Queerpolitik im Handgemenge
Jung und schwul in Berlin
Der 9. November 1989 hat mich schwul gemacht. Das war der Tag, an dem die SED-Oberen sich nicht mehr anders zu helfen wussten, als die Mauer zu öffnen, den Eisernen Vorhang, der sich seit dem 13. August 1961 durch das Land und durch die Stadt gezogen hatte. Der Tag, von dem in Berlin angeblich alle Menschen noch genau wissen, was sie am Abend getan haben. Der Anfang vom baldigen Ende der DDR, dem Land, in dem ich groß geworden war. Wo ich selbst diesen denkwürdigen Abend verbracht habe, weiß ich nicht mehr. Ganz sicher nicht an der Bornholmer Brücke, unter den Massen. Vermutlich zu Hause in Hohenschönhausen. Wir saßen gebannt vor dem Fernseher und redeten über das, was da gerade auf dem Bildschirm zu sehen war.
Ich war 15, Schüler, politisch interessiert. Mich haben damals klassische Schülerdinge beschäftigt: Unterricht, Hausaufgaben und dergleichen. Und weil die politischen Ereignisse sich jeden Tag überschlugen, bewegte es mich, wie es weitergehen würde. Wie es vor allem besser weitergehen könnte. Das hat nicht nur mich mobilisiert. In jenen Wochen gründete ich mit Gleichgesinnten erst mal einen neuen Jugendverband. Wir malten Transpis, gingen zu Demos und stritten über Sozialismus und Kapitalismus. Oder wir verkloppten am Checkpoint Charlie ausgemusterten DDR-Devotionalienplunder an das vorbeischlendernde Publikum, um Westgeld für unsere politische Arbeit zu haben. Mich verschlug es an den Runden Tisch der Jugend, und als dessen Vertreter dann auch an den Berliner Runden Tisch, wie wir sagten, »der Erwachsenen«.
Nein, ich weiß heute nicht mehr genau, welcher Tag es war, an dem ich in den Spiegel geschaut und zu mir gesagt habe: Ich bin schwul. Vielleicht gab es diesen Tag gar nicht.
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