23.04.2026
Ak'chamel, Merz und Hiroko Oyamada

Scharlatane überall

Popkolumne. Lieder und Lektüren für die Work-Life-Balance – Ak’chamel, Merz und Hiroko Oyamada.

Erst gibt’s 1.000 Euro Inflations­bonus – falls dein Chef noch flüssig ist – und jetzt wird dummdreist das marode Gesundheitssystem »optimiert«: vor dem neuen Knie bitte erst die Zweitmeinung! Ob Frau Warken schon mal versucht hat, als Kassenpatientin überhaupt eine Erstmeinung zu kriegen?

Ob Frau Warken schon mal versucht hat, als Kassenpatientin überhaupt eine Erstmeinung zu kriegen?

Das Einzige, was uns in Zeiten all dieser Reformlügen gesundheitlich noch helfen kann, ist eine rituelle Geisterbeschwörung durch echte Scharlatane! Wie zum Beispiel auf »Spiritually Unemployed«, dem neuen Album der texanischen Psych-Folk-Band Ak’chamel. Die sind eine Art Tiki-Voodoo-Band und klingen genauso nach Gnawa aus Marokko wie nach teutonischem Krautrock oder dem Psych-Sound der 13th Floor Elevators. Die spirituellen Hochstapler und schamlosen kulturellen Aneigner spielen mit lebhafter Überzeugung. Und sehen dabei aus wie eine Mischung aus Schamane und Räuchermännchen. Am 25. April kann man dem herrlichen Mummenschanz in der Berliner Galiläakirche beiwohnen.

Aber was sagt der Zeitgeist? Als die jüngste Tochter von Friedrich Merz sich im Zweifel war, was sie machen soll, brachte Daddy ihr, wie er stolz erzählte, von seiner USA-Reise ein Holzbrettchen mit. Darauf stand »The way to success« und beim Aufklappen: »Work«. Das entspricht in etwa der Philosophie der »Fabrik« im gleichnamigen Roman von Hiroko Oyamada, den sie nach ihrem Studium schrieb, als sie bei einem Autohersteller jobbte.

Ein Buch über Entfremdung in der Arbeitswelt

Das Fabrikgelände ist riesig, mit eigenen Wohnsiedlungen, Supermärkten, Restaurants und Karaokebars. Alles ist da: Post, Wäscherei, Tankstelle, sogar Berge, ein Fluss und ein Wald, in dem ein »Hosenzieher« sein Unwesen treibt. Dort einen ­Arbeitsplatz zu ergattern, gilt in Zeiten der Wirtschaftsflaute als Glücksfall. Einer jungen Frau, einem ­Systemtechniker und einem Wissenschaftler ist das gelungen, sie dürfen Akten schreddern, sinnlos Korrektur lesen oder Moosführungen leiten. Die Beschäftigten haben keine Ahnung, was in der Fabrik eigentlich hergestellt wird.

Und dann tummeln sich auf dem Gelände auch noch pechschwarze Kormorane, ­riesige Biberratten und womöglich sogar Echsen, die sich von den schmierigen Rückständen aus Wasch­maschinen ernähren. Ein Buch über Entfremdung in der Arbeitswelt, das nach dem Sinn fragt. ­Unsere Tochter muss jedenfalls ­keine Holzbretter lesen, wir empfehlen nicht nur ihr »Die Fabrik« zur Lektüre.