Schmalspur-Siegesparade in Moskau
Ob am Schwarzen Meer, der Ostseeküste oder im Ural: Vielerorts konnte sich die russische Bevölkerung in den vergangenen Wochen mit eigenen Augen ein Bild von den verheerenden Folgen des Kriegs gegen die Ukraine machen; nur dass es jetzt Russland traf. Ende April schlug eine ukrainische Drohne in einem Hochhaus im Zentrum von Jekaterinburg ein. Es gab Verletzte, einige Wohnungen brannten komplett aus.
Über Sankt Petersburg legte sich Ende März Smog infolge einer Drohnenattacke auf den 120 Kilometer Luftlinie entfernten Ölexporthafen in Ust-Luga. In Perm setzten Drohnen ein Ölreservoir an einem Pipeline-Knotenpunkt in Brand, in Orsk nahe der kasachischen Grenze traf es eine Ölraffinerie. Nach mehreren Angriffen auf eine Raffinerie in Tuapse zeigten Videos im Internet eine bedrohliche Rauchsäule über der Stadt am Schwarzen Meer, in der im Sommer Touristen zu günstigen Preisen Strandurlaub machen.
In wirtschaftlicher Hinsicht zeigen die Schläge gegen die russische Energieinfrastruktur unleugbare Wirkungen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters musste Russland die Rohölförderung im April um bis zu 400.000 Barrel pro Tag im Vergleich zum Vormonat zurückfahren.
Die Wirtschaftskrise lässt sich am hohen Maß von Ladenleerstand in den Einkaufsstraßen selbst vergleichsweise wohlhabender Großstädte beobachten.
Wie das Wall Street Journal berichtet, war es Russland im April allerdings noch gelungen, die Exportmenge konstant zu halten, indem zum Ausgleich mehr Erdöl aus Pazifik- und Arktishäfen verschifft wurde. Immerhin habe Russland seit Beginn des Iran-Kriegs seine Ölexporte nicht zusätzlich erhöhen können, wird ein Analyst zitiert. Die deutlich gestiegenen Erdölpreise und die Entscheidung der US-Regierung, Sanktionen für russisches Erdöl, das sich bereits auf See befindet, temporär, derzeit bis zum 16. Mai, aufzuheben, spülen allerdings Milliarden US-Dollar an Mehreinnahmen in die Kasse des Kreml. Die Ukraine steigert ihrerseits seit Monaten die Frequenz, Reichweite und Sprengkraft ihrer Angriffe auf Ziele in Russland.
Sanktionen, ein starker Rubel und niedrige Ölpreise hatten die Einnahmen aus dem Export von Rohöl und Erdgas im vergangenen Jahr stark schrumpfen lassen. 2025 machten sie im Staatshaushalt der Russischen Föderation nur noch knapp 23 Prozent aus, der niedrigste Wert seit weit über 20 Jahren.
Der Iran-Krieg, der den Rohölpreis in die Höhe trieb, beschert Russlands zwar unerwartete Profite, die aber werden benötigt, um kriegsbedingte Haushaltslöcher zu stopfen. Fast 30 Prozent des Bundeshaushalts für das laufende Jahr sind offiziell für die »militärische Spezialoperation« vorgesehen. Im Dezember hatte die Moscow Times errechnet, dass die Ausgaben für eine Woche Kriegsführung höher sind als die jährlichen Budgets von drei Vierteln der russischen Regionen. Auch diese werden für die steigenden Kriegskosten zur Kasse gebeten, während die stagnierende Wirtschaft und vielerorts sinkende Industrieproduktion ihre Haushalte belasten.
Anwachsen der Staatsverschuldung ist für Russland teuer und riskant
Der russische Finanzminister Anton Siluanow warnte Ende April, dass die Gesamtverschuldung der Regionen wegen sinkender Steuereinnahmen im vergangenen Jahr sprunghaft auf insgesamt umgerechnet circa 17 Milliarden Euro angestiegen sei und in diesem Jahr weiter steigen werde. Das Anwachsen der Staatsverschuldung ist für Russland teuer und riskant, weil das Land so gut wie keinen Zugang zu internationalen Finanzmärkten hat, um sich dort Geld zu leihen. Nimmt der Staat Kredite in Russland auf, sind die Zinsen sehr hoch, weil die Zentralbank durch einen Leitzins von derzeit 14,5 Prozent die Inflation niedrig zu halten versucht.
Rückgänge bei den Öleinnahmen versucht die Regierung, durch Steuererhöhungen zu kompensieren. Die Anhebung der Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent trifft Haushalte mit niedrigem Einkommen am härtesten. Die Steuerlast ist zudem ungleich verteilt, weil Freibeträge für Kleinunternehmen erheblich gesenkt wurden. Weitere Absenkungen sind für 2027 und 2028 vorgesehen. Die Mehrwertsteuer soll in Zukunft außerdem auf Bereiche ausgeweitet werden, in denen bislang keine anfiel, beispielsweise für den Online-Warenimport. Das beträfe dann auch die großen Handelsfirmen, die ihre Mehrkosten an die Kundschaft weiterreichen dürften.
Die Wirtschaftskrise lässt sich am hohen Maß von Ladenleerstand in den Einkaufsstraßen selbst vergleichsweise wohlhabender Großstädte beobachten. In den vergangenen Monaten schlossen reihenweise Cafés, kleine Geschäfte und selbst Filialen von Discountern. Der größte russische Interessenverband für kleine und mittelständische Unternehmen, Opora Rossii (Stütze Russlands) – eng mit der Kreml-Hauspartei Einiges Russland verbunden –, hatte landesweit 3.500 Selbständigen, hauptsächlich Vertreter:innen kleiner Firmen, aber auch Freischaffende befragt, vor allem zu den Folgen der jüngsten Steueranhebungen. Knapp 95 Prozent bewerteten die Geschäftslage schlechter als im Vorjahr, drei Viertel sprachen von einer signifikanten Verschlechterung. Schon 2025 schloss nur knapp über die Hälfte der Befragten mit einem Plus ab. Einige sind im Begriff, ihre Tätigkeit einzustellen, weniger als ein Viertel der Befragten ist sich sicher, ihr Geschäft weiterzuführen.
Probleme bei der Rekrutierung
Was die Gesamtwirtschaft betrifft, versucht die Regierung, Optimismus zu verbreiten. Für Januar und Februar schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt nach Angaben des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung um 2,1 beziehungsweise 1,5 Prozent, verwies dabei jedoch auf Umstände wie ein kalendarisch bedingtes Wegfallen von Arbeitstagen. Später korrigierte das Ministerium seine Angaben auf 1,8 beziehungsweise 1,1 Prozent, für das gesamte Quartal seien es sogar nur 0,3 Prozent gewesen. Trotz dieser Rezession im ersten Quartal wagte die Zentralbank die Prognose, dass die Wirtschaft im Jahr 2026 um 0,5 bis 1,5 Prozent wachsen werde.
Mit vermeintlichen Erfolgsnachrichten wartet auch das Verteidigungsministerium regelmäßig auf. Dabei klappt es aufgrund hoher Verluste kaum noch, die Sollstärke aller Einheiten aufrechtzuerhalten. Probleme bei der Rekrutierung des Ersatzes für getötete Soldaten werden nach unten delegiert. Inzwischen sind nicht mehr nur Unternehmen, sondern auch Hochschulen angehalten, neue Rekruten zu liefern, wozu sie häufig Druck auf Angestellte beziehungsweise Studenten ausüben.
Gleichzeitig werden die Prämien für einen Vertragsabschluss mit der Armee immer weiter angehoben. In Sankt Petersburg wird mit einer Einmalzahlung von umgerechnet 51.000 Euro geworben, aber auch in ärmeren Regionen betragen sie mittlerweile in der Regel mehrere Zehntausend Euro.
Sollte eine Drohne am 9. Mai den Weg bis ins Herz der russischen Hauptstadt finden, wäre das ein Debakel, das es selbst abgebrühte Propagandafachleute schwierig machen würde, ihrer Klientel eine siegesgewisse Version vorzulegen.
Die russische Armee rückt in der Ukraine zwar stellenweise vor, ohne allerdings nennenswerte Durchbrüche zu erzielen. Das sorgt für Kontroversen. Ende April fand in der Gesellschaftskammer, einem offiziellen Gremium für den Austausch zwischen Staat und der zurechtgestutzten Zivilgesellschaft, eine Debatte über die »militärische Spezialoperation« statt. Diese geht offenbar nicht allen weit genug. »Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass es endlich losgeht«, tönte dort Jurij Balujewskij, der in den nuller Jahren Leiter des Generalstabs war. Angesichts der steigenden Zahl von Angriffen auf russische Infrastruktur mit ukrainischen Drohnen hält er mittlerweile jede Form von Kriegsführung für geboten.
Während eines Telefongesprächs mit US-Präsident Donald Trump vergangene Woche versicherte Putin, Russland habe nach wie vor die strategische Initiative. Für die Feierlichkeiten zum »Tag des Sieges« sei er zu einer Feuerpause bereit. Der Anlass für dieses Angebot liegt auf der Hand – erstmals seit 2008 soll die Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau ohne Demonstration des russischen Waffenarsenals stattfinden, und zwar dem Kreml zufolge wegen der »terroristischen Gefahr« aus der Ukraine.
Sollte eine Drohne am 9. Mai den Weg bis ins Herz der russischen Hauptstadt finden, wäre das ein Debakel, das es selbst abgebrühte Propagandafachleute schwierig machen würde, ihrer Klientel eine siegesgewisse Version vorzulegen. Wie um zu beweisen, dass auch die verstärkte Luftabwehr im Bereich Moskau keine Sicherheit garantiert, schlug in der Nacht zum Montag eine ukrainische Drohne in ein Hochhaus mit Luxuswohnungen direkt im Zentrum der Hauptstadt ein.
Putin immer öfter im Bunker
Die Abkopplung des Internets vom Ausland bereitet der russische Staat seit langem vor, auch mehrtägige Komplettabschaltungen des mobilen Internets und teilweise auch des W-Lan wurden bereits unter anderem im März in Moskau getestet. Anlässlich der Militärparade am Tag des Sieges über den Nationalsozialismus soll in Moskau und Sankt Petersburg ab Dienstag für mehrere Tage das Mobilfunknetz abgestellt werden.
Womöglich bleibt es dabei nicht, denn Einschränkungen durch die Behörden bestimmen immer mehr den Alltag. Auch die persönlichen Sicherheitsvorkehrungen von Putin und der militärischen Führungsriege seien zuletzt stark verschärft worden, berichten die Financial Times und das russische Online-Medium Important Stories. Demnach halte sich der russische Präsident immer öfter in Bunkern auf statt in seinen üblichen Residenzen und meide die Öffentlichkeit. Den Krieg zu beenden, scheint er nicht in Erwägung zu ziehen.