Sergio Bologna prägte als Theoretiker die radikalen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre: Er war Mitgründer der wichtigsten publizistischen Organe des Operaismus wie der Quaderni Rossi im Jahr 1961 und von Classe Operaia 1964 und gehörte zum nationalen Sekretariat der 1969 gegründeten Organisation Potere Operaio. Sein Leben lang analysierte er die politischen Entwicklungen der Gegenwart; das jüngste Interview mit Bologna, über die gesellschaftlichen Bedingungen des Aufstiegs der extremen Rechten in Italien, veröffentlichte die Jungle World im Januar. Am Donnerstag, dem 16. April, spricht Bologna in Berlin auf Einladung der Hellen Panke und der Jungle World über die Entwicklung des Operaismus. Weniger bekannt dürfte vielen sein, dass der marxistische Intellektuelle im Logistiksektor arbeitete, dem er nicht nur als Theoretiker Aufmerksamkeit widmete: Seit den achtziger Jahren beriet Bologna Ministerien, Unternehmen und Behörden in Logistikfragen, und jahrelang war er Leiter des Büros der Hafen- und Schifffahrtsunternehmer von Triest (Agenzia Imprenditoriale Operatori Marittimi di Trieste, AIOM). Bologna war somit unmittelbar im Bereich der Containerschifffahrt tätig, die ab den siebziger Jahren den Welthandel revolutionierte.
Am Donnerstag, dem 16. April, spricht Bologna in Berlin auf Einladung der Hellen Panke und der Jungle World über die Entwicklung des Operaismus.
Gerade weil die internationalen Lieferketten immer effizienter und enger getaktet organisiert wurden, seien sie immer anfälliger für Störungen geworden, sagte Bologna 2021 im Gespräch mit der Jungle World. Damals, während der Covid-19-Pandemie, mussten Containerschiffe monatelang auf See bleiben, weil sie ihre Zielhäfen nicht anlaufen durften, woraufhin die Preise weltweit in die Höhe schossen. Ganz in operaistischer Tradition wies Bologna darauf hin, welche Arten der Arbeit diesem System und dessen Krise zugrunde lagen: von den überarbeiteten Lastwagenfahrern in den Häfen über die Beschäftigten in der in unzählige Subunternehmen aufgesplitterten Transportbranche bis zu den Zehntausenden Seeleuten, die in der Pandemie am meisten litten, weil sie oft bis zu einem Jahr lang auf ihren Schiffen gefangen waren.
Auch bei den derzeitigen Berichten über die iranische Seeblockade der Straße von Hormuz wird oft nicht bedacht, dass 20.000 Seeleute auf Öltankern und anderen Schiffe im Kriegsgebiet im Persischen Golf festsitzen. Diese mussten mitansehen, wie zahlreiche Schiffe mit ihren Kollegen an Bord von iranischen Drohnen und Raketen zerstört wurden, wobei bislang ein Dutzend Matrosen ums Leben gekommen sind. In einer geradezu operaistischen Pointe gaben einige von ihnen dem britischen Guardian zu Protokoll, dass sich auf ihrem Schiff angesichts dieser Lebensgefahr und der überall zu befürchtenden Seeminen rund 90 Prozent der Mannschaft weigern würden, die Straße zu durchqueren, also in den Streik treten – und zwar selbst dann, wenn sich die Kriegsparteien auf ein Ende der Blockade einigen sollten.
Sergio Bologna spricht über denOperaismus, im »About Blank«, Markgrafendamm 24c, Berlin, 16. April, 19 Uhr. Eine Veranstaltung von Helle Panke e. V. in Kooperation mit der Jungle World.