Verheerende Ungeduld
In einem Punkt scheinen sich die grundverschiedenen Präsidenten Russlands und der Ukraine derzeit einig zu sein: Mit einem baldigen Kriegsende rechnen sie nicht. Nach Angaben des britischen Wochenmagazins The Economist soll der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Regierung kürzlich darauf eingestimmt haben, dass der Krieg weitere zwei bis drei Jahre fortgeführt werden müsse.
Sein russischer Amtskollege Wladimir Putin hatte am 9. Mai, der in Russland als Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg begangen wird, zwar noch gesagt: »Die Sache nähert sich ihrem Ende.« Doch bei einer Pressekonferenz am Freitagabend voriger Woche zum Abschluss seines Besuchs in Kasachstan klang er schon wieder anders: »Unter den Bedingungen von Kampfhandlungen ist es unmöglich, konkrete Fristen zu nennen.«
Der Ukraine fehlt es an Abwehrraketen. Im April hatte Selenskyj davor gewarnt, dass die Vorräte so knapp seien, dass sie jederzeit zu Ende gehen könnten, wenn Russland intensiv attackiere.
Gegenwärtig laufen nicht einmal mehr halbherzige Gespräche über einen Waffenstillstand, während der Krieg mit neuer Heftigkeit geführt wird. Die Ukraine produziert weit über 100.000 Drohnen pro Monat, darunter auch solche mit großer Reichweite, und greift damit gezielt russische Ölraffinerien und rüstungsrelevante Betriebe an. Als Konsequenz daraus steigt die Anzahl ziviler Toter weit im russischen Hinterland.
Die Ukraine kann vieles selbst produzieren, aber es fehlt ihr an Abwehrraketen. Bereits im April hatte Selenskyj davor gewarnt, die Vorräte seien so knapp, dass jederzeit zu Ende gehen könnten, wenn Russland intensiv attackiere. Die russischen Streitkräfte versuchen, diesen Umstand zu nutzen, denn wenngleich Russland immer wieder kleine Gebietsgewinne meldet, bleiben große Erfolge aus. In Hinblick auf die Drohnenproduktion ist die Ukraine nach wie vor überlegen, auch wenn Russland versucht aufzuholen.
Bei einem der schwersten Angriffe auf Kiew seit Beginn der russischen Großinvasion kamen in der Nacht auf den 24. Mai allerdings nicht nur Drohnen, sondern auch über 50 ballistische Raketen zum Einsatz. Mehrere Menschen starben und es entstanden erhebliche Sachschäden. Ein Marktgebäude und ein benachbartes Einkaufszentrum brannten komplett aus. Zur Demonstration seiner Durchschlagskraft schoss Russland außerdem zwei seiner experimentellen Oreschnik-Raketen mit einer Reichweite von 5.500 Kilometern auf die Ukraine. Doch die Hyperschallrakete, die die russische Führungsriege gerne als Wunderwerk der Rüstungstechnik preist, ist schwer steuerbar. Ihr mutmaßliches Ziel Kiew erreichten beide Raketen nicht: Eine traf die rund 80 Kilometer südlich von Kiew gelegene Stadt Bila Zerkwa, die andere stürzte in der Nähe von Donezk ab.
Warum das Wohnheim?
Russlands Propaganda behauptete, bei dem zerstörerischen Angriff auf Kiew habe es sich um einen Vergeltungsakt gehandelt. Zwei Tage zuvor, in der Nacht auf den 22. Mai, hatte ukrainisches Militär die Kleinstadt Starobilsk im von Russland besetzten Luhansker Gebiet attackiert. Dabei wurden Gebäude getroffen, die von einer Filiale der Pädagogischen Universität Luhansk genutzt werden, darunter ein Wohnheim. Dort kamen 21 Studierende ums Leben.
Tatsächlich ist bislang unklar, weshalb ausgerechnet das Wohnheim attackiert wurde. Der ukrainische Generalstab führte auf seinem Telegram-Kanal lediglich an, dass eines der Hauptquartiere der russischen militärischen Spezialeinheit Rubikon Ziel des Angriffs gewesen sei, die in der Nähe von Starobilsk stationiert ist. Von dort habe es regelmäßig Drohnenattacken auf Objekte in von der Ukraine kontrollierten Gebieten gegeben.
Ausgerechnet Igor Girkin alias Strelkow zweifelte in einem Brief aus dem Gefängnis an der Version des Kremls. Girkin sitzt in Russland eine vierjährige Haftstrafe wegen extremistischer Aufrufe ab, in den Niederlanden wurde er wegen des Abschusses einer malaysischen Boeing über der Ostukraine zu lebenslänglicher Haft verurteilt.
Gebäude von Anfang an für Kriegszwecke genutzt
2014 war er als eine der damaligen Schlüsselfiguren prorussischer Separatisten maßgeblich für den Beginn des Krieg in der Ukraine mitverantwortlich. In der auf seinem Telegram-Kanal veröffentlichten Stellungnahme gab Girkin zu verstehen, dass die betroffenen Gebäude von Anfang an für Kriegszwecke genutzt worden seien. Im Herbst 2023 sei er mehrmals an der fraglichen Bildungseinrichtung vorbeigefahren.
Das ukrainische Nachrichtenportal Realna Gaseta kam bei seinen Recherchen zu dem Schluss, dass sich die Adresse, die für das Wohnheim der Pädagogischen Universität angegeben ist, auch für ein Wohnheim gilt, das von einer Berufsschule genutzt wird. Das Portal verwies zudem darauf, dass ein Dokument viral gegangen war, das angeblich die Unterbringung von Soldaten der 88. motorisierten Schützenbrigade beweisen sollte.
Russlands Geduld sei »überstrapaziert«, teilte das Außenministerium am Montag nach dem Angriff auf Starobilsk mit und kündigte weitere gezielte Schläge »sowohl auf Entscheidungszentren als auch auf Kommandoposten« in der Ukraine an.
Allerdings weise das Dokument Anzeichen von Fälschung auf. Spuren, die darauf hindeuten, dass sich in einem der zerstörten Gebäude Soldaten aufgehalten haben, ließen sich weder auf Fotos finden, noch hatte ein ausländischer Journalist, der mit Genehmigung der russischen Behörden an Ort und Stelle war, derlei gesehen. Frei bewegen habe der sich jedoch nicht können, meldete das russische Oppositionsmedium Meduza.
Russlands Geduld sei »überstrapaziert«, teilte das Außenministerium am Montag nach dem Angriff auf Starobilsk mit und kündigte weitere gezielte Schläge »sowohl auf Entscheidungszentren als auch auf Kommandoposten« in der Ukraine an. Bürger aus dem westlichen Ausland sollten das Land verlassen, so die Aufforderung aus dem Kreml. Beeindrucken ließ sich von Russlands Drohungen allerdings weder die Führung in Kiew noch die Europäische Union. In der Nacht auf Dienstag starben in Kiew bei einem neuerlichen russischen Raketenangriff mindestens vier Menschen.