Homestory #20/2026
Im März stellte die US-amerikanische Archivbehörde National Archives and Records Administration (Nara) Millionen NSDAP-Mitgliedskarteien online. Kurz vor dem Osterwochenende lancierte die Zeit dann ein Tool auf Basis dieser Aktenbestände, mit dem sie Interessierten eine vereinfachte Suche ermöglichen will. »Recherchieren Sie hier die NSDAP-Vergangenheit Ihrer Familie«, pries die Wochenzeitung ihr Angebot an, zu dem allerdings nur zahlende Abonnenten Zugang haben.
Dass belastende Befunde zur eigenen Verwandtschaft ausbleiben, damit muss man rechnen, egal wie man sich nun Zugang zur Datensammlung verschafft. Bestätigt wird dadurch allerdings nicht die gern verbreitete Familienlegende, wonach die eigenen Vorfahren irgendwie im Widerstand gewesen oder zumindest regimefern geblieben seien.
Ein billiger Trick also, um Abonnements und Aufmerksamkeit in den sozialen Medien zu generieren? Tatsächlich landete die Zeit damit einen der erfolgreichsten Online-Beiträge ihrer Geschichte.
In Ihrer Lieblingszeitung fragte man sich zunächst allerdings, wozu es das Angebot überhaupt brauche. Eine Redakteurin war bereits im März direkt in den digitalen Nara-Beständen fündig geworden. »Dass mein Urgroßvater Mitglied in der NSDAP war, hatte ich erwartet. Dass er schon 1932 eingetreten ist, war neu für mich.« So kompliziert erschien die Suche also nicht – allerdings hat die Kollegin den Vorteil eines selten vorkommenden Nachnamens und eines Studienabschlusses in Geschichtswissenschaften.
»Ich hatte mal für den deutschen Zweig meiner Familie reingeschaut, aber keine Treffer bekommen«, schreibt ein Mitarbeiter über seinen Versuch, im Nara-Archiv etwas zu entdecken. »War allerdings skeptisch, ob ich, zumal auf dem Smartphone, alle Felder richtig ausgefüllt hatte.« Für die spanische Seite der Verwandtschaft hatte der Kollege dagegen »vor Jahren die Häftlingsakte meines Großonkels angefordert, der vier oder fünf Jahre als republikanischer Milizionär in Mauthausen einsaß und an den Folgen Anfang der fünfziger Jahre starb«.
Lückenhafte Bestände
Auch eine Kollegin klickte sich durch die Nara-Datenbank: »Der Output, den man bekommt, ist irgendwie nur mit Mühe zu durchforsten.« Es gebe da einen Nazi mütterlicherseits, über den in der Familie konsequent geschwiegen werde. Auf einmal wirkte das Zeit-Tool doch gar nicht mehr so unnütz, und ein Redakteur machte sich hinter der Paywall auf die Suche. Seinen Urgroßvater fand er dort allerdings nicht, »obwohl er sicher in der Partei war – er war Bürgermeister in einer Kleinstadt in Schlesien«.
Dass belastende Befunde zur eigenen Verwandtschaft ausbleiben, damit muss man also rechnen, egal wie man sich nun Zugang zur Datensammlung verschafft. Diese Erfahrung dürften nicht nur Jungle World-Mitarbeiter gemacht haben. Bestätigt wird dadurch allerdings nicht die gern verbreitete Familienlegende, wonach die eigenen Vorfahren irgendwie im Widerstand gewesen oder zumindest regimefern geblieben seien. Die Alliierten konnten schlicht nicht sämtliche Akten sichern. Schätzungsweise zehn bis 20 Prozent der NSDAP-Mitgliedskarteien fehlen im Archivbestand. Besonders lückenhaft sind die Bestände bei den Anfangsbuchstaben G, K, L und M.