16.04.2026
Libanon-Krieg

Die Front im Norden

Täglich wird der Norden Israels mit Raketen und Drohnen der Hizbollah beschossen. Die israelische Armee verstärkt ihre Angriffe auf die Terrormiliz, die auch die libanesische Zivilbevölkerung stark in Mitleidenschaft ziehen. Angriffe auf Hochburgen der Hizbollah im Großraum Beirut wurden aus diplomatischen Rücksichten vorerst ausgesetzt.

Die fragile Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran hat auch zu einer Einstellung der direkten Kampfhandlungen zwischen Israel und der Islamischen Republik geführt. Der Krieg zwischen der aus dem Libanon operierenden iranischen Stellvertretermiliz Hizbollah und Israel aber geht weiter.

Israelische Medien berichteten am Wochenende von Dutzenden Raketen- und Drohnenangriffen der Hizbollah auf Nordisrael. In den Städten Nahariya, Safed und Karmiel wurden Gebäude zerstört. Die Schulen in der Region bleiben weiterhin geschlossen, da eine Intensivierung der Hizbollah-Angriffe befürchtet wird. »Es gibt keinen Moment, in dem keine Explosionen zu hören sind. Die ganze Gegend ist unter Dauerfeuer«, sagte Beni Ben Muvchar, der Vorsitzende von Mevo’ot HaHermon, dem nordisraelischen Regionalrat, dem israelischen Fernsehsender Kan 11 am Freitag vergangener Woche.

Ungefähr zur selben Zeit griff die israelische Armee eigenen Angaben zufolge 200 Ziele der Hizbollah an. Bereits einen Tag nach der Verkündung der Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran flog Israel demnach mit 50 Flugzeugen einen der größten koordinierten Angriffe gegen die schiitische Miliz. Dabei wurden mindestens 254 Menschen getötet und über 1.000 verletzt. Der libanesische Ministerpräsident Nawaf Salam verurteilte die Angriffe scharf, die sich »gegen Hunderte unschuldiger, wehrloser Zivilisten« gerichtet hätten. Zudem intensivierte die israelische Armee (IDF) ihre Bodenoperation im Libanon. Am Sonntag begann eine Razzia im südlibanesischen Dorf Bint Jbeil, das als Hochburg der Hizbollah gilt. Am Tag darauf berichteten die IDF, kurz vor dessen Einnahme zu stehen und über 100 Kämpfer der Terrororganisation getötet zu haben.

Die Hizbollah droht einen Bürgerkrieg im Libanon vom Zaun zu brechen, sollte es zu einer libanesisch-israelischen Verständigung kommen, die eine Zerschlagung der schiitischen Miliz vorsieht.

Seit Beginn des Kriegs mit dem Iran Ende Februar sind Armeeangaben zufolge im Libanon über 1.400 Hizbollah-Terroristen getötet worden. Das libanesische Gesundheitsministerium zählt für denselben Zeitraum 1.800 Tote, wobei es nicht zwischen Hizbollah-Kämpfern und Zivilisten unterscheidet. Zudem befinden sich nach Angaben der Vereinten Nationen seit Kriegsbeginn über eine Million Menschen innerhalb des Libanons auf der Flucht. Sie fliehen vor allem aus dem Süden des Landes, wo die IDF gegen die Hizbollah vorgehen. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz kündigte Ende März an, Israel werde nach dem Einsatz im Südlibanon eine Pufferzone einrichten und eine Rückkehr der Vertriebenen solange verhindern, bis in Nordisrael wieder Sicherheit gewährleistet sei. Zugleich drohte er, die libanesischen Grenz­orte nach dem Vorbild von Rafah und Beit Hanoun dem Erdboden gleichzumachen.

Yaacov Amidror, ein ehemaliger Vorsitzender von Israels Nationalem Sicherheitsrat, erklärt die Absicht der israelischen Regierung: »Letzten Endes wollen wir, dass die libanesische Armee die Hizbollah zerschlägt. Deswegen führen wir Verhandlungen mit der libanesischen Regierung, während wir gleichzeitig militärisch gegen die Hizbollah vorgehen«, sagte er am Freitag voriger Woche auf Kan 11. Der israelische Privatsender Keshet 12 zitiert aus einem Kommuniqué der israelischen Regierung an die Sicherheitsbehörden, wonach ein Ziel der israelischen Militäroperation im Libanon darin bestehe, die libanesische Regierung dazu zu bringen, die Entwaffnung der Hizbollah voranzutreiben.

»Die Libanesen haben die Nase voll davon, dass die Hizbollah ihr Land in Kriege zieht, um es iranischen Interessen zu opfern«, sagt die frühere Mossad-Mitarbeiterin Sima Shine der Jungle World. Allerdings sei die libanesische Regierung zu schwach, um gegen die proiranische Miliz vorzugehen.

Ende März kritisierte auch Ministerpräsident Salam die Hizbollah scharf. Er sagte, die Operationen der Organisation würden aus dem Iran gesteuert und ihre Raketenangriffe auf Israel hätten sein Land in einen Krieg gezogen, den es nicht wolle. Kurz darauf erklärte das libanesische Außenministerium den iranischen Botschafter Mohammad Reza Sheibani zur persona non grata und forderte ihn auf, das Land zu verlassen. Über 200 Hizbollah-Anhänger und Sympathisanten zogen daraufhin vor die iranische Botschaft in Beirut und solidarisierten sich mit dem Botschafter. Der Iran wies die Ausweisungsforderung zurück und Sheibani blieb in Beirut. Sarit Zehavi, die Präsidentin des auf sicherheitspolitische Entwicklung an Israels Nordgrenzen spezialisierten Forschungsinstituts Alma, sieht darin ein klassisches Beispiel dafür, dass sich der libanesische Staat nicht gegen die Hizbollah durchsetzen kann. Medienberichten zufolge droht die Hizbollah, einen Bürgerkrieg im Libanon vom Zaun zu brechen, sollte es zu einer libanesisch-israelischen Verständigung kommen, die eine Zerschlagung der schiitischen Miliz vorsieht. Mahmoud Qmati, der stellvertretende Vorsitzende des politischen Rats der Terrormiliz, hatte damit bereits im Januar gedroht.

Dass sie dazu in der Lage ist, zeigt auch eine Analyse des Forschungsinstituts Alma, die sich auf IDF-Quellen beruft, wonach etwa die Hälfte der insgesamt 1.121 Angriffe der Hizbollah auf Nordisrael zwischen dem 2. März und dem 5. April vom Gebiet südlich des Flusses Litani ausgegangen sei, das gemäß der nach dem Libanon-Krieg 2006 verabschiedeten UN-Resolution 1 701 unter der ausschließlichen Kontrolle der libanesischen Armee und der Soldaten der UN-Mission Unifil stehen und frei von nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen wie der Hizbollah sein sollte. Dass dem nicht so ist, kritisiert Israel seit langem. Wie unfähig Unifil ist, gegen die Hizbollah vorzugehen, bestätigte der BBC-Journalist Jotam Confino im Oktober 2024 mit Aufnahmen aus der Gegend, die Tunnel der Terrormiliz in 100 Metern Entfernung von Unifil-Stützpunkten zeigten. Es sei nicht vorstellbar, dass Unifil nichts davon wusste, so Confino.

Viele Bewohner des israelischen Nordens sehen sich mit der Bedrohung durch die Hizbollah alleingelassen. Kommunalpolitiker dortiger Gemeinden fordern von der Regierung, die Zerschlagung der Hizbollah in einem offiziellen Kabinettsbeschluss als Kriegsziel zu benennen. 

Während die Operationen der israelischen Armee im Südlibanon weitergehen, berichteten israelische Medien am Wochenende, dass Angriffe im Beiruter Vorort Dahieh, der als eine weitere Hochburg der Hizbollah gilt, vorübergehend eingestellt worden seien. Der Journalist Yaron Avraham sprach auf Keshet 12 am Samstag von einer Direktive an die Armee, wonach Einsätze in Beirut seit kurzem der Genehmigung durch die Regierung bedürften. So sei ein unmittelbar bevorstehender Angriff auf Gebäude, in denen sich Einrichtungen der Hizbollah befinden sollten, abgebrochen worden, nachdem die Bewohner bereits von der israelischen Armee zur Evakuierung aufgefordert worden waren. Ein Bericht auf Kan 11 brachte diese Entwicklung in Verbindung damit, dass die israelische Regierung der libanesischen Regierung entgegenkommen wolle im Hinblick auf Friedensgespräche in Washington, D.C., am vergangenen Dienstag. Avraham stellte hingegen diplomatischen Druck aus den USA in den Vordergrund. Bei den mittlerweile abgebrochenen US-amerikanisch-iranischen Friedensgesprächen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad drang der Iran darauf, die Waffenruhe auf die Libanon auszudehnen.

Viele Bewohner des israelischen Nordens sehen sich hingegen mit der Bedrohung durch die Hizbollah alleingelassen. Kommunalpolitiker dortiger Gemeinden fordern von der Regierung, die Zerschlagung der Hizbollah in einem offiziellen Kabinettsbeschluss als Kriegsziel zu benennen. »Wir erwarten, dass die Hizbollah zerstört wird. Wir haben keine anderen Optionen. Unsere Bürger dürfe nicht länger unter dem Feuer der Hizbollah leiden«, sagte Moshe Davidovich, der Vorsitzende des Regionalrats Mateh Asher im westlichen Galiläa-Gebirge, dem Sender Kan 11.

Am Sonntag sagte Verteidigungsminister Katz bei einem Besuch der IDF-Truppen im Südlibanon bezüglich der Hizbollah: »Wir beseitigen die Bedrohung. Man kann die Zivilbevölkerung nicht mit der Gefahr durch Panzerabwehrraketen und terroristische Infiltrationen alleinlassen. Unser Ziel ist die Entwaffnung der Hizbollah.« In den Wochen zuvor war in Israel kontrovers darüber diskutiert worden, ob die Entwaffnung der Terrormiliz überhaupt zu den Kriegszielen zähle, nachdem ein namentlich nicht genannter Armeeangehöriger dahingehend zitiert worden war, dass dies weder der Fall noch überhaupt realistisch sei.