07.05.2026
Hamza Howidy, Autor aus Gaza, im Gespräch über die Kommunalwahlen und die Lage in dem Küstenstreifen

»Die Parteien der Palästinenser sind eine Last«

In seinem autobiographischen Buch »Muscheln am Strand von Gaza« erzählt Hamza Howidy vom Aufwachsen im Gaza-Streifen der nuller Jahre, Kämpfen zwischen Fatah und Hamas sowie seiner Flucht vor der Hamas-Herrschaft. Howidy wirbt für einen differenzierten Blick auf den Nahen Osten und positioniert sich gegen Antisemitismus und Islamismus. Die »Jungle World« sprach mit dem Autor über die palästinensischen Kommunalwahlen sowie die Lage im Gaza-Streifen.

Sie haben vergangene Woche ein autobiographisches Buch veröffentlicht. Einige Ihrer Familienmitglieder tauchen in den Geschichten auf, die Sie erzählen. Wusste Ihre Familie, dass Sie ein Buch schreiben?
Sie wussten es zwar, aber erst, als ich schon mitten im Prozess steckte, und sie haben sich darüber gefreut. Die Details kennen sie jedoch nicht. Es ist schön, sie damit zu überraschen. Ich habe versucht zu zeigen, dass in jedem von ihnen eine gute und eine schlechte Seite steckt. Das gilt auch für mich. Ich hoffe also, dass mir das gut gelungen ist.

Haben Sie beim Schreiben an ein bestimmtes Familienmitglied gedacht?
Ja, durchaus. Es ist Mohammed, mein jüngerer Bruder, der auf dem Cover meines Buchs zu sehen ist. Er weiß noch wenig darüber, was mir im Gefängnis der Hamas widerfahren ist, wo ich gefoltert wurde. Ich glaube, er wird stolz sein, wenn er merkt, dass ich mein Leben weitergelebt habe.

»Die Hamas weigert sich weiterhin, ihre Waffen abzugeben, und verwehrt Gaza damit die Chance auf eine bessere Zukunft.«

Sie äußern sich gewöhnlich auf Englisch und Arabisch, das Buch ist jedoch auf Deutsch erschienen. Warum?
Ich habe mich dafür entschieden, es auf Deutsch zu publizieren, weil ich das als eine Art Verantwortung betrachte: Ich lebe hier und möchte einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Auf die eine oder andere Weise habe ich dem deutschen Publikum eine andere Perspektive geboten, wie über Israel und den Gaza-Streifen erzählt wird, wie der Konflikt in den Nachrichten dargestellt wird. Vor der Veröffentlichung erhielt ich Angebote von amerikanischen und anderen Verlagen, aber ich wollte das Buch zuerst für das deutsche Publikum. Und dann kann ich von dort aus weitermachen.

Was vermissen Sie an der deutschen Berichterstattung über den palästinensisch-israelischen Konflikt?
Zuallererst möchte ich darauf drängen, dass internationale Journalisten, die in den Gaza-Streifen einreisen und von dort berichten wollen, das auch tun können. Denn seit dem 7. Oktober 2023 wird ihnen die Einreise von der israelischen Regierung verweigert, was beschämend ist. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Journalist sich ein gutes Bild machen soll, ohne an Ort und Stelle zu sein.

Und was stört Sie darüber hinaus?
Die Polarisierung. Es gibt den einen Typ Journalisten, der extrem propalästinensisch ist und ein Bild vermitteln will, in dem Israel alles zerstört und die Hamas wie Mahatma Gandhi erscheint; und dann gibt es den anderen, den proisraelischen Journalisten, der die Palästinenser so darstellt, als wären sie zwei Millionen Hamas-Anhänger.

»Zwei Millionen Menschen leben in einem Zustand, in dem sie nicht wissen, wie es weitergehen wird.«

Was wünschen Sie sich dahingehend?
Ich würde mir mehr Mut vom deutschen Journalismus wünschen – wenn man das so sagen kann –, eine Einreise nach Gaza zu fordern. Soweit ich das in den deutschen Medien sehe, kopieren sie lediglich aus offiziellen Quellen wie den IDF oder der israelischen Regierung. Ich sage nicht, dass das falsch ist, aber letztlich ist es doch nur eine Institution oder Regierung, und von der bekommt man nicht alles, was man haben möchte. Man muss direkt mit den Menschen sprechen und ihre Sichtweise berücksichtigen, auch wenn man ihr nicht zustimmt. Gaza ist keine Einheitsgesellschaft. Man bekommt alle Meinungen zu hören, die man hören möchte.

Die israelische Regierung hat bislang eine freie Berichterstattung aufgrund von Sicherheitsbedenken abgelehnt. Denken Sie, dass ausländische Journalisten sicher und unabhängig aus dem Gaza-Streifen berichten könnten?
Internationale Journalisten haben bereits angekündigt, dass sie bereit seien, dieses Risiko einzugehen. Man sollte nicht vergessen, dass viele internationale Helfer und lokale Journalisten bei israelischen Luftschlägen im Gaza-Streifen getötet wurden – und weniger durch die Gegenseite.

Wie schätzen Sie die derzeitige Situation im Gaza-Streifen ein?
Sie ist ziemlich hoffnungslos. Es herrscht zwar kein Krieg mehr, gleichzeitig gibt es aber keinen richtigen Waffenstillstand. Der Wiederaufbau des Gaza-Streifens hat noch nicht begonnen und niemand weiß, wie es in Zukunft dort sein wird. Zwei Millionen Menschen leben in einem Zustand, in dem sie nicht wissen, wie es weitergehen wird. Die andere Sache ist, dass sich Gaza verändert hat. Ja, es fallen keine Bomben mehr. Aber kleine Kinder arbeiten auf den Straßen und Frauen werden im Austausch gegen humanitäre Hilfe sexuell missbraucht.

Und was macht die Hamas?
Die Hamas weigert sich weiterhin, ihre Waffen abzugeben, und verwehrt Gaza damit die Chance auf eine bessere Zukunft. Bevor der Krieg gegen den Iran losging, dachte ich, sie hätte etwas dazugelernt oder dass es mit ihr zu Ende sei. Nun sind alle ihre Institutionen wieder reaktiviert worden und kümmern sich buchstäblich um alles. Sie greifen weiterhin Menschen an, sperren sie ein, verhören, foltern und richten sie hin. Ohne Gericht, ohne Anklage, nichts – es hängt nur von der Laune des lokalen Hamas-Mitarbeiters ab. Am vorvergangenen Samstag fand so etwas wie eine Kommunalwahl statt und auch da haben sie versucht, einzelne Leute unterzubringen, die der Hamas nahestehen.

Die palästinensische Kommunalwahl fand im Westjordanland statt, im Gaza-Streifen aber nur in der Stadt Deir al-Balah. Die Hamas trat nicht an, da von den Kandidaten verlangt wurde, die Autorität der PLO anzuerkennen, was die Anerkennung Israels und den Verzicht auf bewaffneten Kampf umfasst. Welche Schlüsse ziehen Sie aus dem Ergebnis?
Die Teilnahme davon abhängig zu machen, den Rahmen der PLO zu akzeptieren, war ein guter Schachzug; so konnte keine Fraktion teilnehmen, die nicht an eine Zweistaatenlösung glaubt. Die Fatah, die von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas geführte stärkste Fraktion in der PLO, erreichte in allen palästinensischen Städten über 50 Prozent der Stimmen.

… wobei in einigen Städten nur eine Liste der Fatah angetreten war …
Es ist jedenfalls schön zu sehen, dass Menschen in Gaza wählen gehen, nachdem die Hamas dies seit ihrer Machtübernahme 2007 über 19 Jahre lang verhindert hatte, und dass die jüngere Generation am Entscheidungsprozess teilnimmt. Ich hoffe, dass es nicht bei den Kommunalwahlen bleibt, sondern es auch noch zu einer Parlamentswahl kommt. Was die palästinensischen Parteien angeht, kann ich nicht behaupten, dass ich eine von ihnen unterstütze. Sie sind eher zur Last geworden, als dass sie nützen.

In Ihrem Buch schildern Sie Ihre Schulzeit in einer Hamas-nahen religiösen Privatschule und einer Schule des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), wo Sie eine nationalistische Erziehung erfahren haben. Einige Lehrer und Schulleiter standen der Fatah oder der Hamas nahe. Was halten Sie von Vorschlägen, Institutionen wie die UNRWA nicht mehr zu finanzieren?
Wir sprechen hier von einem kleinen Gebiet, in dem die islamistische Hamas seit fast 20 Jahren geherrscht hat. Mir fällt keine einzige Organisation ein, die sie nicht unterwandert hätte. Es gibt einen Bericht von NGO Monitor, einer israelischen NGO, darüber, wie die Hamas selbst in Institutionen wie USAID und europäische NGOs eingedrungen ist. Wenn man deren Finanzierung einstellen will, braucht man einen Plan. Denn es wäre eine Katastrophe, die Mittel zu streichen ohne eine klare Antwort darauf, wie man mit rund einer Million Menschen umgehen will, die von den Einrichtungen unterstützt werden. Ich wäre also dafür, die Finanzhilfen einzustellen, sofern es eine geeignete Strategie für humanitäre Hilfe gibt.

»Jeder versucht, dich dazu zu bringen, nur mit der einen Seite zu sprechen und nicht mit der anderen. Oder die falschen oder manchmal rassistischen Handlungen der einen Gruppe zu sehen und bei der anderen ein Auge zuzudrücken.«

Sie schreiben, wie wichtig der religionskritische Autor Hamed Abdel-Samad für Ihre Abwendung vom Islam und für Ihre Kritik der palästinensischen Erzählung rund um Widerstand und Märtyrertum war. Anders als in der Vergangenheit äußert sich Abdel-Samad zunehmend antiisraelisch. Haben Sie diese Wendung von ihm mitbekommen?
Ich würde nicht sagen, dass er mir beigebracht hat, die palästinensische Erzählung zu kritisieren, aber er hat mich gelehrt, Ideen nicht als etwas Heiliges oder Unantastbares zu betrachten. Ich habe bei ihm gelernt, dass weder Menschen noch Ideen der Kritik enthoben sind, und dafür danke ich ihm sehr. Ich würde auch nicht sagen, dass Hamed sich gegen Israel ausspricht – ich würde sagen, dass er zu Recht kritisch gegenüber den Handlungen der israelischen Regierung in Palästina und Libanon ist. Hamed war eine sehr wichtige Stimme in Berlin und es macht mich traurig zu sehen, wie er wegen seiner Ansichten ausgegrenzt wird. Berlin hat dadurch viel verloren.

Sie schreiben, dass sowohl die propalästinensische als auch die proisraelische Seite versuchen, Sie auf ihre Seite zu ziehen. Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Als ich an einer großen propalästinensischen Demonstration im September 2025 teilgenommen und ein Bild auf Instagram gepostet habe, waren viele meiner proisraelischen Freunde aus Berlin verärgert darüber. Einige haben sogar beschlossen, nicht mehr mit mir zu reden oder zusammenzuarbeiten, weil meine Unterstützung der Demonstration für sie eine rote Linie darstellte. Dasselbe gilt für die Palästina-Anhänger. Jeder versucht, dich dazu zu bringen, nur mit der einen Seite zu sprechen und nicht mit der anderen. Oder die falschen oder manchmal rassistischen Handlungen der einen Gruppe zu sehen und bei der anderen ein Auge zuzudrücken. Dazu trage ich nicht bei. Ich habe die Verantwortung, mit beiden Seiten zusammenzuarbeiten und ihnen meine Sichtweise darzulegen.