14.05.2026
Der Film »Andor Hirsch« über Ungarn nach dem Volksaufstand

Aufstand gegen den Tod

Nach dem ungarischen Aufstand gegen die Sowjets 1956 legt sich der Junge Andor mit der Autorität an und wartet vergeblich auf die Rückkehr seines im Nationalsozialismus verschleppten jüdischen Vaters. Der Film »Andor Hirsch« lehnt sich gegen das Vergessen inmitten von Totalitarismus auf.

Zu Beginn von László ­Nemes’ neuem Film »Andor Hirsch« beobachtet die Kamera, begleitet von aufgeregtem Atmen, aus einem Versteck im Gebüsch die Auflösung eines Waisenhauses im Ungarn der späten fünf­ziger Jahre. Während die meisten Kinder auf staatliche Einrichtungen verteilt werden, kommt der titelgebende Andor (Barabás Bojtorján), dessen Perspektive die eröffnende Einstellung einnimmt, zu seiner Mutter Klára (Andrea Waskovics).

Andors Vater, der nur bei seinem Nachnamen Hirsch genannt wird, wurde während der deutschen Besatzung als Jude ins Konzentrationslager deportiert. Inzwischen ist das realsozialis­tische Ungarn nach dem gescheiterten Aufstand von 1956 gegen die sowjetische Besatzung von Misstrauen, Spitzelei und der Verfolgung der Aufständischen geprägt.

Der Regisseur László Nemes’ vermittelt wie schon in seinem Auschwitz-Drama »Son of Saul« die beklemmende Atmosphäre von »Andor Hirsch« nicht zuletzt durch das eingeengte Bildformat.

Andor erlebt diese Zeit mit Klára in Budapest. Er hilft ihr bei ihrer Arbeit im Lebensmittelladen aus und spielt mit Sári (Elíz Szabó), der Tochter ihrer Kollegin, deren ebenfalls jüdischer Familie das Geschäft bis zur Enteignung gehörte – nun wird es von einem linientreuen Parteimitglied geführt. Die beiden finden zufällig eine Waffe, die sie Sáris Bruder Tamás (Sándor Soma) bringen – als Beteiligter des Volksaufstands lebt er versteckt und plant seine Flucht in die Vereinigten Staaten.

Eines Tages wird Andor beim Spiel mit alten Eintrittskarten aus dem Bestand seines Vaters, der einen Ticketschalter betrieb, aus Schikane verhaftet – ein Akt der Repression, in dem zugleich die Willkür und der Antisemitismus der staatlichen Institutionen zum Ausdruck kommen. In seiner Not wendet sich der Junge an seinen abwesenden Vater. Er spricht zu ihm am Heizkessel im Keller des Mietshauses, wobei die Berichte über seine Nöte an Gebete erinnern.

Andors Leben erfährt eine einschneidende Veränderung, als eines Abends ein Mann auf einem Motorrad erscheint. Klára wendet sich zunächst erschrocken ab, doch einige Tage später betritt der Fremde die Wohnung und leuchtet Andor mit einer Lampe ins Gesicht. Kurz darauf überrascht seine Mutter ihn mit Karten für einen Boxkampf, wo Andor zu seinem großen Unwillen abermals auf den korpulenten, groben Mann trifft.

Andor (Barabás Bojtorján) und seine ­Freundin Sári (Elíz Szabó, r.)

Streunern durch Budapest: Andor (Barabás Bojtorján) und seine ­Freundin Sári (Elíz Szabó, r.)

Bild:
MUBI

Klára stellt die beiden einander vor und erklärt, beinahe entschuldigend, Berend (Grégory Gadebois) habe sie während der Judenverfolgung in seinem Haus auf dem Land versteckt, und fügt hinzu, sie verdankten ihm beide ihr Leben. So muss Andor erfahren, dass sein leiblicher Vater nicht Hirsch, Kláras große Liebe, sondern jener fleischige Metzger aus der Provinz sei, der die Notlage seiner Mutter sexuell ausgenutzt hat.

Andor lehnt sich immer stärker gegen den neuen Mann auf, der sich anschickt, die Vaterrolle einzunehmen, und nach einiger Zeit gar in der Stadtwohnung einzieht. Er weigert sich, dessen Namen anzunehmen, und besteht darauf, Hirsch genannt zu werden. Außer als Rebellion gegen den konkreten Vater im Namen einer abstrakten, idealisierten Vater­figur kann das auch als Verteidigung des jüdischen Erbes der Familie begriffen werden – umso mehr, als Andor eines Tages eine Schweinehälfte, die der Fleischer aus seinem Betrieb mitbringt, von der Balustrade vor der Wohnungstür in den Budapester Hinterhof stößt. Es entspinnt sich ein wahrer Krieg zwischen Vater und Sohn, im Zuge dessen Berend immer entschiedener versucht, Hirschs Erbe auszulöschen, Klára wieder zu missbrauchen beginnt – und Andor so schließlich dazu treibt, den Vatermord zu planen.

Beklemmende Atmosphäre

Wie schon in Nemes’ oscarprämiertem Auschwitz-Drama »Son of Saul« von 2015 vermittelt sich die beklemmende Atmosphäre von »Andor Hirsch« nicht zuletzt durch das eingeengte Bildformat, in dem die Erzählung auf 35mm-Film gedreht wurde. Zugleich eignet den sepiafarbenen Bildern, die vergilbten Fotografien aus der Zeit der Handlung ähneln, eine fast verträumte Schönheit, wenn sie die Häuserfassaden Budapests abtasten oder sich in Fenstern, Spiegeln oder Gardinen verlieren.

Ebenso wie die Erzählung selbst drohen sie allerdings bisweilen von ­ihrer konstruierten Komposition erdrückt zu werden. Etwas mehr Spontanität im Zusammenwirken von Kamera und Schauspiel wäre wünschenswert gewesen – ebenso wie die Streichung einiger Längen, mit denen der Film im Mittelteil zu kämpfen hat. Stellenweise droht Nemes’ strenger Formalismus, die emotionale Nahbarkeit seiner Charaktere zu schmälern.

Allzu konstruiert und nah an der Grenze zur emotionalen Ausbeutung erscheint die Sequenz, in der der untergetauchte Tamás erschossen wird, nachdem Andor ihm die Waffe wieder entwendet hat, um das ödi­pale Attentat auszuführen – die De­struktion, die sein Aufstand gegen die neue Realität mit sich bringt, hätte sich dramaturgisch ohne diese Wendung und mit etwas mehr Subtilität eindringlicher vermitteln können.

»Schma Jisrael« in der Synagoge

Schauspielerisch scheinen Barabás Bojtorján, der Andor verkörpert, und Andrea Waskovics, die Klára spielt, hinter ihren Möglichkeiten zurückzubleiben. Etwas mehr Bewegungsfreiheit hätte ihnen gut getan, um den Charakteren Tiefe zu verleihen – die schwache, beschämte Mutter darf sich nur anfänglich in Erinnerung an Hirsch kurz gelöst zeigen und verschwindet zusehends im emotionalen Gefängnis der unfreiwilligen Beziehung, während Andor in Wut und Leiden eingesperrt bleibt.

Anders verhält es sich mit Berend, der vom französischen Schauspieler Grégory Gadebois gespielt wird. ­Seine körperbetonte Darstellung des schweren, keuchenden Fleischers schillert, zumal die Figur des Berend trotz ihrer Gewalttätigkeit und abstoßenden Körperlichkeit alles andere als eindimensional geraten ist – immer wieder sieht er Andor seine Rebellionen nach und scheint bei all seiner provinziellen Grobschlächtigkeit ernsthaft bemüht, seinem Sohn ein Vater zu sein. Gewissermaßen reflektiert sich in dieser Verteilung der Freiheit im Schauspiel die Gestaltungsmacht der Figuren: Während Klára sich in ihrer Abhängigkeit ihrem Peiniger andienen muss und Andors Aufbegehren vergeblich bleibt, eignet sich Berend unbeirrt die Vaterrolle an.

Überhaupt ist eine große Stärke von »Andor Hirsch« die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Vater. Nicht nur im Gebetscharakter von Andors immer verzweifelteren Anrufungen im Heizkeller wird deutlich, dass Hirsch für mehr steht als den abwesenden Familienvater – nämlich für die Idee einer guten väterlichen Instanz, die Erinnerung und Überlieferung symbolisiert in einer Gesellschaft, in der der deutsche Vernichtungswahn vom Totalitarismus des sowjetischen Fortschrittsglaubens abgelöst wurde. So führt Andors Suche nach der eigenen Zugehörigkeit ihn schließlich auch in eine Synagoge, wo er das Gebet »Schma Jisrael« hört und seine Freundin Sári trifft.

Mutter Klára (­Andrea Waskovics) und Vater Berend (­Grégory Gadebois)

Andors Eltern. Seine Mutter Klára (­Andrea Waskovics, l.) benennt ­Berend (­Grégory Gadebois) als ­Vater

Bild:
MUBI

Wie im Glauben hält Andor gegen alle Wahrscheinlichkeit auch an der Hoffnung fest, dass Hirsch noch ­leben könnte – wurden doch mit ihm auch alle Beweise seiner Ermordung vernichtet, so dass Klára erst im Zuge der Wiederannäherung Berends beschließt, unter Andors ­heftigem Protest Hirschs Namen in die Familiengruft auf dem jüdischen Friedhof zu gravieren. Andors Auf­begehren, in dem er die im Gedenken abgelegten Steine von den Gräbern greift und dem Friedhofswärter entgegenschleudert, zeichnet dabei ein Doppelcharakter aus – es ist zugleich Aufstand gegen den Tod und Leugnung des Verlusts, die trauernde Erinnerung unmöglich macht.

In seiner bemerkenswerten Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Namens, seiner Betonung der metaphysischen gegen die biologische Genealogie und seiner Unter­suchung der Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Vaters in Gesellschaften, die sich als Bruderhorde gegen die Vergangenheit auflehnen, ist Nemes mit »Andor Hirsch« ein psychoanalytisch kluger und ästhetisch bezwingender Beitrag zum Kino der ungarisch-jüdischen Geschichte gelungen. In seiner Parteinahme für das Leben und gegen den Tod hätte man ihm allenfalls ein wenig mehr ästhetische Durchlässigkeit für das Lebendige gegönnt – so wie man Andor und Klára Verhältnisse wünschte, in denen sie, fern Berends schweren Keuchens, frei atmen könnten.

Andor Hirsch (Ungarn/Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2025). Buch: László Nemes, Clara Royer. Regie: László Nemes. Darsteller: Barabás Bojtorján, Grégory Gadebois, Andrea ­Waskovics