Enthemmter Judenhass
Rund 300 Personen zeigten am Sonntag am U-Bahnhof Schönhauser Allee ihre Solidarität mit Jüdinnen und Juden. Nur ein paar Hundert Meter weiter, in einer ruhigen Wohnstraße im Ortsteil Prenzlauer Berg, hatten Ende April Unbekannte antisemitische Parolen an Häuserwände geschmiert, darunter auch Mordaufrufe. »Tötet alle Juden« stand etwa in englischer Sprache an der Wand eines Mietshauses, »Nur ein toter Jude ist ein guter Jude« an einem anderen.
»Es ist kein Zufall, dass die Täter auf Englisch schreiben. Das ist die ›globalized Intifada‹, die sich seit Jahren auch auf deutschen Straßen formiert«, schrieb der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, in den sozialen Medien. Nachbarn übermalten die antisemitischen Schmierereien. Der polizeiliche Staatsschutz hat Ermittlungen aufgenommen, noch gibt es keine Informationen über die Urheber.
»Inzwischen ist der Hass auf Juden zum verbindenden Glied aller Demokratiehasser geworden, sowohl linker als auch rechter.« Kamil Majchrzak von den »Mahnwachen gegen Antisemitismus«
»Wir sind nicht bereit, das hinzunehmen«, sagte Kamil Majchrzak von den »Mahnwachen gegen Antisemitismus« der Jungle World. »Inzwischen ist der Hass auf Juden zum verbindenden Glied aller Demokratiehasser geworden, sowohl linker als auch rechter.« Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 organisiert Majchrzak mit anderen monatlich Mahnwachen. Das ehrenamtliche Team unterstützt Opfer von Antisemitismus und vermittelt ihnen beispielsweise juristischen Beistand, schützt die Schabbat-Gebete der Gemeinde Kahal Adass Jisroel und organisiert anlassbezogene Kundgebungen wie eben an diesem Sonntag.
»Antisemitismus ist nicht 1933 vom Himmel gefallen und 1945 wieder weggegangen«, sagte Sigmount Königsberg, Beauftragter für Antisemitismus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bei seiner Rede an diesem Sonntag. »Er gehört leider untrennbar zu Europa.« Es waren besonders die Beiträge der jüdischen Redner, die Teilnehmer der Kundgebung immer wieder zum Weinen brachten. Pasha Lubarski, Gemeindevorsitzender von Kahal Adass Jisroel, berichtete eindringlich von den Ängsten seiner Kinder auf dem Weg zur Synagoge, auf die Unbekannte im Oktober 2023 einen Brandanschlag verübt hatten. Marina Koren von der Initiative »a Mensch« erzählte, dass sie sich selbst zu Hause ängstlich fühle und bei Besuchen von Handwerkern eiligst alle Gegenstände verstecke, die verraten könnten, dass sie Jüdin ist. Denn für manche sei die schiere Existenz von Juden offenbar eine »Provokation«.
Den Besuchern der Mahnwachen dürfte die Gefährdung jüdischen Lebens bewusst sein, diejenigen, die diese Schilderungen eigentlich hören müssten, waren nicht da. »Ich bin Jude, schwul und Migrant«, sagte Konstantin Sherstyuk, Vorstandsmitglied des Vereins Wostoq-Regenbogen für LGBT-Personen aus dem postsowjetischen Raum. In seiner Rede beklagte er den Mangel an Mitgefühl in der queeren Szene. »Solidarität ist doch kein Hashtag, sondern Verantwortung.«
Die Mordaufrufe in Prenzlauer Berg waren nicht die einzigen antisemitischen Vorfälle der vergangenen Tage: In München wurden ähnliche Graffiti wie in Berlin entdeckt. Dort hatten Unbekannte »Kill all Jews, free Palestine« an die Wand einer Toilette der Ludwig-Maximilians-Universität geschmiert. Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) berichtete von einem roten Hamas-Dreieck an der Klingelanlage des Wohnhauses eines Mitarbeiters in Berlin, außerdem sei sein Name mit roter Farbe gekennzeichnet worden.