Jungle+ Artikel 16.04.2026
Interviewband zum Frankfurt der Achtundsechziger

Boomer-Utopie und Millennial-Melancholie

Kenneth Hujers Interviewbuch über das Frankfurt der Achtund­sechziger kreist um Erinnerungen an alte Größe. Wo sich einst ­Widersprüche und Möglichkeiten ballten, herrscht heutzutage Wehmut.

Wenn Melancholie herumspukt, ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Wie in den heimlichen Hauptstädten Westdeutschlands. Einst läuteten junge Menschen dort kleine Kulturrevolutionen ein: Das Pop-Radio der Alliierten verdrängte den deutschen Schlager, Düsseldorfs ab­strakte Kunst den Realismus, Münchens Chic das Nachkriegsspießertum und Frankfurts Protest den Untertanengeist. Nach und nach rangen die damals Jungen der konservativen Bonner Republik eine modernistische Kultur ab.

Wer heute die Kultur verändern will, zieht spätestens seit den nuller Jahren eher nach Berlin oder Leipzig oder geht einfach ins Internet. Das Vermächtnis der Damaligen in den alten Zentren im Westen ist überschaubar. Kultige Szene-Läden, (post)moderne Architektur, ehrwürdige Ateliers, Zeitschriften und Stiftungen zeugen noch von ihrer großen Zeit. Nicht selten schwärmen alternde Avantgardisten dort selbst von früher. Doch wie gehen jüngere Generationen dort mit dem Kulturerbe der Boomer um?

Die Älteren befragen, lautet Kenneth Hujers Antwort. Für sein Buch »All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt« sprach er mit Zeitzeugen über das alte Frankfurt zwischen den sechziger und achtziger Jahren. Die Fotografin Barbara Klemm oder Achtundsechziger-Star Daniel Cohn-Bendit erzählen ebenso wie Persönlichkeiten aus Theater, Konzeptkunst, Architektur, Film, Literatur, Musik und Psychoanalyse von der Frankfurter Lust an der ­Provokation.

Gesellschaftliche Gegensätze lagen hier offener als anderswo zutage. Und ­junge Menschen konnten diese in alternativen Szenen und bürgerlichen Institutionen verarbeiten und in die westdeutsche Öffentlichkeit tragen.

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