14.05.2026
Am 9. Mai nutzte die russische Botschaft das Gedenken für Propaganda

Der Botschafter marschiert mit

Das russische Regime nutzt das Gedenken an den Sieg über den Nationalsozialismus, um Kriegspropaganda zu verbreiten. So auch am 9. Mai in Berlin.

Seit über 15 Jahren wird in Russland am 9. Mai unter dem Namen »Unsterbliches Regiment« des Kampfs gegen Nazi-Deutschland gedacht. Dabei tragen die Menschen häufig Bilder ihrer Eltern oder Großeltern, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Der Marsch war ursprünglich von oppositionellen Kräften ins Leben gerufen worden, um sich vom staatlich gelenkten und militaristischen Gedenken am »Tag des Sieges« abzugrenzen.

Doch die Initiative wurde bald vom Regime vereinnahmt. Das zeigte sich auch in Berlin, wo sich am Wochenende wieder mehrere Hundert Teilnehmer vor dem Brandenburger Tor einfanden, um von dort zum sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten zu ­ziehen.

»Weg da, weg da!« wurde den Fotografen und Reportern, die einige Meter vor dem Marsch liefen, auf Russisch entgegengeschrien. Wer den Befehlen nicht sofort Folge leistete, wurde grob zur Seite geschoben.

Zu dem Gedenkmarsch war in mit dem Kreml sympathisierenden Telegram-Kanälen aufgerufen worden. Viele Teilnehmer ­trugen Porträts ihrer Verwandten, die in der Roten Armee gegen Nazi-Deutschland gekämpft hatten. Aber dazwischen mischten sich auch fragwürdige politische Inhalte. Auf T-Shirts stand die Aufschrift »Russen geben nicht auf«, andere trugen Kleidung in den Farben der russischen Nationalflagge. Einer Teilnehmerin, die einen Bilderrahmen in den Händen hielt, ging es vor allem um das heutige Geschehen. »Mein Großvater ist für unsere Freiheit gestorben und jetzt kämpft Russland wieder für unsere Freiheit«, sagte sie.

Als der russische Botschafter mit seiner Delegation eintraf, erklang aus einem Lautsprecher das Lied »Wir erheben uns« des russischen Sängers Shaman, das 2022 in Russland zur Hymne der »Spezialoperation« geworden war – so nennt man den Krieg gegen die Ukraine im offiziellen Propagandasprech bis heute.

Als sich der Marsch in Bewegung setzte, wurde schnell klar, wer das Sagen hat. Obwohl die russische Botschaft offiziell kein Organisator der Demonstration war, fungierten mehrere Mitarbeiter als Ordner und fielen durch ihren aggressiven Ton gegenüber Pressevertretern auf. »Weg da, weg da!« wurde den Fotografen und Reportern, die einige Meter vor dem Marsch liefen, auf Russisch entgegengeschrien. Wer den Befehlen nicht sofort Folge leistete, wurde grob zur Seite geschoben. Doch es wurden auch Ausnahmen gemacht: für die Vertreter der kremltreuen russischen Staatsmedien.

»Auf den Sieg!«

Während sich der Marsch in Richtung des Ehrenmals im Tiergarten bewegte, versammelten sich proukrainische Demonstranten auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Zu handgreiflichen Konflikten kam es nicht, doch beim Gedenkmarsch hatte man kein Verständnis für die Anliegen der Ukraine. »Der Sieg 1945 war der Sieg Russlands«, sagte ein Teilnehmer. Den »Ruhm der Ukraine«-Rufen entgegnete man mit Sprechchören »Heldenstadt Moskau – hurra!«, »Heldenstadt Leningrad – hurra!« – und einem provokanten »Heldenstadt Odessa – hurra!« Odessa liegt in der Ukraine, wird aber von Imperialisten wie Putin als »russische Stadt« bezeichnet.

Am Ehrenmal wurden Blumen niedergelegt, man tanzte zu ­sowjetischen Liedern. Auf einer Mauer hatte sich eine Gruppe zum Picknick eingefunden. Eine Frau, die sich Putins Porträt um den Hals gehängt hatte, schenkte Wodka aus. Als jeder zu trinken hatte, erhob sie ihr Glas und rief: »Auf den Sieg!«