21.05.2026
Karsten Berlin von der IG BAU im Gespräch über den Arbeitsschutz auf Baustellen

»Wenn es schiefgeht, endet das meistens schrecklich«

Die Zahlen sinken zwar, sind aber noch immer zu hoch: 74 Menschen verloren nach Angaben der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) im vergangenen Jahr auf Baustellen ihr Leben. Zudem zählt die Gewerkschaft jährlich 400 Tote infolge von Berufskrankheiten. Sie ist daher alarmiert und warnt die Beschäftigten in einer Pressemitteilung, Gefahren bei der Arbeit nicht einfach hinzunehmen. Die »Jungle World« sprach darüber mit Karsten Berlin, Branchensekretär Bauwirtschaft der IG BAU.

Was sind typische Beispiele für Unfälle im Baugewerbe?
2023 starben fünf Arbeiter auf einer Baustelle in der Hamburger Hafencity beim Einsturz eines Innenschachtgerüsts. Und vergan­genes Jahr kamen drei Menschen bei einem Unfall in Horb am Neckar ums Leben, bei dem eine Krangondel abstürzte.

Woran liegt es, dass Baustellen so gefährlich sind?
Dafür gibt es nicht die eine Erklärung. Manchmal ist es die Routine. Unter den Kolleginnen und Kollegen, die schon sehr lange auf dem Bau unterwegs sind, gibt es so einen Spruch: »Hat doch immer funktioniert.« Und wenn es dann einmal schiefgeht, endet das meistens schrecklich. Ein weiterer Grund ist Unerfahrenheit. Wir als IG BAU mahnen deshalb, dass Auszubildende schon in der ersten Woche lernen sollten, Gefahren zu erkennen. Dazu kommt noch der zeitliche Druck, der oft auf Baustellen vorherrscht.

»Wir als IG BAU mahnen deshalb, dass Auszubildende schon in der ersten Woche lernen sollten, Gefahren zu erkennen.«

Liegt die Verantwortung für diesen Zeitdruck vor allem bei den Arbeitgebern?
Oftmals ist es so. Und Beschäftigte aus dem Ausland sind häufiger von Unfällen betroffen, weil in der Regel auf ihnen besonders großer Zeitdruck lastet. Zugleich ist das nur ein Teil der Wahrheit. Wir können unsere Kolleginnen und Kollegen nicht von der Verantwortung für die eigene Gesundheit freisprechen. Will sagen: Eine persönliche Schutzausrüstung zu haben und sie nicht zu nutzen, ist nicht för­derlich.

Was tut die IG BAU, um Unfällen vorzubeugen?
Wir arbeiten eng zusammen mit der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU), gerade bei der Prävention. Gemeinsam haben wir das Sensibilisierungsprogramm »Bau auf Sicherheit. Bau auf Dich« entwickelt. Wir haben Filme aufgenommen mit Betroffenen von schweren Unfällen, um mit echten Bildern die Gefahr in die Köpfe zu bekommen. Außerdem sensibilisieren wir Kolleginnen und Kollegen dafür, in Gefahrensituation »stopp« zu sagen, um Unfälle zu vermeiden und auf sich und auf andere zu achten. Man muss auch den Mut haben, für andere »stopp« zu sagen und zum Beispiel ein Gerüst sperren zu lassen, wenn dort Absturzsicherungen entfernt wurden, um eine Wärmedämmung anzubringen.

Was müsste sich noch ändern, damit weniger Unfälle pas­sieren?
Die Betriebe müssten häufiger kontrolliert werden, ob sie für ausreichende Arbeitssicherheit sorgen, und bestraft werden, wenn sie das nicht tun. Nur ein Drittel der Betriebe in der Bauwirtschaft erstellt überhaupt eine ausreichende Gefährdungsbeurteilung für alle ihre Bauvorhaben. Dabei ist das immer Pflicht.
Erfreulicherweise gibt es aber Fortschritte: Gemeinsam mit der BG BAU haben wir dafür gesorgt, dass es mehr »Aufsichtspersonen II« gibt. Das sind Fachleute für Arbeitssicherheit, die bei der BG BAU dafür zuständig sind, Baustellen zu kontrollieren, und zwar jene, bei denen es schon Unfälle oder Mängelanzeigen gab. Diese präventiven Kontrollen konnten wir in den vergangenen Jahren immer weiter stärken.