Der Raucher, ein Held
Der Hausarzt macht eine Pause und denkt an seine ärmsten Patienten. Die allerärmsten von ihnen sind die Raucher. Sie benötigen seine volle Aufmerksamkeit. Hier kann er am meisten bewirken, Leben retten, Lebensqualität verbessern und erhalten – so hat es der Hausarzt kürzlich gelernt.
Er hat nämlich Post bekommen, die Ergebnisse einer Forschungsarbeit, die der Frage nachging, welche einzelne hausärztliche Maßnahme den größten Erfolg erzielt. Raten Sie mit dem Hausarzt, liebe Leser:innen: Ist es a) die Blutdruckmessung oder b) die Auskultation, also das Abhören von Herz und Lunge, oder c) das großzügige Ausstellen von Krankschreibungen?
Der Hausarzt soll seine rauchenden Patient:innen zum Aufhören auffordern. Das jedenfalls ist das Ergebnis der wissenschaftlichen Studie, und an die klammert sich der Hausarzt.
Nein, alles das bringt der Studie zufolge nicht viel. Dadurch lebt kaum jemand länger oder besser. Da kann der Hausarzt sich abstrampeln, wie er will. Blut abnehmen, Ultraschall anfertigen, Messen, Wiegen, Drücken, Ziehen, Klopfen, Leuchten – das alles bringt wenig, glaubt man der Studie. Aber es gebe die eine alles entscheidende Intervention, in der sich die Mühen seiner langen Ausbildung zu Erfahrung und hausärztlicher Autorität verdichten.
Mit dieser Wunderwaffe im Kampf gegen Krankheit und Tod könnten Lebensjahre gewonnen, Behandlungskosten reduziert, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps bewahrt werden: Der Hausarzt soll seine rauchenden Patient:innen zum Aufhören auffordern. Das jedenfalls ist das Ergebnis der wissenschaftlichen Studie, und an die klammert sich der Hausarzt. Demnach sollen zwei Stunden Gesprächszeit im Durchschnitt 50.000 Stunden Lebenszeit herausholen.
Gibt es etwas Sinnvolleres? Sicher nicht!
Doch der Hausarzt hält sich neben seiner Arbeit auch politisch auf dem Laufenden. Er liest sogar die Zeitung. Aber deren Lektüre verärgert ihn, muss er da doch lesen – und das nicht nur einmal –, wofür seine immer noch rauchenden Patienten mit der Tabaksteuer alles aufkommen sollen. Das Defizit der Krankenkassen sollen sie wegrauchen, die Aufrüstung der Bundeswehr herbeiparfümieren, die Straßen- und den öffentlichen Nahverkehr gesundinhalieren!
Darf man immer nur fordern? Muss man dann nicht auch fördern?
Bei gleich welchem Problem, dessen Lösung am fehlenden Geld zu scheitern droht, sollen seine bedauernswerten Patienten einspringen. Da stellt sich dem Hausarzt doch die Frage: Was tut man denn für diese bedauernswerten Menschen? Darf man immer nur fordern? Muss man dann nicht auch fördern?
Ein Anfang wäre mit dem Abschaffen der demütigenden gelben Raucherzonen auf Bahnsteigen gemacht oder mit der Wiedereinführung von Raucherabteilen in Zügen. Dann würden auch mehr Raucher Bahn fahren, was wiederum gut für die Umwelt wäre. Doch der Hausarzt denkt weiter – an Raucherwartezimmer in Arztpraxen oder komplette Raucherstationen in Krankenhäusern.
Vor allem aber müsste man endlich einmal aufhören, diese Retter der Solidargemeinschaft, ja der ganzen Nation ununterbrochen schlechtzumachen! Und da wiederum muss der Hausarzt an eine Vielzahl ärztlicher Kolleg:innen denken, für die Nikotinkonsumenten bestenfalls Patienten zweiter Klasse sind, teilweise noch unter den Dicken und Alten. Eigentlich wollen viele Ärzte nur gesunde Patienten behandeln, aber das nur nebenbei.
»Death benefit« für die Rentenkasse
Der Raucher jedenfalls gilt vielen als selbst schuld an seinen Krankheiten, soll aber weiter rauchen, damit wir alle Geld sparen, und wenn er dabei krank wird, muss er sehen, wo er bleibt, und muss noch dankbar sein, dass für seinen heimtückisch herbeigerauchten Herzinfarkt die Kosten übernommen werden.
Solche moralischen Maßstäbe werden bei anderem, deutlich unsozialerem Verhalten nicht angelegt. Man kann in seinem SUV die Luft verschmutzen und andere totfahren, das äußerst umweltschädliche Fliegen ist nicht nur erlaubt, sondern sogar steuerlich privilegiert; aber wenn es um den eigenen Körper geht, hört der Spaß auf.
Dabei profitieren Nichtraucher noch von den Rentenbeiträgen der Raucher. »Death benefit« für die Rentenkasse wird das zynisch genannt: Wer früh stirbt, kostet wenig. Der Hausarzt jedenfalls ist entrüstet. So einfach ist es doch nicht! Auf Kosten anderer leben und sie dann auch noch verhöhnen. Er solidarisiert sich mit seinen Patienten. Aufstehen möchte der Hausarzt gegen die Arroganz und den Egoismus der Nikotinabstinenzler und eine Protestzigarette rauchen, gemeinsam mit seinen Patienten. Denn diese denken nicht nur an sich, sondern rauchen für uns alle.