07.05.2026
James Vanderbilt frönt in seinem Film »Nürnberg« der Faszination des Bösen

Der Psychiater beim Nazi

Die Vorbereitung des Nürnberger Prozesses gegen Hermann Göring als Psychodrama zweier exzentrischer Persönlichkeiten: James Vanderbilts »Nürnberg« mit Russell Crowe in der Rolle des nach Hitler ranghöchsten Nazis kann dem Gewicht der historischen Ereignisse nicht standhalten.

Die jungen GIs, die 1945 im besetzten Reichsgebiet einen beleibten Deutschen festnehmen, können kaum fassen, wen sie da vor sich haben. Bei dem hochdekorierten Mann in Uniform handelt es sich um Hermann Göring, den nach Hitler ranghöchsten Nazi des »Dritten Reichs«. Russell Crowe spielt in James Vanderbilts historischem Drama »Nürnberg« den ehemaligen Oberbefehlshaber der Luftwaffe im eigens für ihn geschaffenen Rang eines Reichsmarschalls als ambivalente Figur, eine Mischung aus einnehmendem Jedermann und manipulativem Mastermind.

In dem Historiendrama, das auf dem Enthüllungsbuch »The Nazi and the Psychiatrist: Hermann Göring, Dr. Douglas M. Kelley, and a Fatal Meeting of Minds at the End of WWII« (2013) des US-amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai beruht, inszeniert Vanderbilt die Gespräche zwischen Göring und dem jungen Militärpsychiater Douglas Kelley in Vorbereitung der Nürnberger Prozesse. El-Hais Buch beruht auf den Aufzeichnungen, die der Psychiater von den Sitzungen angefertigt hatte; Kelley tat dies auch in der Absicht, die »Nazi-Psyche« in einem Buch darzustellen. 1947 erschien seine forensich-psychiatrische Studie »22 Cells in Nuremberg« über Göring, Hess, Ribbentrop und andere Nazi-Verbrecher. Kelleys Sohn übergab weiteres Material zu Göring an El-Hai.

Einen ästhetischen Bruch in der visuell eher plumpen Erzählung erzeugt das Einspielen von dokumentarischem Archivmaterial, das alliierte Truppen bei der Befreiung der Konzentrationslager machten.

Kelley, gespielt von Rami Malek, ist vom US-Militär auf Göring angesetzt. Er soll in Gesprächen die Prozessfähigkeit Görings und weiterer gefangener Nazi-Größen prüfen. Die US-Armee ist zudem an Einblicken in die Verteidigungsstrategie von Hitlers Stellvertreter gelegen. Wie rechtfertigt Göring seine Verbrechen? Kelley akzeptiert die Berufung nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern auch um Material für ein Buch zu sammeln. Worin besteht es, das ultimativ Böse, das Nazi-Deutschland hervorgebracht hat?

Die einfache Antwort, zu der der Film gelangt, lautet: Das Böse ist banal, und es kann sich wiederholen, an jedem Ort der Welt. Schon Jonathan Glazers präzise und kühl inszeniertes, dabei thesenhaft verstiegenes Ideenstück »The Zone of Interest« behauptete, die Vorstellung eines singulären Verbrechens sei unhaltbar. Glazer betonte zudem, sein Film wolle bewusst Verbindungen zum Genozid der Gegenwart herstellen, wobei er explizit das Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza ansprach.

Auch »Nürnberg« macht historisch fragwürdige Parallelen auf. Getragen wird das Drama von den starken Leistungen der Darsteller: John Slattery, Leo Woodall, Richard E. Grant, Michael Shannon und – im Zentrum der filmischen Anziehungskraft – Russell Crowe in seiner besten Rolle seit Jahren. Crowes Göring liefert sich mit dem Psychiater Kelley ein Katz-und-Maus-Spiel, das nicht nur Kelleys allzu naheliegende Motive offenlegt, sondern auch ein schauspielerisches Ungleichgewicht offenbart. Ausgerechnet die Rolle von Görings Gegenspieler wirkt eigenartig fehlbesetzt. Malek spielt den Armeepsychiater mit der Manieriertheit eines James-Bond-Bösewichts; eine Rolle, die der Schauspieler in »Keine Zeit zu sterben« tatsächlich innehatte. Sein overacting, sein gespreiztes, unnatürliches Spiel, wird weder der Größe seiner Aufgabe noch der Last der Geschichte gerecht.

Verleugnung der Verbrechen

Bereits 1961 verarbeitete Stanley Kramer die historischen Ereignisse in »Urteil von Nürnberg«, der Verfilmung eines gleichnamigem Fernsehspiels von Abby Mann. Für United Artists inszenierte Kramer den dreistündigen Film als reines Gerichtsdrama in unaufgeregtem, naturalistischem Stil. In den Hauptrollen glänzten unter anderem Spencer Tracy, Burt Lancaster, Richard Widmark, Maximilian Schell, Marlene Dietrich und Judy Garland. Kramer gelang es nebenher, ein Porträt der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu zeichnen, die von der Verleugnung der Verbrechen geprägt war. Unvergessen ist die Szene, in der Marlene Dietrich dem amerikanischen Richter die Bedeutung des Soldatenlieds »Lili Marleen« erläutert.

Vanderbilt inszeniert dagegen ein Psychodrama, das sich auf die Gespräche des ambitionierten Psychiaters mit dem prominenten Gefangenen konzentriert. Bereits El-Hai zeigte sich in seinem Buch fasziniert von gewissen Parallelen zwischen Göring und Kelley: Beide erscheinen als Karrieristen und als exzentrische Charaktere – und beide starben auf dieselbe Weise: Göring entzog sich 1946 mit Zyankali seiner bevorstehenden Hinrichtung, Douglas Kelley beging zwölf Jahre nach Göring – 1958 – ebenfalls mit einer Zyankali-Kapsel Selbstmord.

Der Faszination für die beiden Charaktere frönt auch der Film. Das Skizzieren deutscher Nachkriegszustände ist ein Unterfangen, an dem »Nürnberg« dagegen kein Interesse hat. Auf individualpsychologischer Ebene, fast so, als handle es sich um einen Kriminalfall, versucht das starbesetzte Drama, dem Denken eines Massenmörders auf die Spur zu kommen, nur um am Ende zu der reichlich schlichten These zu gelangen, der Schrecken hätte sich prinzipiell überall abspielen können.

Industriell betriebener Massenmord

Einen ästhetischen Bruch in der visuell eher plumpen Erzählung erzeugt das Einspielen von dokumentarischem Archivmaterial, das alliierte Truppen bei der Befreiung der Konzentrationslager machten. Es zeigt ausgemergelte Überlebende, Leichenberge, die von Räumfahrzeugen abtransportiert werden, die Auswirkungen der Nazi-Barbarei an den Leibern von Männern, Frauen und Kindern, die Verbrennungsöfen – Bilder, die der Öffentlichkeit zum Zeitpunkt der Nürnberger Prozesse nicht ansatzweise im selben Maße bekannt waren wie heutzutage.

Die Aufnahmen, die auch schon in Kramers Spielfilm eine zentrale Rolle während des Prozesses spielten, erweisen sich auch in »Nürnberg« als entscheidender Moment der Verhandlung, die mit den Todesurteilen für die Angeklagten endet. Nur verfehlt Vanderbilts bemühte und streckenweise langatmige Inszenierung an diesem Punkt die notwendige Schlussfolgerung. Zeigen die Aufnahmen aus den Lagern doch das Singuläre, die Spezifik der von den Nazis begangenen Morde an den Juden – den industriell betriebenen Massenmord.

Nach der Hinrichtung der vom US-Militär verurteilten Nazis, deren Einzelheiten Vanderbilt mit fast schon obszöner Schaulust beiwohnt, werden die Leichname auf einen Transportwagen verladen; aufeinandergeschichtet wirken sie wie eine bildliche Parallele zu den Ermordeten in den Konzentrationslagern. Begleitet werden die Aufnahmen von der Stimme des Psychiaters aus dem Off: »There are people like the Nazis in every country in the world today.« Man muss Vanderbilt an dieser Stelle keine absichtsvolle Verharmlosung des Holocaust unterstellen, doch seine bildsprachlich krude Gleichsetzung ist mehr als ärgerlich und dürfte zu Missdeutungen geradezu verleiten.

Nürnberg (USA 2025). Buch und Regie: James Vanderbilt. Darsteller: Russell Crowe, Rami Malek, John Slattery, Leo Woodall, Richard E. Grant, Michael Shannon. Filmstart: 7. Mai