23.04.2026
In Zypern fand das Kandidatenturnier einen überraschend klaren Sieger

Die Schach-WM der Youngsters

Der 20jährige Javokhir Sindarov hat das Schach-Kandidatenturnier gewonnen und wird noch in diesem Jahr gegen den derzeit 19jährigen Weltmeister Dommaraju Gukesh antreten.

Das Schach-Kandidatenturnier 2026 hat einen Sieger hervorgebracht, der die Konkurrenz phasenweise wie Statisten wirken ließ: Javokhir Sindarov dominierte das Feld mit einer Souveränität, die man in dieser Form seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Von Anfang an mähte sich der 20jährige usbekische Großmeister durch das Feld und stand bereits nach sechs Runden auf 5,5 Punkten – ein derart phänomenaler Start, dass dieser dem Turnier jedoch auch früh bereits die große Spannung entzog.

Sindarov musste zu diesem Zeitpunkt schon kein großes Risiko mehr eingehen und spielte sich in sichere Remis-Stellungen. Am Ende stand dann ein ungefährdeter Triumph mit zehn aus 14 Punkten, der durch seine Dominanz unweigerlich Erinnerungen an historische Ausnahmeleistungen weckt, etwa an den unvergess­lichen Kandidatenzyklus von Bobby Fischer im Jahr 1971.

Doch bei aller Bewunderung lohnt ein differenzierter Blick. Sindarovs Performance war zweifellos herausragend, speiste sich aber auch aus auffallend schwachem Spiel seiner Gegner – insbesondere was deren Zeit-Management anging. In der ersten Runde gelang Sindarov ein holpriger Sieg gegen den Tabellenletzten Andrey Esipenko. Der junge Russe gab rätselhafterweise seinen positionalen Druck auf und kollabierte nur wenige Züge später. In Runde drei überspielte Sindarov den nur wenige Monate älteren Rameshbabu Praggnanandhaa und lag damit gleichauf mit dem Turnierfavoriten Fabiano Caruana.

Caruana spielte so langsam, dass er nach Zug 17 von den zwei Stunden Startzeit nur noch eine gute halbe auf der Uhr hatte, einen Zug später waren es dann nur noch 16 Minuten in einer Verluststellung.

Ab der vierten Runde wurde die Siegesserie Sindarovs dann regelrecht verblüffend. Sindarovs exzellente Eröffnungsvorbereitung überraschte seine Konkurrenten insbesondere in den frühen Runden derart, dass sie den absoluten Großteil ihrer verfügbaren Zeit in die Anfangsphase des Spiels investierten. Das geschah hintereinander Fabiano Caruana, Hikaru Nakamura und Wei Yi, also drei eta­blierten Top-10-Spielern.

Caruana spielte so langsam, dass er nach Zug 17 von den zwei Stunden Startzeit nur noch eine gute halbe auf der Uhr hatte, einen Zug später waren es dann nur noch 16 Minuten in einer Verluststellung. Nakamura rätselte eine ganze Stunde am 13. Zug mit Weiß, nur um dann eine suboptimale Wahl zu treffen. Im Interview nach der Partie gab er recht unsportlich seinem Team die Schuld, die Eröffnung nicht gründlich vorbereitet zu haben. In der Runde darauf brauchte Wei Yi eine Dreiviertelstunde für Zug 18 und verpasste aufgrund der Zeitnot später die Chance auf ein Remis.

Der frühere Weltmeister Viswana­than Anand kommentierte lakonisch Sindarovs Gegner: »Seine Gegner sind nicht mehr in der Lage, ein normales Spiel zu spielen.« Selbst den besten Spielern ist es nicht möglich, komplizierte Stellungen unter großer Zeitnot präzise zu spielen. Das desaströse Zeit-Management seiner Gegner gab Sindarov einen bequemen Vorteil, den der Usbeke souverän nutzen konnte.

Strategie der Risikominimierung

Hinter dem Sieger mit 1,5 Punkten Rückstand landete der Niederländer Anish Giri nach einer für ihn bemerkenswert starken Leistung. Der 31jährige knüpfte an seine zuletzt starke Form an, sicherte sich verdient den zweiten Platz, konnte den Kampf um den Kandidatenplatz aber nicht mehr wirklich spannend machen. Enttäuschend verlief das Turnier hingegen für Fabiano Caruana, der zwar auf dem dritten Platz landete, aber mit nur 7,5 Punkten zu keiner Zeit seiner Favoritenrolle gerecht werden konnte. Auch Hikaru Nakamura blieb deutlich hinter den ­Erwartungen zurück, verlor stark an Rating-Punkten und fand nie wirklich ins Turnier. Für Praggnanandhaa setzte sich der negative Trend der vergangenen Monate fort. Mit nur einem Sieg und drei Niederlagen belegte er den vorletzten Platz. Esipenko selbst wurde gewisser­maßen zum punching ball des Turniers, musste fünf Niederlagen hinnehmen und wurde mit 4,5 Punkten Letzter.

Auf Rang sechs landete der deutsche Großmeister Matthias Bluebaum. Er verfolgte konsequent eine Strategie der Risikominimierung, spielte extrem solide und verlor nur zwei Partien. Zwar wurde seine ­defensive Präzision von vielen Gegnern ausdrücklich gelobt, jedoch konnte er sich in keinem Spiel auch nur kurzzeitig einen kleinen Vorteil erspielen.

Sindarovs früher Vorsprung nahm dem Wettbewerb schnell Spannung. Es schien, als hätten seine Konkurrenten in der zweiten Turnierhälfte mehr oder minder die Hoffnung aufgegeben, ihn einzuholen. Hinzu kam eine bemerkenswerte Monotonie in den Eröffnungen: Nahezu jede Partie mündete früher oder später in Strukturen des abgelehnten Damengambits – unabhängig davon, ob mit 1.d4, 1.Nf3 oder 1.c4 eröffnet wurde. Nur Wei Yi, Esipenko und Praggnanandhaa griffen regelmäßig zu 1.e4 – mit bescheidenem Erfolg. Zwar sind Moden und Trends im Spitzenschach nichts Neues, doch gerade für Amateure, die ihre favo­risierten Eröffnungen auf Spitzenniveau sehen möchten, war die fehlende Varianz eher enttäuschend.

Die 24jährige Vaishali Rameshbabu ging mit der niedrigsten Elo-Zahl, die statistisch die Spielstärke bewertet, ins Kandidatinnenturnier und darf nun gegen die fünfmalige Weltmeisterin Ju Wenjun antreten.

Deutlich ausgeglichener präsentierte sich hingegen das Kandidatenturnier der Frauen. In einem eng beieinanderliegenden Feld entwickelte sich ein spannendes Rennen um Platz eins. So konnte sich die 24jährige Vaishali Rameshbabu mit fünf Siegen und nur zwei Niederlagen erst in der letzten Runde gegen die kasachische Großmeisterin Bibisara Assaubayeva durchsetzen. Die Schwester von Praggnanandhaa ging mit der niedrigsten Elo-Zahl, die statistisch die Spielstärke bewertet, ins Turnier und darf nun gegen die fünfmalige Weltmeisterin Ju Wenjun antreten. Einen Achtungserfolg erzielte die Ukrainerin Anna Musy­tschuk, die kurzfristig für die Inderin Humpy Koneru eingesprungen war. Koneru hatte aus Sicherheitsbe­denken die Teilnahme in Zypern abgesagt und damit den Platz freigemacht. Musytschuk gelang es, ohne große Vorbereitung über längere Zeit das Turnier anzuführen und bis zuletzt Siegeschancen zu wahren.

Der Blick richtet sich nun auch wieder auf den Schachweltmeister Dommaraju Gukesh aus Indien, der weiterhin auf der Suche nach seiner Topform ist. Beim jüngsten Schnellschachturnier auf Menorca reichte es für ihn lediglich zu Rang vier von sechs. Um gezielt an seinem Spiel zu arbeiten, kündigte Gukesh an, bis zum Weltmeisterschaftsduell nur noch ausgewählte Rapid- und Blitzturniere zu bestreiten und sogar auf einen Start in der Grand Chess Tour zu verzichten.

Die Partie zwischen Gukesh und Sindarov verspricht zumindest in einer Kategorie historisch zu werden: Noch nie wurde die Weltmeisterschaft zwischen zwei jüngeren Spielern ausgefochten. Ort und Termin stehen noch nicht fest, angesetzt ist der Wettkampf für dieses Jahr. Viel wird davon abhängen, ob Gukesh rechtzeitig zu alter Stärke zurückfindet – andernfalls droht ein einseitiger Kampf, der kaum den Erwartungen gerecht würde. Sindarov hat eine ­beeindruckende Siegesserie hinter sich und strahlt vor Selbstvertrauen, Gukesh hingegen scheint mit ständigen Zweifeln zu kämpfen zu haben.

Vertreter zweier sehr erfolgreicher Schachnationen

Das Match wird auch insofern spannend, als dass hier Vertreter zweier sehr erfolgreicher Schachnationen aufeinandertreffen. Während Indien seit Anands Zeiten einen fortwährenden Schach-Boom erlebt, der zahlreiche Großmeister:innen hervorbringt, investiert auch Usbekistan stark in die Nachwuchstalente. Das machte sich zum Beispiel bei der Schacholympiade bemerkbar: 2022 konnte Usbekistan und 2024 Indien den ersten Platz des Mannschaftsevents erringen. Die Schacholympiade im September 2026 wird denn auch im usbekischen Samarkand stattfinden.

Auch über das Kandidatenturnier hinaus lohnt sich der Blick auf die ­aktuelle Entwicklung in der Weltspitze. Vincent Keymer sorgte zuletzt mit ­einem Sieg beim Grenke Freestyle für Aufsehen, bei dem er sogar Magnus Carlsen, Schachweltmeister von 2013 bis 2023, hinter sich ließ. Noch beeindruckender präsentiert sich derzeit Sindarovs Landsmann Nodirbek Abdusattorov. Mit Turniersiegen beim London Chess Classic, beim Turnier in Wijk aan Zee und beim Prague Chess Festival hat er eine Serie hingelegt, die ihn derzeit wahrscheinlich zum formstärksten Spieler der Welt macht.

Das Schachjahr 2026 bleibt damit bewegt – auch wenn das Kandidatenturnier selbst vor allem eines war: sportlich beeindruckend an der Spitze, aber insgesamt überraschend spannungsarm.