28.05.2026
Rundgang durch die Werkschau »Balkan Erotic Epic. The Exhibition«

Parcours mit Penis

Die Werkschau »Balkan Erotic Epic. The Exhibition« in Berlin zeigt wichtige Arbeiten von Marina Abramović zu Macht, Sexualität und kultureller Prägung, bleibt aber hinter der Intensität früherer Performances zurück.

Marina Abramovićs Werkschau im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt eine Auswahl vergangener Performances und aktueller Arbeiten, die sich thematisch zwischen Erotik und Politik bewegen. Unter dem Titel »Balkan Erotic Epic. The Exhibition« finden sich Exponate zu Abramovićs eigenem Leben und Aufwachsen im Jugoslawien unter Tito ebenso wie großflächige Videoarbeiten zum kulturellen Erbe der Frauen. Einmal mehr wird in dieser Schau deutlich: Das Subtile interessiert Abramović nicht – gleich hinter dem Eingang ragen metergroße Penis-Installationen aus dem Boden.

Während sich Besucher:innen davor in Grüppchen beraten, die Stirn runzeln oder gelangweilt ihre Kinderwagen davonschieben, baut sich im abgedunkelten Raum ein Sonnenbrille tragender Mann vor einem weiteren Phallus für ein Foto auf. Dass exponierte Genitalien in Berlin nur bedingt als provokant gelten können, sollte eigentlich bekannt sein. Umso mehr stellt sich die Frage, was diese Ausstellung über den Schauwert hinaus eigentlich leisten will. Der Rundgang bleibt merkwürdig spannungslos, als ginge es der Künstlerin nur noch darum, die Radikalität der eigenen Geschichte zu zitieren, statt noch einmal etwas zu riskieren.

Abramovićs Erotikverständnis entfaltet sich in der Ausstellung einmal mehr über die Zerrissenheit ihrer Biographie, über die man bereits alles zu wissen glaubt.

Abramovićs Erotikverständnis entfaltet sich in der Ausstellung einmal mehr über die Zerrissenheit ihrer Biographie, über die man bereits alles zu wissen glaubt: Marina Abramović, geboren 1946 in Belgrad, der Hauptstadt des damaligen Jugo­slawien, wuchs in einem von sozialistischer Disziplin und militärischer Strenge geprägten Umfeld auf. Die Mutter, von der Künstlerin als empathielos beschrieben, war eine ranghohe Funktionärin, die tiefgläubige Großmutter dagegen machte Marina mit spiritistischen Ritualen bekannt.

Ihre mittlerweile legendären Performances – von Selbstverletzung bis zu extremer Dauerpräsenz – haben das Verständnis davon, was Kunst sein kann, deutlich erweitert. Politische Kontrolle über Körper und Lust, aber auch persönliche Rebellion, sind zentrale Themen ihrer Performance-Kunst. Im Rückgriff auf folkloristische Riten und Sagen deutet sie Sexualität nicht als etwas Verruchtes, sondern als Ausdruck eines mythischen kulturellen Erbes, das gegen Beschämung und Kontrolle verteidigt werden muss. Ihre Kunst archiviert den eigenen wie fremde Körper. Es geht um Macht und Gewalt, die ausgeübt und erfahren wird.

Ihre eigene Sexualität habe lange kaum eine besondere Rolle für sie gespielt, erzählt sie im digitalen Interview. Erst mit den Jahren sei Sexualität für sie wichtig und erfüllend geworden.

Lust als kollektive Erfahrung

Ihre Kunst zeigt Lust als kollektive Erfahrung. In der Videoarbeit »Fucking the Ground/Fertility Rites« liegen Dutzende Männer mit heruntergelassener Hose auf dem Bauch und wackeln rhythmisch mit den Hüften. Choreographien wie diese entfalten im Martin-Gropius-Baus durchaus Wirkung; es ist ein Gebäude, dessen architektonische Geste selbst ins Monumentale strebt.

Doch die Ausstellung hat Schwächen. Vor dem Hintergrund ihrer grenzüberschreitenden Performances wirken die Exponate und Videos überraschend zahm. Der erklärende Ton lässt die wenigen Räume der Ausstellung eher zu Stationen eines Parcours werden als zu einer Bewegung durch eine Kunstgeschichte, deren Wächter Künst­lerinnen wie Abramović lange banalisiert oder erotisiert haben.

Viele der Exponate, ob Videoarbeit oder Installation, bezeugen eine Nähe zum Mystischen, zu Energien, die das Erotische und die Fortpflanzung als verbindende Kraft durchwalten. Die Nähe zwischen Körperlichkeit, Erotik, Schmerz und Tod sind dabei ein wiederkehrendes Thema, etwa in der Performance »Nude with Skeleton«, die Abramović erstmals 2002 aufgeführt hat. In der Berliner Schau wird sie von wechselnden Darstellerinnen live nachgestellt: Ein menschliches Skelett ruht auf einer nackten Frau und wird durch deren Atmung leicht auf und ab bewegt.

Urkraft des Lebens

Sexualität ist für Abramović die Urkraft des Lebens. Diese Auffassung durchzieht ihr gesamtes Werk, in »Balkan Erotic Epic« aber wird sie vollends dominant. Erotik erscheint weniger als individuelle Erfahrung, sondern als Teil eines universellen Zusammenhangs.

Autobiographisches Erleben von Schmerz und Kontrolle im Spannungsfeld von Ideologie und christlichen Dogmen thematisiert die radikale Performance »Lips of Thomas« aus dem Jahr 1975. Über Stunden auf einem Eisblock ausharrend, konsumiert die Künstlerin ungeheure Mengen an Honig und Wein und geißelt sich dabei selbst. Die Zuschauenden entscheiden ­darüber, ob die Marter fortgesetzt oder abgebrochen wird. In der Berliner Werkschau wird eine Videoaufzeichnung dieser spektakulären Live-Performance gezeigt.

Dem Verständnis des Körpers lassen sich kaum noch innere Widersprüche entlocken. Es steht zunehmend für sich allein in einer Gegenwart, in der Lust weder als Versuchung zur Sünde noch als rein körperliche Erfahrung, sondern als politische Frage der Unverfügbarkeit verhandelt wird.

Doch dem Verständnis des Körpers lassen sich kaum noch innere Widersprüche entlocken. Es steht zunehmend für sich allein in einer Gegenwart, in der Lust weder als Versuchung zur Sünde noch als rein körperliche Erfahrung, sondern als politische Frage der Unverfügbarkeit verhandelt wird. Die Schau will ­kulturelle Zuschreibungen aufzeigen und läuft zugleich Gefahr, genau jene exotisierenden Projektionen zu reproduzieren, die sie kritisieren möchte – trotz eindrucksvoller kollektiver Gesten und Momenten der Ermäch­tigung.

Was einst als riskant galt und ein Gefühl von Unmittelbarkeit erzeugte, beobachtet sich jetzt selbst aus der Distanz, gespiegelt in großformatigen Videoprojektionen. Auch den Zuschauenden wird nichts mehr abverlangt, sie sind der Verantwortung, die ihnen die Live-Performances aufbürdeten, enthoben. Wer mag, posiert vor einem der ­Penisse.

Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition. Martin-Gropius-Bau, Berlin. Bis 23. August