14.05.2026
Juden in Deutschland sehen sich im Stich gelassen

Der Krieg war immer nur ein Vorwand

Die Solidarität schwindet zum falschen Zeitpunkt: Juden fühlen sich hierzulande immer mehr im Stich gelassen.

Wer sich gegen Antisemitismus einsetzt, dürfte die Frage kennen: Bist du jüdisch? Wie viel bittere Wahrheit in dieser Frage steckt, haben die vergangenen zweieinhalb Jahre deutlich gemacht. Denn die Juden stehen im Kampf gegen den Antisemitismus allein wie lange nicht. Der Ausnahmezustand nach dem Terrorangriff der Hamas ist für Juden in Deutschland zu einem Dauerzustand ständiger Bedrohung geworden. Einen Weg, damit fertig zu werden, müssen die Betroffenen allerdings weitestgehend alleine finden.

Der Frühling lässt sich bislang wie folgt zusammenfassen: Brandanschlag auf eine Synagoge in Rotterdam, Bombenanschlag auf eine Synagoge in Lüttich, eine Explosion vor einer jüdischen Schule in Amsterdam und schließlich ein Messerangriff in Golders Green, dem Herzen des jüdischen London, wobei zwei Menschen verletzt wurden. Für besonders viel Entsetzen hat das hierzulande trotzdem nicht gesorgt. Einige würden sagen, dass es ja eben nicht hier passiert sei. Das kann sagen, wer nicht bedroht ist. Bei denjenigen, die es auch in Deutschland sind, dürfte die Botschaft hingegen angekommen sein: Ihr sollt euch nirgendwo sicher fühlen. Das ­Sicherheitsgefühl hängt eben zu einem gewissen Teil auch davon ab, wie viel Unterstützung man erfährt.

Der Alltag von Juden findet unter Vorbehalt statt und ihre psychische Stabilität ist angekratzt.

Und diese Unterstützung nimmt ab. Bereits zum dritten Mal hat sich der Zentralrat der Juden in Deutschland in einer repräsentativen Befragung über die Lage der jüdischen Gemeinden erkundigt. Das Ergebnis: Der Alltag von Juden findet unter Vorbehalt statt und ihre psychische Stabilität ist angekratzt. Da ist es nicht besonders hilfreich, dass die Normalisierung der Bedrohung mit einem Rückgang der zivilgesellschaftlichen Solidarität einhergeht. Nahmen der Befragung zufolge im Jahr 2023 noch 62 Prozent der Gemeinden Solidarität aus der Zivilgesellschaft wahr, sind es mittlerweile nur noch 35 Prozent.

Im alltäglichen Leben fühlen sich demnach 68 Prozent der Befragten unsicher und die Anfrage nach psychosozialer Unter­stützung ist in 63 Prozent der Gemeinden gestiegen. Die Zukunftsperspektiven jüdischen Lebens werden dementsprechend über­wiegend pessimistisch eingeschätzt: Nur 13 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die Zukunft. Warum sollten sie auch? Für die allermeisten Gemeinden hat nicht einmal der Waffenstillstand in Gaza zu einer merklichen Verbesserung geführt. Ein paar berichteten sogar von einer Verschlechterung. Der Krieg war immer nur ein Vorwand.

Man macht sich nicht mal mehr die Mühe der Umwegkommunikation: Weil London eben doch nicht so weit weg ist, zierten gerade eben erst Mordaufrufe Berliner Häuserwände, wo eben nicht mehr die Rede von Zionisten war, sondern von Juden. Irgendwie hätte man das ja auch ahnen können, nachdem sowohl der Tod des Architekten des 7. Oktober, Yahya Sinwar, als auch der des iranischen Schlächters Ali Khamenei ganz ungeniert auf deutschen Straßen und von einschlägigen Profilen in den sozialen Medien betrauert wurde. Generell sind positive Bezugnahmen auf die Hamas längst keine Seltenheit mehr. Das absurdeste Beispiel dafür, welch Kultstatus die Judenmörder hierzulande mittlerweile offenbar erreicht haben, war, dass im vergangenen August in Leipzig ­Eltern ihr Kind Yahya Sinwar nannten.

Juden gefährdet wie lange nicht mehr

An dieser Stelle doch ein Lob für die Ausnahme: Als Antwort auf die mordlüsternen Graffiti zeigten wenigstens 300 Personen bei ­einer Kundgebung der »Mahnwachen gegen Antisemitismus« ihre Solidarität mit Juden. Seit dem Brandanschlag auf die Synagoge der Gemeinde Kahal Adass Jisroel im Oktober 2023 – richtig, Brandanschläge auf Synagogen können die Deutschen nämlich auch – organisiert die Initiative jeden Monat eine Kundgebung gegen Antisemitismus.

Aber, und da wären wir wieder beim Eigentlichen: Besonders gut besucht sind die in der Regel nicht. Vielleicht er­innert sich noch jemand an den Februar 2024, als überall im Land Abertausende Menschen wiederholt gegen die AfD auf die Straße gingen? Einige erinnerten bei diesen Demonstrationen mahnend an den Nationalsozialismus. Vergessen haben sie dabei aber: Das Kernelement des Nationalsozialismus war der Antisemitismus.

Jüdisches Leben ist in Deutschland 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gefährdet wie lange nicht mehr. Auf einem anonymen Aushang in der Kunsthochschule Burg Giebichenstein wurde gerade erst die Jüdische Gemeinde Halle als »rassistische und ­zionistische Organisation« diffamiert und Juden eine Mitschuld an einem »Völkermord« unterstellt. Und die Berliner Zeitung berich­tete vom 41jährigen Nimrod, den im Januar eine Gruppe vor einem Späti antisemitisch beleidigt (»Fick dich, Jude«) und verprügelt hatte; nach seiner Operation zog Nimrod zurück nach Israel: »Ich brauchte das Gefühl von zu Hause.«

»Ablehnung des Zionismus«

Dieses Zuhause gönnt Nimrod aber nicht jeder. Nach dem niedersächsischen Landesverband der Linkspartei hat nun auch deren Jugendverband in Schleswig-Holstein offiziell die »Ablehnung des Zionismus« beschlossen. Das bedeutet nichts anderes als die Ablehnung des Existenzrechts Israels, des einzigen Staats, in dem ­Juden vor Antisemitismus geschützt sind.

Davon hält der Jugendverband aber sowieso nichts. Im Beschluss heißt es nämlich, man lehne »die besondere Behandlung Israels, auch als angeblicher Schutzraum für Jüdinnen und Juden (…) als antisemitisch ab.«

Mit einer solchen Ansicht stehen sie in der Linkspartei nicht unbedingt alleine da. Auf den Antizionismus in seiner Partei angesprochen, bemühte sich ein Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, Luigi Pantisano, im Interview mit der Schwäbischen Zeitung zwar, das Selbstbestimmungsrecht Israels nicht in Frage zu stellen, vertrat dennoch aber die steile These: »Ehrlich gesagt ist die größte Gefahr für die jüdische Bevölkerung in der Welt die israelische ­Regierung.« Pantisano will übrigens Vorsitzender der Linkspartei werden.

Sich mit Juden zu solidarisieren, ist dringender denn je nötig.