Signalfeuer und Lästerungen
Weil prominentere Namen wie Randy George, der ranghöchste Offizier der US-Landstreitkräfte, ebenfalls auf der Rauswurfliste von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth standen, fand es nur wenig Beachtung, dass auch Generalmajor William Green Jr. als Chief of Chaplains of the United States Army Leiter der US-Militärseelsorge entlassen wurde. Das war in der mehr als 250jährigen Geschichte des Chaplain Corps – es wurde ein Jahr vor der Unabhängigkeitserklärung gegründet – noch nie vorgekommen.
Hegseth, der ein Kreuzzügler-Tattoo trägt, nannte wie auch bei den anderen Entlassungen keine Gründe, doch deutet ein Vorfall von Anfang März an, welche Richtung er den Geistlichen wohl vorgeben möchte. Die säkulare NGO Military Religious Freedom Foundation meldete da, dass sie seit Beginn des Iran-Kriegs mehr als 200 Beschwerden von Angehörigen der Streitkräfte über Endzeitpredigten von Offizieren erhalten hatte. »Er sagte, dass ›Präsident Trump von Jesus dazu auserwählt wurde, das Signalfeuer im Iran zu entzünden, um das Armageddon herbeizuführen und seine Rückkehr auf die Erde zu verkünden‹«, so ein Unteroffizier. Das Pentagon gab keine Antwort auf die Medienanfrage, ob Hegseth dies angeordnet habe; die Zahl allein der gemeldeten Vorfälle erscheint jedoch zu hoch für spontane Anfälle von Glaubenseifer. Das Chaplain Corps, dem auch nichtchristliche Geistliche angehören, sieht seine Aufgabe in seelsorgerischer, also religiös unterfütterter psychologischer Betreuung. Der Verdacht liegt nahe, dass Hegseth – der noch keinen Nachfolger für Green ernannt hat – es in eine Propagandaabteilung verwandeln will, die Donald Trump als heilsgeschichtliche Figur preist und jene diffusen christlich-nationalistischen Lehren predigt, die einen Übergang zur autoritären Herrschaft ideologisch begleiten sollen.
Die säkulare NGO Military Religious Freedom Foundation meldete, dass sie seit Beginn des Iran-Kriegs mehr als 200 Beschwerden von Angehörigen der Streitkräfte über Endzeitpredigten von Offizieren erhalten hatte.
Anders als im politischen Islam sind theologische Bezüge im rechten und rechtsextremen christlichen Nationalismus kaum zu finden. So spielt etwa der traditionelle christliche Keuschheitsbegriff keine Rolle, als Abweichung von der religiösen Norm werden allein Homo- und Transsexualität gegeißelt. Die theologische Schwammigkeit ermöglicht die Zusammenarbeit des Rechtskatholiken J. D. Vance mit Hegseth, der der Communion of Reformed Evangelical Churches angehört – aber auch die russische Orthodoxie Wladimir Putins kann eingemeindet werden. Man solle »für den Gott unserer Väter« einstehen, sagte Vance bei seinem Besuch in Ungarn – die Leitidee eines patriarchalen christlichen Obrigkeitsstaats prägt auch die Außenpolitik. Angestrebt werde »eine Föderation christlich-nationalistischer Staaten«, so Robert P. Jones, Präsident des Public Religion Research Institute, einer NGO, die Zusammenhänge zwischen Religion und Kultur untersucht.
Mit der Endzeit allerdings gibt es Probleme. Bibelkundige wissen, dass auch von den wahren Gläubigen nur eine kleine Minderheit die Apokalypse überlebt – nicht die beste Motivationsansprache, wenn man in den Krieg zieht. Und auch mit der Rollenverteilung zwischen Gut und Böse ist es so eine Sache, denn über das Große Tier mit der 666 heißt es: »Es ward ihm gegeben ein Mund, zu reden große Dinge und Lästerungen.« An wen denkt man da zuerst?