Walverwandschaften
Der Wal kam nur bis Poel. Und dort liegt er nun und stirbt, wobei man ihm rund um die Uhr in Livestreams zuschauen kann, auch wenn man nachts naturgemäß außer schwarzem Bild nichts zu sehen bekommt.
Das, was früher Sensationsgeilheit oder Gaffertum hieß, gilt nämlich mittlerweile als Wahrnehmung des Grundrechts auf Information durch mündige Bürger. Konkret verläuft das dann so: Ein Experte oder eine Expertin erklärt die Situation. Und die Leute hören einfach nicht zu, sondern schildern einander ihre von vorneherein feststehende Sicht der Dinge. Hingucken tun sie im Übrigen auch nicht, so dass im Fall eines gesplitteten Wal-Streams, der deutlich gekennzeichnet links das Livebild und rechts Aufnahmen des vorherigen Tags zeigt, alle fünf Minuten jemand in der Kommentarspalte nachfragt, welches die Live-Übertragung sei.
Klar, Wale sind unerhört sensible und intelligente Tiere, die genau wissen, dass es das Internet gibt und ihnen dort Tausende beim Totgehen zugucken
Aber die Hauptsache ist ja ohnehin, dabei zu sein. Nicht um zu gaffen natürlich, sondern um Timmy, Hope, Ferdinand oder wie immer der Wal in der jeweiligen Bubble von seiner selbsternannten Verwandtschaft getauft wurde, auf seinem letzten Weg beziehungsweise über die Regenbogenbrücke zu begleiten. Man sehe nur zu, damit er nicht allein sterben müsse, wird dazu gern erklärt, weil klar, Wale sind unerhört sensible und intelligente Tiere, die genau wissen, dass es das Internet gibt und ihnen dort Tausende beim Totgehen zugucken. Wenn die Walverwandten nicht gerade damit beschäftigt sind, Experten und Politiker zu beleidigen oder zu bedrohen, die alle kein Herz haben und den Wal nicht retten wollen, dabei wäre das so einfach, man müsste ihn bloß mit einem Kran aus dem Wasser heben und dann auf einen LKW laden und in den Atlantik fahren. Oder den Schlick unter ihm wegschaufeln. Denn ganz klar, der Wal will leben, er darf nur nicht, weil die da oben aus finsteren Gründen dagegen sind. Weswegen der Wal auch keinesfalls posthum in ein Museum kommen darf, denn Museen wollen nichts anderes als Geld verdienen. Was die Livestreamer dagegen natürlich nicht wollen, sie senden aus purer Güte und Liebe zum Wal. Der es im Übrigen allen noch zeigen wird, irgendwann, wenn er als verspätetes Osterwunder auferstanden sein wird, ganz klar.