21.05.2026
ESC-Party mit Miles-Davis-Fans

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Bangaranga für die Nerds
Notizen zum ESC
Bild:
Andreas Michalke

»Nein, ich kann das nicht. Das ist gar nicht meine Musik! Ich stehe ja eher auf Black Music und Jazz. Ich liebe Miles Davis«, sagt Martin. Bei uns zu Hause ist mal wieder ESC-Party.

»Es ist von niemandem hier die Musik!« antworte ich. »Alle, die hier sind, sind Musik-Nerds. Ich sammle leidenschaftlich abseitige Musik und trotzdem kann ich das an diesem Abend hinter mir lassen. Für mich ist es sogar ein besonders schwerer Weg. Ich war ja früher ein arroganter Hamburger Musik-Snob. Ich konnte noch nicht mal Radio hören.« – »Ja, vielleicht schaffst du das, weil du ja sowieso eine Affinität zu seltsamer Musik hast«, entgegnet Martin. – »Nein, ich kann die Grand-Prix-Musik nicht ausstehen! Aber darum geht es nicht. Der Grand Prix ist der einzige Musikwettbewerb, bei dem du miträtseln kannst, wie bei einem Pop-Quiz in der Kneipe. Ich glaube, so richtig existiert diese ganze ESC-Musik noch nicht mal außerhalb des European Song Contest. Die ganze Inszenierung, die Klamotten und die tausend Effekte gibt es so nur an diesem Abend: beim Grand Prix«, erkläre ich. Aber es scheint zwecklos. Ich kann ihn nicht überzeugen.

Diesmal ist es besonders zäh, ein Act ist schlimmer als der andere.

Dann geht es los. Alle werfen zwei Euro in den Pott. Wir machen uns Notizen. Diesmal ist es besonders zäh, ein Act ist schlimmer als der andere. Nur wenige Songs würden mit nichts als Gitarrenbegleitung funktionieren. Oft fällt es schwer, überhaupt eine Melodie auszumachen.

Stattdessen dominieren opulente Effekte: Opernstimmen, elektronische Beats, Tanzchoreographien und eine durchgehend knallbunte Lichtshow mit hektischen Kamerafahrten und wilden Schnitten. Wie immer ist es ein langer Abend. Martin schlägt sich tapfer. Aber ich schäme mich ein bisschen, dass ich ihn überredet habe mitzumachen.

Als alle Acts aufgetreten sind, schreiben wir die auf, von denen wir glauben, dass sie unter den ersten fünf sind, dann die deutsche Platzierung und außerdem, wer den letzten Platz belegt. Am Ende gewinnt Bulgarien mit »Bangaranga« von Dara. Israel wird zweiter. Ich hatte Bulgarien unter den Top 5 und dazu England richtigerweise auf dem letzten Platz und gewinne zusammen mit Rebecca den Pott. Martin hat das alles nicht mehr mitbekommen. Er ist schon gegangen, bevor das Ergebnis feststand.