Jungle+ Artikel 16.04.2026
White Rex

Kapustins Märchenstunde

Der russische Neonazi Denis Kapustin, der auf Seiten der Ukraine kämpft, macht aus seiner Weltsicht keinen Hehl. Auf besonders viel Kritik unter russischen Exiloppositionellen stößt das nicht.

Einen überzeugten Neonazi über viereinhalb Stunden bei seiner Selbstinszenierung zu beobachten, ist zweifellos eine Zumutung. Rechtfertigen ließe sich so ein Zeitaufwand durch einige kritische Fragen, doch die blieb der Interviewer Jurij Dud weitestgehend schuldig. Anfang April veröffentlichte der für seine ausführlichen Videointerviews bekannte russische Journalist im Exil die Aufnahme seines Gesprächs mit Denis Kapustin, in Neonazi-Kreisen besser bekannt als White Rex. Inzwischen verzeichnet das Youtube-Video auf Duds Kanal über zehn Millionen Aufrufe. Wie viele der am Gesprächsinhalt Interessierten bis zum Ende durchgehalten haben, lässt sich dem freilich nicht ­entnehmen.

Nun ist Kapustin, der früher gelegentlich unter dem Pseudonym Nikitin in Erscheinung trat, nicht irgendjemand, sondern Gründer und Kommandeur des Russischen Freiwilligenkorps (RDK) und hätte allein schon deshalb viel Wissenswertes zu berichten. In dieser dem ukrainischen Militärnachrichtendienst GUR angegliederten Spezial­einheit schlossen sich russische Nationalisten zusammen, um gegen Russland zu kämpfen (­Jungle World 2/2026). Mittlerweile setzt sich das Korps zwar wegen hoher Verluste und deren Ersatz durch Neuzugänge nicht mehr ausschließlich aus Rechtsextremen zusammen, sein Anführer bleibt sich und seiner Einstellung aber ungebrochen treu.

Dass die russische Nazi-Gruppe BORN die Antifa-Bewegung ausgelöscht habe, ist für Kapustin ein Grund, sich zu freuen: »Vielleicht haben sie mir auf diese Weise das Leben gerettet.«

Im Interview gab Kapustin vor, seinen Ruf als Neonazi-Anhänger wider­legen zu wollen, und unterstellte Dud mehrere Male, dieser versuche, ihn ­gezielt als solchen zu entblößen. Dabei war Duds Gesprächstaktik im Gegenteil darauf ausgelegt, Kapustin die Gelegenheit zu geben, sich zu erklären oder gar als geläutert zu präsentieren.

Noch kein Abonnement?

Um diesen Inhalt zu lesen, wird ein Online-Abo benötigt::