07.05.2026
Digitaler Spuk in der Cloud

Homestory #19/2026

Die Redaktion der »Jungle World« wird von Geisterdateien in Angst und Schrecken versetzt.

Mit Geisterwesen kennt man sich hier eigentlich aus: mit dem Gespenst des Kommunismus, das Marx und Engels in Europa umgehen sahen, mit der lustig-geschmacklosen Christus-Erscheinung aus Herbert Achternbuschs Film »Das Gespenst«, mit Adornos Metaphern-Gespenstern einer unversöhnten Realität und mit dem Retro-Spuk, den Mark Fisher erkannte. Dann aber das: Nach einem kürzlichen System-Update wird die Redaktion von Geisterdateien in Angst und Schrecken versetzt. Wie aus dem Nichts tauchen bereits gelöschte Dateien als digitaler Spuk in der Cloud wieder auf.

Ist es psychokinetische Energie, sind es die Russen oder ist es der alte Rechner einer Kollegin?

In der Regenwald genannten Datenwolke spielt ein bisher ungekanntes Synchronisationsproblem massenhaft Zombie-Dateien aus der Vergangenheit ein. Ali Khamenei: lebt. Viktor Orbán: regiert. Berlin: friert. Mitten im Frühling 2026.

Hauntologie und Geisterjagd in der Jungle World: »Siehst du sie auch?« wird zur geflügelten Frage. Denn nicht jeder und jede bekommt die Geisterdateien zur selben Zeit auf seinen beziehungsweise ihren Rechner gesetzt.

Der Umgang mit den Wiedergängertexten

Anfangs herrschte noch Optimismus: »Einfach wegwerfen«, rät eine Layout-Kollegin zum entspannten Umgang mit den Wiedergängertexten. Aber schon ein paar Tage später: »Sowohl bei mir als auch im Lektorat tauchen längst verschobene oder gelöschte Versionen magisch aus dem Nirwana auf. Das macht das Arbeiten etwas anstrengend, weil man nicht mehr weiß, welches jetzt die richtigen Texte sind.« Brisant ist auch die Schuldfrage: Ist es psychokinetische Energie, sind es die Russen oder ist es der alte Rechner einer Kollegin?

Um Ostern ploppt der Troll-Ordner »Weihnachtsproduktion« auf, wird aber fix wieder ins Archiv gestopft.

Bald steht fest, dass es am Client liegt. Aber wessen Client auf wessen Rechner stört die Synchronisation und warum? »Jede Info könnte dem Problem auf die Spur kommen, ist wie beim ›Tatort‹«, weiß eine Kollegin. Der Administrator verfasst umfangreiche Handlungsanweisungen. Man muss seinen Client löschen und dann wieder aufsetzen, sich durch verschiedene Ebenen klicken, Häkchen setzen, updaten und die Synchronisation erzwingen.

Nur wenn sich alle Redakteur:innen mit ihren Rechnern in einem Zustand völliger Software-Kompatibilität befinden, endet der digitale Spuk. Und kehrt nur zeitweise wieder. Um Ostern ploppt der Troll-Ordner »Weihnachtsproduktion« auf, wird aber fix wieder ins Archiv gestopft. Dank frisch erworbener IT-Skills gilt nun das Motto der »Ghostbusters« aus dem Jahr 1984: »I ain’t afraid of no ghost.«