23.04.2026
Tot oder lebendig – die mediale Jagd nach dem Wal

Wir haben Wal!

Allgemeine Beklopptness: Jetzt gilt der Wal als Beispiel für »Staatsversagen«.

Reporter reisen per Kleinflugzeug an, Nachrichten-Teams chartern Motorboote und Hubschrauber und fordern mehr Umweltschutz, deutschtümelnde Influencer organisieren Demonstratiönchen für den Meeressäuger, eigentlich auf bayerische Unglücksfälle spezialisierte Nachrichtenagenturen streamen rund um die Uhr aus Norddeutschland und rechtspopulistische Zeitungen werden plötzlich Fernsehsender. Weil Wal.

Unabhängig davon, ob die Rettung des an diesem Montag nun schon zum vierten Mal in der Ostsee gestrandeten Tiers gelingt oder nicht: So wird es nun immer sein. Nicht nur, wenn mal wieder ein Wal orientierungslos durch deutsche Gewässer irrt, sondern eben jede Mal, wenn die Volksseele kocht, was ein besonders bescheuertes Bild ist, aber im Rahmen der allgemeinen Beklopptness kommt es darauf nun auch nicht mehr an. 

Der Wal lag einfach nur herum und atmete.

Interessanterweise war der Wal besagter Volksseele anfangs noch relativ egal, erst durch die Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung und deren begleitende Chats, in denen Menschen nicht nur gemeinsam beteten, das Leid des Tiers beklagten, weinten und auf »die da oben« schimpften, nahm das Thema Fahrt auf, was als Bild auch nicht unbescheuert ist, aber wie gesagt, nun auch wurscht.

Lange dauerte es dann auch nicht mehr, bis gewisse Begehrlichkeiten bei anderen Medien entstanden, die das auch alles haben wollten: Klicks, viele Klicks! Tausende begeisterte Fans! Spenden- und Werbeeinnahmen! Obwohl der Nachrichtenwert dieser Liveübertragungen im Prinzip nicht vorhanden war – der Wal lag halt nur herum und atmete –, fühlten sich die Zuschauer interessanterweise bestens informiert.

Verschwörungsquatsch und Helikopterführerschein

Vielleicht, weil alles so spannend war, schließlich kam alle fünf Minuten jemand und verbreitete neuen Verschwörungsquatsch, vielleicht aber auch nur, weil das Gemeinschaftserlebnis so herrlich war, man weiß es nicht.

Jedenfalls: Was sonst noch so auf der Welt passierte, wurde immer unwichtiger, und so wird das jetzt eben immer sein, vielleicht sollte sich die Jungle World auch mal langsam Kameras anschaffen. Könnte ja sein, dass mal ein Löwe irgendwo ausbricht. Und jemanden mit Helikopterführerschein einstellen, natürlich.