Die Kunst und der Tod in Venedig
Die diesjährige Biennale in Venedig wollte mit Gärten, Prozessionen und Kunst die Menschen und ihre Lebenswelt in den Mittelpunkt stellen. Zwei Jahre zuvor hatte der Schwerpunkt auf dem »Globalen Süden« gelegen, mit viel indigener Kunst in bunten Farben und historischen Bezügen. Das Motto »In Minor Keys« (In Moll) der von Koyo Kouoh kuratierten Hauptausstellung ließ eine Wendung nach innen, jedenfalls weniger Eindeutiges erwarten. Es kam anders.
Bis zu ihrem plötzlichen Tod im Mai 2025 hatte die aus Kamerun stammende Kouoh, die an zwei Documenta-Ausgaben mitgearbeitet hat, an ihrem Biennale-Konzept gefeilt. Ein Expertenteam aus Gabe Beckhurst Feijoo, Marie Hélène Pereira, Rasha Salti, Siddhartha Mitter und Rory Tsapayi, das sie noch selbst ernannt hatte, musste ihre Ideen nun ohne sie verwirklichen.
Das Projekt ist angelegt als Hommage an zwei Mentor:innen Kouohs: den Künstler, Dichter, Dramatiker und Mitgründer des Kollektivs Laboratoire Agit’Art in Dakar, Issa Samb, sowie an die Afroamerikanerin Beverly Buchanan, die in ihre antimonumentalen Skulpturen und Land-Art-Projekten Behausungen und Landschaften integriert, die von Widerständigkeit und Erfindungskraft zeugen.
Dass Zurückhaltung angesichts der Weltlage gewünscht ist, eindeutige Stellungnahmen gegen Israel davon aber ausgenommen sind, zeigten bereits die Diskussionen vor der Biennale.
Dass Zurückhaltung angesichts der Weltlage gewünscht ist, eindeutige Stellungnahmen gegen Israel davon aber ausgenommen sind, zeigten bereits die Diskussionen vor der Biennale. Der Hauptausstellung ist nun das Gedicht »If I Must Die« des 2023 bei einem israelischen Luftangriff getöteten palästinensischen Schriftstellers und Aktivisten Refaat al-Areer vorangestellt, das einem Kind in Gaza seine Stimme leiht.
Auch einige Länderpavillons machen keinen Hehl aus ihrer Parteinahme. Der Beitrag Kataloniens, die Installation »Paper Tears« von Claudia Pagès Rabal, empfängt den Besucher mit den Worten »Palestine is the future of the world«.
Während der Voreröffnungstage der Biennale fanden Proteste gegen die Teilnahme von Russland und Israel statt, an denen auch Künstler:innen der Hauptausstellung beteiligt waren. Angeführt wurde der Protest von der Gruppe Anga (Art Not Genocide Alliance), einem Zusammenschluss von Künstlern, Kuratoren und Kulturschaffenden, der seit 2024 gegen Israel agitiert und sich für den Ausschluss israelischer Künstler:innen von der Biennale einsetzt. Hartnäckig behauptet das Kollektiv, Israel verübe einen Völkermord.
Antisemitische Anfeindungen und Isolation
Nachdem sich die Biennale-Leitung und das italienische Kulturministerium dafür ausgesprochen hatten, dass die Schau politisch neutral bleiben solle, war die für die Preisvergabe zuständige Jury unter Protest zurückgetreten. Die Notlösung sorgt nun für die nächste Eskalation: Statt Goldener und Silberner Löwen soll das Publikum zwei Besucherlöwen vergeben. Weil damit aber auch Israel (und Russland) im Wettbewerb ist, zogen über 50 Kunstschaffende ihre Beiträge zurück, einige drohen mit einer Klage.
Israel wird in diesem Jahr von dem in Bukarest geborenen und in Haifa lebenden Künstler Belu-Simion Fainaru vertreten. Er kritisiert die Diskriminierung aufgrund seiner Herkunft und berichtet von antisemitischen Anfeindungen und schwerer Isolation auf der Schau. Sein Beitrag »Rose of Nothingness« überzeugt nicht nur künstlerisch, sondern hebt sich auch durch seine stille Nachdenklichkeit hervorragend ab von dem Geschrei der Aktivisten.
Weil der israelische Pavillon auf dem Ausstellungsgelände, den Giardini della Biennale, noch immer renoviert wird, ist sein Beitrag im sogenannten Arsenale zu finden. Eine glückliche Fügung, denn die Installation entfaltet zwischen den unverputzten Backsteinwänden der alten Werfthallen eine beeindruckende Wirkung. Die Installation ist von Gedichten Paul Celans inspiriert, besonders vom Bild der »schwarzen Milch«. Es geht um die Spannung zwischen Leben und Tod, Materie und Geist, Präsenz und Abwesenheit.
Dunkles Wasser erzeugt in seiner raumfüllenden Installation ruhige, spiegelgleiche Oberflächen in einem Becken. Sie zeigten die Leere nicht als Abwesenheit, sondern als aktives Feld der Kontemplation, so der Künstler.
Die Ausstellung im deutschen Pavillon befasst sich unter dem Titel »Ruin« mit den Nachwirkungen des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik, insbesondere aus ostdeutscher Perspektive. Es geht um Rechtsextremismus, Gewalt und die Frage, wie die Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt.
In Erinnerung an Venedigs historische Rolle als die Stadt, in der der Talmud im 16. Jahrhundert erstmals gedruckt wurde, lässt sich »Rose of Nothingness« als ein Text ohne Buchstaben, aber voller verborgener Zeichen lesen. Durch minimale Gesten und die angehaltene Zeit lädt die Installation zu einer Meditation über die menschliche Existenz ein, in der Reflexion zur Verantwortung wird. Tatsächlich tickt die Uhr in dem Pavillon gegen den Uhrzeigersinn, es finden sich jüdische Symbole wie eine Mezuzah in Form des hebräischen Buchstabens Shin. In einer Kühltruhe entdeckt man eine schwarze Rose (»Black Rose«, 2022). Eis wird hier zum symbolischen Träger von Erinnerungen.
Die Ausstellung im deutschen Pavillon befasst sich unter dem Titel »Ruin« mit den Nachwirkungen des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik, insbesondere aus ostdeutscher Perspektive. Es geht um Rechtsextremismus, Gewalt und die Frage, wie die Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt. Die in Zwickau geborene Bühnen- und Kostümbildnerin Henrike Naumann hat die Ausstellung gemeinsam mit Sung Tieu gestaltet, deren Eltern als Gastarbeiter aus Vietnam in die DDR gekommen waren.
Naumann erlebte die Eröffnung nicht mehr, sie starb mit 41 Jahren an einer Krebserkrankung. »Beide Künstlerinnen haben sich sehr intensiv mit Ostdeutschland auseinandergesetzt, mit rechter Gewalt, autoritären Bewegungen, Disziplinierungssystemen«, so die Kuratorin Henrike Reinhardt. Man beziehe sich mit dieser Pavillongestaltung nicht auf eine Vergangenheit, die drei Generationen her sei, sondern auf eine Gegenwart, in der die Vergangenheit nicht zuletzt wegen des Erstarkens der AfD extrem präsent ist.
Flut plakativer Entwürfe
Es sind Wohnmöbel zu sehen, die überkommen wirken, verfremdete Großgemälde, Requisiten aus der DDR, durchlöcherte Vorhänge, Kettengewänder. Deutlich lässt sich in den szenographischen Arrangements die kreative Handschrift Naumanns herauslesen. Marienkäfer an einer nackten Deckenwand (»Ladybirds 87-115«) von Sung Tieu irritieren das Gesamtbild. Diskret ist dieser Beitrag in dem Sinne, dass er niemandem etwas aufdrängt. Einer der sympathischeren Beiträge in der Flut plakativer Entwürfe.
Einen Besuch wert ist auch der belgische Pavillon. Die Performancekünstlerin Miet Warlop verwandelt den Pavillon am Eingang der Giardini unter dem Titel »It Never Ssst« in einen Werkraum, in dem Sprache und Klänge aufeinanderprallen. In Gips gegossene Wörter stehen auf einem großen Rahmen. Performer:innen ergreifen, tragen und interpretieren diese lyrischen Fragmente zudem und verschmelzen sie zu einer emotionalen Partitur. Es ist ein kluger und ästhetisch gelungener Beitrag zu einer sich spiralförmig entfaltenden Welt, in der die Gewissheiten brüchig werden.
In dem von Ewa Chomicka und Jolanta Woszczenko kuratierten polnischen Pavillon tauchen die Besucher:innen ein in eine Unterwasserwelt, die von Gehörlosen und Hörenden in roten Badeanzügen bespielt wird. Die synchron gestaltete Choreographie von einem gemischten Chor aus Gehörlosen und Hörenden zieht einen fast soghaft an. Die eindrucksvolle audiovisuelle Arbeit »Liquid Tongues« der Hörenden Bogna Burska und des Hörenden Daniel Kotowski wird im Pavillon auf zwei überdimensionalen Screens gezeigt, schräg von der Decke und an der Wand.
Gehörlose sind hier im Vorteil, weil sie sich unter Wasser in Gebärdensprache unterhalten können, während die Hörenden nur mühsam Laute hervorbringen. Die Gesten und Gebärden der Darsteller:innen beruhen auf der internationalen Gebärdensprache. Wie in den Arbeiten des Detroiter Techno-Duos Drexciya, das eine aquatische Zivilisation als Metapher für das Überleben und den Widerstand gegen Unterdrückung schuf, wird die Welt der »Liquid Tongues« zum Vorschein einer besseren Zukunft.