafür. Auch Impfungen sind nicht nur in den USA wieder zur politischen Streitfrage geworden.

Der Präsident und seine Einflüsterer wollen die amerikanische Geschichte vom inklusiveren Verständnis der vergangenen Jahre reinigen und an das klassische Verständnis der heldenhaften Gründerväter anknüpfen. Sklaverei wird in dieser Erzählung zwar nicht offen befürwortet, aber als historisch verständliche Institution bagatellisiert.  

Die Gründerväter hegten für ihre neuen Vereinigten Staaten nicht die Ambition, eine Demokratie nach modernem Verständnis zu entwickeln. Mit diesem Begriff verbanden sie unter Bezug auf die alten Griechen nicht zuletzt die Tyrannei. Und auch wenn sich das »men« in »All men are created equal« grammatikalisch auch auf Frauen bezogen haben mag – so wirklich scheint James Madison sie beim Erstellen seines Verfassungsentwurfs nicht im Sinn gehabt zu haben. Das Wahlrecht sollten sie bundesweit erst mit dem 19. Verfassungszusatz 1920 erhalten, vergleichbar mit Entwicklungen in europäischen Demokratien.

Madison nannte die Verfassung »lediglich den Entwurf eines Plans«, der zwangsläufig erst noch mit Leben zu füllen war. Auch wenn der Film dies nicht ausspricht, liegt hier ein weiterer versteckter Verweis auf die Gegenwart. Schließlich widerspricht Madisons vorsichtiger Ansatz dem von der Mehrheit der Obersten Bundesrichter verfochtenen Originalismus, also dem Anspruch, die Verfassung exakt nach dem Verständnis der Gründerväter im 18. Jahrhunderts auszulegen. Recht eindeutig erscheint dagegen, dass gemäß der Verfassung jede der drei Gewalten die anderen beiden kontrollieren sollte (»checks and balances«). Donald Trump unterhöhlt diese Form der Kontrolle, indem er die republikanische Kongressmehrheit unter Druck setzt und ihre Unterwerfung faktisch erzwungen hat. Durch die Berufung von Bundesrichtern und Supreme Court Judges verfügt er zudem über genügend Einfluss, um sich auch die Judikative weitgehend vom Leib zu halten.

Zum Abschluss verlässt »The American Revolution« seine historische Zeit und montiert ikonische Bewegtbilder zu einer sehr amerikanischen Fortschrittssequenz: eine frühe Demonstration für Frauenrechte, der D-Day in der Normandie, Bürgerrechtsproteste. Aus dem Off heißt es dazu: »The Revolution is not over.« Was vermutlich optimistisch gemeint war, klingt inzwischen beängstigend.

 

Die Miniserie »The American Revolution« (USA 2025) kann bei PBS gestreamt werden.