Der analoge Mann
Über Ostern verbrachten Julia und ich eine Woche in Barcelona. Wir haben das dort jährlich stattfindende Treffen der Urban Sketchers zum Anlass unserer Reise genommen. Während Julia am Freitagvormittag einen Workshop besuchte, ging ich zu einem kostenlosen Sketch Walk. Der Treffpunkt war vor dem Kulturzentrum La Lleialtat Santsenca. Als ich ankam, waren dort bereits Dutzende von Zeichnerinnen und Zeichner versammelt.
La Lleialtat Santsenca gehört zu den ersten spanischen Kooperativen, gegründet 1891. Zweck der Kooperative war der gemeinschaftliche Erwerb von Lebensmitteln, um allen Mitgliedern günstigere Preise zu ermöglichen; in das heutige unter ihrem Namen bekannte Gebäude zog die Genossenschaft 1928 ein. Unter Franco wurde die Kooperative unter die Kontrolle des Regimes gestellt. Später zog eine Nougatfabrik ein, dann ein Nachtclub, der 1988 geschlossen wurde. 2006 war das Haus kurz besetzt. Seit 2009 versuchten verschiedene Gruppen, Druck auf die Stadt auszuüben, um das Gebäude als Kulturzentrum zu nutzen. Eröffnet wurde es schließlich 2017. Heutzutage nutzen rund 60 Gruppen das Zentrum zur Tanz- und Chorprobe, um Scrabble zu spielen oder für das Training der Castells, der berühmten katalanischen Menschenpyramiden.
Warum läuft manches in Barcelona so viel besser als in Berlin? Erst dann sehe ich das große »Stoppt den Völkermord in Gaza«-Banner.
Bevor ich mir einen Platz zum Zeichnen suche, unterhalte ich mich im Erdgeschoss des modernen, innen völlig entkernten Gebäudes kurz mit Nuria, einer der Koordinatorinnen des Zentrums. Ich frage sie nach dem offenen Brief der Koordinatoren, in dem das Zentrum sein Bekenntnis zur Selbstverwaltung bekräftigt, der seit neuestem ganz oben auf der Website von La Lleialtat Santsenca steht. Was hat es damit auf sich? Ist das Zentrum bedroht? Nuria verneint. Die Selbstverwaltung sei Teil eines ungeschriebenen Vertrags mit der Stadt, der das Gebäude gehöre. Und der gegenüber wolle man die Wichtigkeit dieser Organisationsform, als Beispiel für direkte Demokratie, eben immer mal wieder erklären. Außerdem sei vor kurzem ein gegenüberliegendes Kulturzentrum der Stadt privatisiert worden.
Das Zentrum macht einen tollen, sehr gut organisierten Eindruck. Würde ich hier wohnen, würde ich sofort mitmachen, sage ich zum Abschied. Warum läuft manches in Barcelona so viel besser als in Berlin? Warum fahren hier die U-Bahnen pünktlich, sind sauber und dazu auch noch billiger als die BVG? Könnt ihr mal in Barcelona anrufen und fragen, wie das geht, BVG? Ich bedanke mich und gehe nach draußen, um mir einen Platz zum Zeichnen zu suchen. Erst jetzt sehe ich das große »Stoppt den Völkermord in Gaza«-Banner. War ja klar: katalanische Linke eben. Oder: Linke international. Ich bin etwas enttäuscht, aber nicht überrascht. Draußen sitzen alle bereits im Schatten und zeichnen konzentriert. Ich setzte mich dazu. Später sehe ich beim Throw-down, bei dem alle Skizzenbücher auf den Boden gelegt und betrachtet werden, auf einigen Bildern das Gaza-Banner. Viele aber haben es weggelassen, die meisten eine andere Perspektive auf das Haus gewählt. Die Gaza-Trennlinie ist vielleicht doch nicht so scharf gezeichnet.