Trommeln für umme
Selbst wer mit dem Namen Hal Blaine nichts anzufangen weiß, dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal etwas von Blaine gehört haben. Denn der Schlagzeuger (1929–2019) spielte für Elvis Presley, die Beach Boys, Simon and Garfunkel, Neil Diamond, Leonard Cohen, Diana Ross, Cher, Frank und Nancy Sinatra sowie viele andere. Er wirkte hauptsächlich in den sechziger und siebziger Jahren als Studiomusiker auf Tausenden Singles mit, von denen es 150 in die US-amerikanischen Top Ten und 40 auf den ersten Platz schafften, zum Beispiel »Mr. Tambourine Man« in der Version von The Byrds. Blaine gilt als einer der am häufigsten aufgenommenen Schlagzeuger der Popgeschichte.
Seinen Namen dürften dennoch nur die wenigsten kennen. Denn die Musikpresse arbeitet sich seit Jahrzehnten hauptsächlich an Sängerinnen und Sängern, Gitarristen und wichtigen Produzenten ab. »Warum sollten Schlagzeuge und Schlagzeuger nicht endlich einmal die Hauptrolle in dieser Geschichte spielen dürfen, nachdem sie sie so lange kontinuierlich geprägt haben?« fragt John Lingan deshalb in seinem neuen, bisher nur auf Englisch erschienenen Buch »Backbeats. A History of Rock and Roll in Fifteen Drummers«. Weiter schreibt der US-amerikanische Autor: »Schlagzeuger waren wesentliche Architekten eines tiefgreifenden kulturellen Wandels, und es ist längst überfällig, sie als die transformativen Musiker zu würdigen, die sie sind.«
15 Schlagzeuger hat Lingan für sein Buch ausgewählt, um sie, in jeweils einem von ihnen gewidmeten Kapiteln, genauer unter die Lupe zu nehmen.
Dieser Wandel begann mit zwei rhythmischen Akzenten. »Als Jazzmusiker wie Lionel Hampton oder Louis Jordan (ein Favorit von James Brown) einen geraden Snare-Backbeat auf den Zählzeiten zwei und vier betonten, schufen sie damit etwas Neues, etwas Lebendiges«, beschreibt Lingan in seiner Einleitung die Erfindung des titelgebenden sogenannten Backbeat, die aus den Vorläufern Jazz, Country, Gospel und Blues auf rhythmischem Weg den Rock ’n’ Roll machte. »Was Rock ’n’ Roll von allen vorherigen Formen der Popmusik unterschied und was er von all den Traditionen der Schwarzen und der armen Weißen übernahm, war die eindringliche Präsenz eines ›Big Beat‹.« Und für diesen waren Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger zuständig.
15 von ihnen hat Lingan für sein Buch ausgewählt, um sie, in jeweils einem von ihnen gewidmeten Kapiteln, genauer unter die Lupe zu nehmen. Seine Trommelgeschichte beginnt mit Sam Lay (1935–2022), der in Alabama im Süden der USA aufwuchs. Wie viele Schwarze ging er Anfang der Fünfziger in den Norden. In Chicago spielte Lay auf zahlreichen Aufnahmen für das Blues-Label Chess Records und für berühmte Blues-Musiker wie Howlin’ Wolf und Muddy Waters. Auch Bob Dylan engagierte den Schlagzeuger mit dem dynamischen Backbeat.
Ein Fan reiste in den Sechzigern sogar aus dem knapp 450 Kilometer entfernten Dearborn in Michigan nach Chicago, um sein Idol Sam Lay zu treffen. Lingan zufolge klingelte der abgebrannte James Osterberg an Lays Tür. Der Schlagzeuger bat den Fan herein, gab ihm etwas zu essen und ließ ihn in seinem Haus übernachten. Osterberg wurde später unter dem Namen Iggy Pop berühmt. Über Lay sagte er: »Er war mein originales ›Ich möchte so sein wie er‹.«
Keine Album-Credits, keine Tantiemen
Lay gehört einem Typus des Schlagzeugers an, der in Lingans Buch häufig zu finden ist: der rhythmische Lohnarbeiter. Während Lay hauptsächlich als Hausdrummer für Chess Records tätig war, spielte der ebenfalls von Lingan gewürdigte Al Jackson Jr. auf vielen Aufnahmen des US-amerikanischen Soul-Labels Stax Records. Hal Blaine, auch im Buch zu finden, war lange Zeit der Stammschlagzeuger für den bekannten Produzenten Phil Spector. Clyde Stubblefield trommelte als Angestellter von James Brown in der Entstehungszeit des Funk. Bernard »Pretty« Purdie, der Erfinder des »Purdie shuffle«, eines einfach klingenden, aber raffiniert gespielten Grooves, sagt Lingan zufolge von sich, als Studioschlagzeuger auf über 4.000 Alben gespielt zu haben.
Überprüfen lässt sich diese Zahl nur schwer. Denn auf vielen Alben, zu denen Purdie den Beat beigetragen hat, wird er in den Credits nicht als Schlagzeuger erwähnt. Unstrittig ist hingegen: keine Album-Credits, keine Tantiemen, also keine Beteiligung an den Einnahmen, die sich aus Lizenz- und Urheberrechten ergeben. Als Studioschlagzeuger erhielten Leute wie Lay lediglich einen Stundenlohn für die Zeit der Aufnahmen. »Ich habe keine dieser Gelegenheiten betrachtet und gedacht: ›Oh, das ist eine tolle Chance.‹ Es ist ein verdammter Job. Ich wurde dafür bezahlt, meine Arbeit zu machen«, wird Purdie von Lingan zitiert.
Stubblefields Werdegang ist exemplarisch. Der Musiker spielte von 1965 bis 1970 in der Band des diktatorisch alle Belange bestimmenden James Brown und entwickelte dabei das, was seither als Funk-Drumming gilt, ehe er vom Musikgeschäft nichts mehr wissen wollte und sich im verschlafenen Madison, Wisconsin, niederließ. Als in den Achtzigern die Sampling-Technologie Verbreitung fand, schnippelten sich zunächst vor allem HipHop-Künstler wie Run DMC, LL Cool J und Public Enemy aus Stubblefields Rhythmen ihre Beats zurecht. Später bedienten sich auch Prince, George Michael, Nine Inch Nails und Ed Sheeran bei dem Musiker.
Als in den Achtzigern die Sampling-Technologie Verbreitung fand, schnippelten sich zunächst vor allem HipHop-Künstler wie Run DMC, LL Cool J und Public Enemy aus Clyde Stubblefields Rhythmen ihre Beats zurecht. Später bedienten sich auch Prince, George Michael, Nine Inch Nails und Ed Sheeran bei dem Musiker.
Stubblefields prägnanter, 20sekündiger Drumbreak aus James Browns »Funky Drummer« zählt zu den am häufigsten gesampelten Musikaufnahmen. Für den Schlagzeuger war das allerdings nicht lukrativ. »Sie haben mich nie erwähnt, nie bezahlt«, sagte Stubblefield 2011 der New York Times. 80.000 US-Dollar Schulden, mit denen er sich nach einer Krebsbehandlung konfrontiert sah, beglich schließlich Prince, vielleicht als kleine Entschädigung.
Die Schilderung solcher materieller Tatsachen macht aus Lingans Buch mehr als eine bloße Nerd-Lektüre für Drummer. Gleiches gilt für den Blick des Autors auf weitere soziale Umstände, unter denen sich die Schlagzeuger an die Arbeit machten. Lay verließ den US-amerikanischen Süden, in dem zu der Zeit immer noch die sogenannte Rassentrennung galt, um im Norden mit der Musik sein Geld zu verdienen. Im Zuge der Desegregation im Bundesstaat Maryland war Purdie das erste schwarze Kind in einer vormals nur von Weißen besuchte Schule. Stubblefield lieferte mit James Browns Band den Soundtrack für die schwarze Bürgerrechtsbewegung.
Earl Hudson, der Schlagzeuger der Bad Brains, legte nicht nur die Grundlage für das schnelle, hektische, aber dennoch präzise Drumming im Hardcore-Punk. Seine nur aus schwarzen Musikern bestehende Band verschaffte sich und schwarzen Teenagern einen Platz in dem von weißen Kids dominierten Genre.
Dave Lombardo wanderte als Kind mit seinen Eltern aus Kuba in die USA ein. Als Schlagzeuger der Metal-Band Slayer revolutionierte er mit seinen schnellen Füßen das Double-Bass-Spiel. Sein Stil hat dabei mehr mit lateinamerikanischer Musik und Perkussion zu tun, als man beim ersten Hören erahnt. Mit seiner Geschichte des Schlagzeugs erzählt Lingan somit auch ein Stückchen schwarzer und migrantischer US-Geschichte.
Wie es um die Geschlechterverhältnisse in der Welt der Drum Beats steht
Wie es allerdings um die Geschlechterverhältnisse in der Welt der Drum Beats steht, erkennt man bereits beim Blick ins Inhaltsverzeichnis: Auf die Liste der 15 Auserwählten hat es nur eine Frau geschafft. Mit Maureen »Moe« Tucker hat Lingan die Wahl aber immerhin sehr gut getroffen. Denn Tucker, die Schlagzeugerin von The Velvet Underground, war zu ihrer Zeit nicht nur eine der ganz wenigen Frauen an dem Instrument.
Sie bediente es als Autodidaktin auch äußerst unkonventionell: Sie ging im Lauf der Zeit dazu über, im Stehen zu spielen und meistens auf die weithin gebräuchlichen schrillen Becken zu verzichten. Ihr perkussiver, minimalistischer Stil war einzigartig und folgte keinen hergebrachten Mustern. Dieser Regelbruch übte einen großen Einfluss auf Punk, Alternative Rock und die experimentelleren Felder der Popmusik aus.
Anstelle hinlänglich bekannter Namen wie Ringo Starr, Charlie Watts und Dave Grohl, denen ebenfalls eigene Kapitel gewidmet sind, hätte Lingan durchaus weitere eher unbekanntere Schlagzeugerinnen würdigen können. Von diesen gibt es mittlerweile glücklicherweise mehr als in früheren Jahrzehnten. Und auch sie haben den »Big Beat«.
John Lingan: Backbeats. A History of Rock and Roll in Fifteen Drummers. Scribner, New York City 2025, 304 Seiten
