Jungle+ Artikel 04.06.2026
Auszug aus dem Roman über eine Liebe zwischen Künstlern

Frequenzen

Adam und Eva treffen sich nicht im Paradies, sondern im Prenzlauer Berg in Berlin: Der Künstler und die Schriftstellerin gehen eine wilde Affäre ein, die für Eva bald zermürbend wird … Ruth Herzberg fragt in ihrem Roman »Frequenzen« nicht nur, was Kunst, sondern auch, was Liebe ist – und ab wann sie es nicht mehr ist.

Er verwirrte mich, umgarnte mich, war ständig in Bewegung, stand auf, setzte sich, ging ins Bad, holte was aus der Küche, erledigte einen Anruf, aber ihm entging trotzdem keine meiner Regungen. Er reagierte auf jeden Blick, jedes Zögern: Hast du Durst? Sitzt du bequem? Woran denkst du? Brauchst du ein Kissen? Gummibandartig vibrierten seine Stimmbänder.

Mal erklangen sie in magnetischem Timbre, in einzigartigem Vibrato, ­unvergleichlich, mich zum Schmelzen bringend, dann wieder als dünnes gepresstes Krächzen oder kontrolliert und blechern – als Stimme der Vernunft – im zweiten Gang ausdrucksloser Totalnormalität.

Noch Monate nach dem letzten Kontakt habe ich jede seiner Stimmlagen deutlich im Ohr.

Aber wie sein Lachen klingt, das habe ich vergessen.

Er ist Künstler, dachte ich. Er weiß, dass ich eine Künstlerin bin. Er weiß also, wen er vor sich hat. Er versteht mich. Ich kann ihm vertrauen. Und auch er vertraut mir, was man schon allein daran merkt, dass er mir alles anvertraut. Aber damals wusste ich noch nicht, dass er allen alles anvertraut, und er wusste noch nicht, dass ich allen alles anvertraue, was er mir anvertraut.

Kann man das so sagen? Es klingt gut, das ist die Hauptsache.

Adam und ich waren einander von Anfang an so nah. Das war eine ganz besondere Verbindung.

»Das ist für immer«, dachte ich. »Das ist für immer«, sagte er. Aber wir haben keinen Kontakt mehr.

Wie ist sowas möglich?

Ich komme damit nicht klar.

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