»Das wirkt nicht neutral«
Was hat eure Arbeit als Initiative im vergangenen Jahr ausgemacht?
Sonî: Die Arbeit läuft auf vielen Ebenen gleichzeitig – Pressearbeit, Social Media, am Gedenkort und bei Demonstrationen. Es geht nicht darum, dass irgendwer nach vorne geht und entscheidet: Das ist jetzt der richtige Weg.
Josch: Wir gründeten uns im Schock der ersten Tage, haben aber nicht bei null angefangen. Es gab schon Strukturen in Oldenburg – etwa Leute, die Gedenkarbeit zum Attentat in Hanau gemacht hatten. Und ähnliche Initiativen vor unserer, wie den Solidaritätskreis Mouhamed aus Dortmund, von deren Arbeit wir viel gelernt haben. Für mich hat die Initiative vor allem Bewegungscharakter: Die Freunde von Lorenz, die bei den Demos in der ersten Reihe stehen, gehören genauso dazu wie die im Plenum.
»Das Handy des Schützen wurde erst drei Tage nach der Tat sichergestellt. Bevor Anklage erhoben wurde, war die Notärztin noch nicht vernommen worden, genauso wenig die Rettungskräfte.«
Lorenz A. hatte damals Reizgas in Richtung der beiden Polizisten gesprüht, die ihn verfolgt hatten, und ist an ihnen vorbeigelaufen. Einer der Beamten schoss daraufhin fünfmal, drei Kugeln trafen Lorenz A. in den Rücken. Wie bewertet ihr die bisherigen Ermittlungen und die Anklage?
J: Bezeichnend ist, dass nach Lorenz’ Tod gegen ihn selbst ermittelt wurde. Dass gegen den Schützen im November lediglich wegen »fahrlässiger Tötung« Anklage erhoben wurde, ist für uns unverständlich. Es wäre extrem verharmlosend, wenn das der Schluss der Ermittlungen sein sollte.
S: Nur kleine Beispiele: Das Handy des Schützen wurde erst drei Tage nach der Tat sichergestellt. Bevor Anklage erhoben wurde, war die Notärztin noch nicht vernommen worden, genauso wenig die Rettungskräfte. Es fehlt immer noch Transparenz, aber es wurden schon Entscheidungen getroffen.
Die Staatsanwaltschaft argumentiert, der Schütze habe geglaubt, in Notwehr zu handeln, deshalb könne ihm kein vorsätzliches Tötungsdelikt vorgeworfen werden. Deshalb sei er nicht wegen Totschlags angeklagt worden.
J: Die Staatsanwaltschaft sollte neutral sein, bringt aber selbst die Putativnotwehr in Stellung. Das wirkt nicht neutral, sondern wohlwollend gegenüber dem Schützen. Bis heute ist unklar, ob es überhaupt zu einem Prozess kommt: Darüber entscheidet noch das Gericht.
Was motiviert euch als Initiative?
J: Ein Slogan aus der ersten Demo: »LLL – Long Live Lorenz«. Das klingt vielleicht widersprüchlich, Lorenz wurde erschossen. Aber wir wollen die Erinnerung an ihn aufrechterhalten, als Aufgabe der Freunde und Mahnung an die Gesellschaft.
Warum geht ihr Sonntag auf die Straße?
J: Wenn der Staat solche Gewalt ausübt, werden wir uns wehren. Wir lassen niemanden allein, stehen zusammen mit der Familie und vielen Freund:innen von Lorenz. Der Schmerz verschwindet nicht, aber es macht einen Unterschied, am Sonntag zu zeigen: Ihr seid nicht allein!
S: »Ich will nicht, dass er zu einer Statistik wird. Nicht, dass sein Name vergessen wird« – das hat sein Freund Ihsan gesagt. Schweigen normalisiert seinen Tod und weitere solcher Fälle.