Homestory #17/2026
Arbeit macht krank, ist Mühsal und verunstaltet. Oscar Wilde, Schriftsteller und Inbegriff eines Dandys, wusste das: »Es ist geistig und moralisch schimpflich für den Menschen, irgendwas zu tun, was ihm keine Freude macht.«
Die Realität gibt ihm recht. Dem Gejammere über den faulen Deutschen zum Trotz ist die Zahl der geleisteten Überstunden hierzulande auf einem Allzeithoch. Wenig überraschend berichten die Krankenkassen gleichzeitig von einer Zunahme psychischer Erkrankungen. Der kritische Gesellschaftstheoretiker Theodor W. Adorno entwarf deshalb schon in den vierziger Jahren ein Bild, das ihm der Utopie einer emanzipierten Gesellschaft, also einer ohne den Zwang zur Arbeit, gleichkam: »Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, sein, sonst nichts, ohne alle Bestimmung und Erfüllung«.
An Land allerdings muss die Miete, die immer teurer wird, bezahlt werden. Es bleibt also keine andere Wahl, als die eigene Haut zu Markte zu tragen. Und wo erginge es dieser Haut wohl besser als bei der Jungle World? Richtig, es gibt nichts Besseres! Aber, Sie mögen es kaum glauben, auch bei der Jungle World gibt es Tätigkeiten, die keinen Spaß bereiten. Erledigt werden müssen sie aber trotzdem, wohl oder übel.
»Ich lege immer neue To-do-Listen an, also mit Sport, Einkaufen, Anruf bei xy und der aversiven Aufgabe. Alles wird erledigt, Häkchen hinter, nur eben nicht die aversive Aufgabe«, meint eine Kollegin und erfährt direkt Zuspruch einer anderen. Die ergänze ihre eigene To-do-Liste sogar manchmal um Aufgaben, die sie bereits erledigt habe. »Nur um sie durchstreichen zu können.«
Der Prokrastination sind dabei freilich kaum Grenzen gesetzt. Weil es aber Dienstag ist, also Redaktionsschluss, und die Lampen nur noch auf Energiesparmodus laufen, holt sich ein Kollege beim Kollektiv Tipps, wie er die unliebsame Arbeit am längsten aus dem Weg gehen kann. »Ich lege immer neue To-do-Listen an, also mit Sport, Einkaufen, Anruf bei xy und der aversiven Aufgabe. Alles wird erledigt, Häkchen hinter, nur eben nicht die aversive Aufgabe«, meint eine Kollegin und erfährt direkt Zuspruch einer anderen. Die ergänze ihre eigene To-do-Liste sogar manchmal um Aufgaben, die sie bereits erledigt habe. »Nur um sie durchstreichen zu können.«
Ein anderer Kollege schwört auf die »Klassiker«, wie er sie nennt: Kochen und Putzen. »Aber bei unserem Beruf ist ja auch praktisch, dass Zeitunglesen eine wichtige Aufgabe ist, die man nicht zu kurz kommen lassen darf.« Auch andere Tipps zum Aufschieben versprechen Nettes. Darunter ist das Computerspiel »Minesweeper«. Auch Kniffel wird empfohlen und, eigentlich logisch, ein Nickerchen.
Ohne auch nur einen einzigen dieser Ratschläge zu befolgen, hat die Prokrastination bereits funktioniert. Die Zeit drängt, die Druckerei sitzt im Nacken. Die Homestory muss also wohl oder übel geschrieben werden. Erstmal gibt es aber ein getoastetes Nutella-Brot, immerhin ist es bereits Mittag und das Kollektiv hat den Kollegen vor lauter Ratschlägen vom Frühstücken abgehalten.
Weil plötzlich niemand mehr spricht, läuft zum »Frühstück« Musik; vielleicht ja sogar ein Lied, das ihnen, werte Leserinnen und Leser, in der Berliner Programmschänke Bajszel bei der Jungle Bar am 1. Mai geboten wird. Die läuft unter dem Titel: »Der Fleiß ist die Wurzel aller Hässlichkeit. Musik und Texte zur gezielten Schwächung der Arbeitsmoral«.