Belastetes Erbe
Nicht nur Rechtsextremen, auch antizionistischen Linken ist die etablierte Form der Erinnerung an die Nazi-Verbrechen ein Dorn im Auge. Mit Blick auf diese geschichtsrevisionistische Kritik an der deutschen Erinnerungspolitik ist es notwendig, darüber nachzudenken, was an ihr zu verteidigen ist – und was nicht. Nikolas Lelle forderte, die in der offiziellen Gedenkpolitik institutionalisierten Errungenschaften jahrzehntelanger erinnerungspolitischer Kämpfe zu verteidigen (»Jungle World« 7/2026 ). Justin Monday hielt dagegen, die Schuldanerkennung fungiere identitätsstiftend für die vermeintlich geläuterte Nation (13/2026). Timon Wißfeld kritisierte ein abstraktes deutsches Schuldeingeständnis, das das, worauf sich die Schuld bezieht, tunlichst beschweigt (15/2026).
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Justin Monday schrieb an dieser Stelle, der linke Antizionismus sei insofern besonders, als er die Shoah nicht leugnet, sondern »als bekannt voraussetzt« und »explizit als deutsche Tat benennt«. Neu ist dieser Gedanke nicht. Als Theodor W. Adorno Mitte der fünfziger Jahre erstmals das Phänomen beschrieb, das heutzutage als Schuldabwehrantisemitismus bezeichnet wird, ging er davon aus, dass die befragten nichtjüdischen Deutschen von den nationalsozialistischen Verbrechen entsetzt waren.
Nur weil die Nazi-Generation und ihre Kinder nach 1945 unbewusst Schuld empfänden, schrieb er in »Schuld und Abwehr«, müssten sie diese Gefühle überhaupt abwehren. Würden sie die Verbrechen gutheißen oder tatsächlich leugnen, »bedürfte es nicht des Eifers der Distanzierung«. Adorno sah darin einen »Aspekt von Hoffnung«.
Keine radikale Abkehr vom Antisemitismus
In ihren Frankfurter Adorno-Vorlesungen »Psychoanalyse und Antisemitismus« vertritt die Psychoanalytikerin Ilka Quindeau die entgegengesetzte Auffassung. Die Abwehr richte sich nicht gegen ein eigenes Schuldbewusstsein, sondern gegen einen »als ungerechtfertigt erlebten Vorwurf«, ganz gleich ob er tatsächlich erhoben wird oder nicht. Die Politik der AfD gegen den angeblichen »Schuldkult« ist dafür ein gutes Beispiel.
Als gesichert kann jedenfalls gelten: Die Anerkennung der Shoah führt noch nicht, wie Adorno es hoffte, zu einer »radikalen Abkehr vom Antisemitismus«. Das Wissen um das präzedenzlose Verbrechen kann sogar auf neue Weise Judenfeindschaft befördern. Als die linke Gruppe Tupamaros West-Berlin am 9. November 1969 einen Sprengsatz in der Jüdischen Gemeinde in Berlin legte, bekannte sie sich öffentlich zu dem Anschlag – der zum Glück misslang, weil der Zünder versagte.
Die Tupamaros wollten diese Tat als einen antifaschistischen Akt verstanden wissen. Denn, so erklärten sie in einer Szenezeitung vier Tage nach der Tat: »Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen.«
Über ein Viertel der rund 3.500 jüdischen Gemeindemitglieder floh in den Jahren 1952 und 1953 aus dem real-sozialistischen Deutschland.
Für die Gleichsetzung Israels mit Nazi-Deutschland gibt es seitdem zahllose Beispiele. Und die Aggression richtete sich immer wieder auch gegen Vertreter:innen jüdischer Organisationen sowie Jüdinnen und Juden. Noch 1991 verübte die Rote Armee Fraktion gemeinsam mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) einen Anschlag auf jüdische Ausreisewillige in Budapest.
Der Antizionismus der Linken ist älter als der Staat Israel. Schon 1929 feierte die Kommunistische Partei Deutschlands die antisemitische Gewalt im britischen Mandatsgebiet Palästina als Beginn einer arabischen »Aufstandsbewegung«. Von den 133 ermordeten Jüdinnen und Juden gehörten viele zu den alten jüdischen Gemeinden, die seit langem in Palästina zu Hause waren.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in der neu gegründeten DDR zu einer antisemitischen Verfolgungswelle: Gemeinden wurden durchsucht, Parteimitglieder »jüdischer Abstammung« überprüft. Ein Schauprozess wie in der Tschechoslowakei »stand unmittelbar bevor«, schreibt der Historiker Thomas Haury in seinem Buch »Antisemitismus von links« (2002). Über ein Viertel der rund 3.500 jüdischen Gemeindemitglieder floh in den Jahren 1952 und 1953 aus dem realsozialistischen Deutschland. Offiziell richtete sich die Verfolgung nicht gegen Jüdinnen und Juden, sondern gegen »Zionisten«.
Schlechtes Gewissen der Linken?
Für Linke, die sich in diese Tradition stellen, gäbe es also viele Gründe, Scham zu empfinden. Der als Hass auf den Zionismus auftretende Antisemitismus war mehr als eine falsche Meinung. Er hatte – wie die Akte des Terrors und der Verfolgung zeigen – gravierende Auswirkungen.
Menschen können sich schuldig fühlen, selbst wenn sie nichts getan haben. In den Fünfzigern erklärte der Historiker Isaac Deutscher, was sein Gewissen belastete: Hätte er vor dem Zweiten Weltkrieg, »statt gegen den Zionismus anzugehen«, die europäischen Jüdinnen und Juden aufgerufen, »nach Palästina zu gehen, hätte ich womöglich geholfen, einige Menschenleben zu retten«. Als Kind jüdisch-orthodoxer Eltern und als Kommunist hatte Deutscher selbst vor den Nazis fliehen müssen. Trotzdem belastete seine Opposition gegen den Zionismus vor 1939 sein Gewissen.
Man kann sich leicht ausmalen, wie groß das schlechte Gewissen derjenigen Linken sein müsste, die sich an der antizionistischen Verfolgung in der DDR beteiligt haben, die für antisemitische Terrorakte mitverantwortlich zeichnen oder jene gedeckt haben, die sie verübt hatten.
Der 7. Oktober 2023 und die Linke
Deutschers Haltung macht noch etwas deutlich: Die Linke ist am sogenannten Nahostkonflikt nicht unschuldig. Statt Jüdinnen und Juden bei der Flucht nach Palästina zu unterstützen, blieben kommunistischen und sozialistischen Parteien bei ihrer antizionistischen Position und schürten – bis auf die kurzfristige Unterstützung Israels 1948 – die Feindschaft gegen jüdisches Leben in Erez Israel.
Heutzutage ist es nicht viel anders. Wer den 7. Oktober 2023 mit seinen Massakern und Geiselnahmen bejubelt, kann nicht ernsthaft behaupten, den Krieg in Gaza nicht gewollt zu haben, ebenso wenig wie die Linken, die die sexuelle Gewalt leugnen oder die Hamas mit Worten oder Taten unterstützen.
Um daran nicht erinnert zu werden, sind verschiedene Abwehrreaktionen üblich: physische Gewalt gegen diejenigen, die die Erinnerung wachhalten, Einschüchterung, Lügen, das Verschweigen von Fakten. Wie weit das reicht, hat der Verleger Jörg Sundermeier kürzlich im Freitag berichtet: Täglich lösche der Verbrecher-Verlag antisemitische Social-Media-Posts »von eher ›linken‹ oder ›alternativen‹ Autoritätsgläubigen«.
Als Anlass reiche es schon, dass in einem Buchtitel das Wort Antisemitismus vorkomme. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung nahm Ende April eine positive Besprechung des Buchs »Antisemitismus definieren« von Nikolas Lelle und Tom Uhlig nach einigen Tagen wieder von ihrer Website, ohne Angabe von Gründen.
»Antisemitismus-Kampagne gegen links«
Seit den Neunzigern wird in Deutschland über Antisemitismus in der Linken gestritten. Doch jede neue Erkenntnis, jede Ausstellung oder Publikation zum Thema trifft auf Abwehr. »Die Mär vom Antisemitismus« heißt zum Beispiel ein Buch über die DDR aus dem Jahr 2010, »Rufmord. Die Antisemitismus-Kampagne gegen links« eines über die gesamtdeutsche Linke von 2015. In »Legenden um Entebbe« (2016) behauptet Markus Mohr, es sei »Unfug«, dass es bei der Flugzeugentführung nach Uganda 1976 eine »Selektion zwischen Juden und Nichtjuden« gegeben habe.
Die Entebbe-Entführung belastet die linke Identität besonders. Nicht nur weil dieses Ereignis weltbekannt ist, sondern auch weil die daran beteiligten Revolutionären Zellen 1991 selbst in einer Erklärung einräumten, dass die »Selektion« auf dem Flughafen in Uganda »entlang völkischer Linien« erfolgt ist.
Wer die antizionistische Tradition in der radikalen Linken bewahren will, muss entweder die Taten rechtfertigen, die im Namen des Antizionismus begangen wurden, oder die Erinnerung an sie abwehren.
Auf Abwehr stießen in den Sechzigern auch Feministinnen, die den Sexismus in der Linken anprangerten, oder Versuche, sich selbstkritisch mit Rassismus in der Linken auseinanderzusetzen. Aber die Widerstände gegen eine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in der Linken sind deutlich größer. Denn der Antizionismus ist verknüpft mit dem für Linke zentralen Begriff »Faschismus« und der fixen Idee, dass ausgerechnet in Israel der Nationalsozialismus wiederkehren würde.
Für Antisemitismus in der Linken gibt es mehrere etablierte Erklärungsansätze: die Judenfeindschaft sei ein personifizierender verkürzten Antikapitalismus, eine Art »Sozialismus der dummen Kerls«; ein Befreiungsnationalismus, der sich mit allen »unterdrückten Völkern« solidarisiert, nur nicht mit Jüdinnen und Juden, die in Erez Israel leben wollen, weil sie ihm umgekehrt als Unterdrücker der Palästinenser erscheinen; oder die Schuldabwehr wegen der Nazi-Verbrechen, an denen die eigenen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern beteiligt waren. Zu diesen Faktoren könnte eine spezifisch linke Schuldabwehr hinzukommen. Denn wer die antizionistische Tradition in der radikalen Linken bewahren will, muss entweder die Taten rechtfertigen, die im Namen des Antizionismus begangen wurden, oder die Erinnerung an sie abwehren.