Mit Führerprinzip und Ariernachweis
Am Berliner Wannsee, in der Nähe des Ortes, an dem hochrangige Vertreter des NS-Regimes im Januar 1942 auf der sogenannten Wannseekonferenz die Vernichtung der europäischen Juden bürokratisch beschlossen haben, sitzen heutzutage Rettungsschwimmer am Strandbad und ziehen Verunglückte aus dem Wasser.
Damit ist man schon bei der zentralen Frage bezüglich der Geschichte der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG): Wie ordnet sich das Ziel der Lebensrettung in ein Regime ein, das Antisemitismus und Vernichtung zur Staatsdoktrin erklärt hat?
Die 2025 erschienene Studie »Die DLRG 1925–1945. Zwischen Idealismus und NS-Ideologie« versucht erstmals, diese Frage systematisch historisch aufzuarbeiten. Herausgegeben wurde sie von der DLRG selbst unter Präsidentin Ute Vogt; Autoren sind Andreas Kloke, Magdalena Loska und Kerstin Teicher. Auf fast 400 Seiten rekonstruiert die Studie die Transformation der DLRG, beginnend in der Weimarer Republik über die Gleichschaltung bis zum Kriegsende. Das Ergebnis ist eindeutig: Die DLRG übernahm unter der Leitung von Georg Hax bereits 1933 das Führerprinzip, führte den sogenannten Arierparagraphen ein und leistete »keinen nennenswerten Widerstand« gegen ihre nationalsozialistische Umformung.
Noch im Vorwort schreibt Präsidentin Ute Vogt selbst, die NS-Vergangenheit der Organisation sei nach 1945 »nicht öffentlich besprochen« worden und werde erst jetzt mit »großer zeitlicher Verzögerung« aufgearbeitet. Denn die, die in der NS-Zeit führend in der DLRG aktiv waren, leben nicht mehr.
»Die DLRG hat sich instrumentalisieren lassen, aber umgekehrt das Regime auch instrumentalisiert für die eigenen Zwecke.« Kerstin Teicher
Das achtzigjährige Schweigen ist gar nicht so außergewöhnlich, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, findet die Mitautorin Kerstin Teicher die DLRG. Im Gespräch sagte sie der Jungle World: »Wir sind gar nicht so spät dran; Feuerwehr und Schwimmvereine haben teilweise gar keine Aufarbeitung gemacht. Das soll es nicht entschuldigen und nicht erklären.« Gleichzeitig betont sie ausdrücklich die Rolle der heutigen Verbandsführung: »Ich finde es eine große Stärke der DLRG-Führung, dass die Forschung nicht beeinflusst wurde, ohne Tabus.« Insbesondere Präsidentin Ute Vogt habe die Aufarbeitung aktiv unterstützt.
Die Studie konzentriert sich stärker auf die Organisationsgeschichte der DLRG als auf theoretische Debatten über Antisemitismus und Holocaust. Begriffe wie Shoah, Holocaust oder Vernichtungsantisemitismus treten eher in den Hintergrund. Eine stärkere theoretische Einordnung hätte der Arbeit gutgetan. Am stärksten ist die Studie dort, wo sie konkret wird. Das Kapitel »Jüdische Mitglieder – vom Engagement zur Ausgrenzung« gehört zu den wichtigsten des Bands.
Dort wird deutlich, dass die DLRG keineswegs von Anfang an eine antisemitische Organisation war. Jüdische Ärzte, Funktionäre und Rettungsschwimmer prägten die Organisation in ihren Anfangsjahren teilweise entscheidend mit. George Meyer entwickelte Grundlagen moderner Rettungsmedizin. Julius Rosenberg leitete in den zwanziger Jahren den DLRG-Bezirk Freiburg und veröffentlichte Schriften zur Wasserrettung. Otto Kneip arbeitete als Rettungsschwimmer und Ausbilder im Rheinland, organisierte Wachdienste und Schulungen – und wurde 1941 im KZ Groß-Rosen ermordet.
Widersprüchliche Erfahrungen jüdischer Mitglieder
Besonders eindrucksvoll rekonstruiert die Studie die Lebensgeschichte des Konstanzer Rettungsschwimmers Otto Leib. Auch er war jüdischer Herkunft, blieb aber nach 1933 in der DLRG aktiv und übernahm sogar Funktionen im Verein. Auffällig ist allerdings, dass seine Tätigkeit in den erhaltenen Unterlagen kaum dokumentiert wurde. Die Studie beschreibt hier eine Form der Ausblendung, die es neben den offiziellen Ausschlüssen jüdischer Mitglieder auch gab.
Schließlich hörte Leib auf die Warnungen seiner Freunde und Bekannten: Er emigrierte über Palästina in die USA. Umso bemerkenswerter ist, dass er nach dem Krieg den Kontakt zu seinem Heimatverein wiederaufnahm, Deutschland regelmäßig besuchte und seine Unterlagen schließlich einem Museum seiner Herkunftsstadt vermachte. Leibs Erinnerungen gehören zu den interessantesten Quellen des Bands. Sie zeigen, wie widersprüchlich die Erfahrungen jüdischer Mitglieder sein konnten: Ausgrenzung und Loyalität, Enttäuschung und Verbundenheit bestanden nebeneinander.
Eben darin liegt die Ambivalenz der Geschichte der DLRG. Die 1913 gegründete Organisation war zunächst nicht deutschnationaler als andere auch, bewegte sie sich aber früh in einem Milieu aus Nationalismus, Männerbünden, Körperkultur und Kameradschaftsideologie, das für die NS-Volksgemeinschaft leicht zu gewinnen war. Die DLRG war also bis 1933 keine offen antisemitische Organisation – aber eine, in der Antisemiten selbstverständlich ihren Platz fanden.
Den Antisemitismus in den Vereinsalltag integriert
Die Entwicklung in den frühen Jahren des Nationalsozialismus verlief keineswegs völlig reibungslos. Im Gespräch berichtet Teicher: »Ab 1933 hat es anfangs heftige Widerstände gegeben, viele DLRG-Ehrenamtliche sind gegangen, weil sie es nicht mittragen wollten.« Dennoch sei die DLRG aufgrund ihrer Größe immer auch ein Spiegel der Gesellschaft gewesen.
Und so radikalisierte sich die Organisation schnell. Die DLRG übernahm nicht nur das Führerprinzip, sondern integrierte den Antisemitismus direkt in den Vereinsalltag. Besonders krass sind Dokumente aus Hannover von 1933: Ortsgruppen mussten schriftlich erklären, dass sich in ihren Reihen »keine Juden oder jüdische Vorfahren« befänden. Ohne diesen Nachweis wurden Zuschüsse verweigert. Mitgliedsausweise erhielten Felder zur »Rassenzugehörigkeit«, Funktionäre mussten ihre »arische Abstammung« bestätigen.
Zugleich veränderte sich die Sprache der Organisation vollständig. Aus der »Gesellschaft« wurde die »Gemeinschaft« – das Kürzel DLRG konnte so bestehen bleiben –, aus dem Präsidenten der »Führer«, aus der Jahreshauptversammlung die »Reichstagung«. In der Satzung von 1933 wird die »Erhaltung und Stärkung der deutschen Volkskraft und Wehrfähigkeit« offiziell zum Vereinszweck erhoben.
Die Organisation schloss jüdische Mitglieder aus, übernahm die Sprache und die Strukturen des Regimes und integrierte sich in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft. Gleichzeitig blieb die konkrete Rettungspraxis offenbar universalistisch.
Die DLRG hörte im Nationalsozialismus nicht auf, Leben retten zu wollen. Die Lebensrettung verschwand nicht, sondern wurde, so die Studienautoren, in »die Ideologie der Volksgemeinschaft integriert«. Menschenleben sollten gerettet werden, damit die Geretteten dem »Volkskörper« und dem Krieg weiter dienen konnten. Die Studie zitiert die Losung: »Deutschland braucht Menschen, jetzt und nach dem Siege – kein Menschenleben darf unnütz durch den nassen Tod verloren gehen.«
Gleichzeitig verweist Teicher auf einen Befund, der die grundlegende Spannung zwischen der Lebensrettung und der Hierarchisierung des Lebens noch einmal hervorhebt. »Es gibt im Bereich der Lebensrettung keine Berichte, dass in der Rettungspraxis vorher nach Ethnie oder Religion selektiert wurde, die Lebensrettung war universalistisch.« Und weiter: »Was mich sehr gefreut hat: Ich habe nirgendwo in den Quellen gefunden, dass jemand nicht gerettet wurde, die Lebensrettung fand unabhängig von Religion, Alter, Ethnie statt.«
Die Organisation schloss jüdische Mitglieder aus, übernahm die Sprache und die Strukturen des Regimes und integrierte sich in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft. Gleichzeitig blieb die konkrete Rettungspraxis offenbar universalistisch. Humanität und Barbarei existierten nebeneinander.
»Glühender Nationalsozialist«
1943, nach der sogenannten Sportpalastrede von Propagandaminister Joseph Goebbels, bekannte sich die DLRG unter der neuen Führung von Franz Breithaupt zum »totalen Krieg«. Breithaupt galt – anders als sein Vorgänger Hax – als »glühender Nationalsozialist«. Er veröffentlichte einen Erlass zur Gründung des »Freiwilligen Rettungsschwimmerkorps«, das als Elitekorps für die »nationalsozialistisch bewährten Volksgenossen deutschen Blutes« vorgesehen war.
Breithaupt hatte sich bereits 1931 zum Nationalsozialismus bekannt und stieg im SS-Apparat auf. Ein Höhepunkt seiner Karriere war 1942 die direkte Unterstellung unter Heinrich Himmler in München, wo er das Hauptamt SS-Gericht leitete. Der Studie zufolge deuten Akten darauf hin, dass Breithaupt in Pläne zur Ermordung von KZ-Häftlingen verwickelt gewesen sein könnte.
Teicher beschreibt ihn wie folgt: »Breithaupt hat zwar für die DLRG-Sache gebrannt, aber mehrheitlich aus den falschen Motiven.« Bereits 1950/1951 tilgte die DLRG seinen Namen von Erinnerungstafeln und aus der Neuauflage des »Rettungsschwimmen-Lehrbuchs der DLRG«.
»Willige Dienerin des NS-Staates«
Die Autoren schildern, dass sich die DLRG nicht einfach nur »anpasste«, sondern »in ihrem Wesen veränderte«. Im Resümee nennen sie die Organisation eine »willige Dienerin des NS-Staates«. Gleichzeitig beschreiben sie eine abgeschirmte »DLRG-Innenwelt«, in der Kameradschaft, Gemeinschaft und Rettungsethos die politische Realität überlagerten.
Deshalb greift auch die Formel der »Instrumentalisierung« zu kurz. Die DLRG wurde nicht einfach vom Regime benutzt, sie profitierte stark von der Zusammenarbeit mit Wehrmacht, Hitlerjugend, SA und der Massenorganisation »Kraft durch Freude«. Zwischen 1935 und 1937 verdoppelte sich die Zahl der Rettungsschwimmerprüfungen.
Auch Teicher bewertet das Verhältnis differenzierter, als es die klassische Anpassungsthese nahelegt: »Die DLRG hat sich instrumentalisieren lassen, aber umgekehrt das Regime auch instrumentalisiert für die eigenen Zwecke.«
Die schwierige Quellenlage hinterlässt offene Fragen. Umso wichtiger wäre es, die begonnenen Forschungen fortzuführen und weitere lokale Bestände, Familiennachlässe und Vereinsarchive auszuwerten.
Gleichzeitig zeigt die Studie die Grenzen historischer Rekonstruktion. Im Gespräch sagte Teicher: »Ob mehr jüdische Biographien als die in der Studie genannten existieren, kann nicht mehr direkt rekonstruiert werden, da die Dokumente schon während und nach der Zeit in den Ortsgruppen vernichtet worden sind.«
Die schwierige Quellenlage hinterlässt offene Fragen. Umso wichtiger wäre es, die begonnenen Forschungen fortzuführen und weitere lokale Bestände, Familiennachlässe und Vereinsarchive auszuwerten. Die Organisation kündigt weitere Arbeit an und plant für 2027 ein Symposium zum Thema.
Sinnvoll wäre allerdings, dort nicht nur auf die Verbandsgeschichte zu blicken, sondern gezielt jüdische Sportverbände und jüdische Historiker einzubeziehen. Denn die Geschichte der DLRG ist nicht einfach die einer Organisation, die Leben rettete und irgendwann »gleichgeschaltet« wurde. Sie ist die Geschichte einer Organisation, in der Lebensrettung und Volksgemeinschaft, Kameradschaft und antisemitischer Ausschluss gleichzeitig existierten.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche historische Zumutung dieser Studie. Denn am Berliner Wannsee sitzen wieder Rettungsschwimmer am Wasser – an jenem Ort, an dem einst die bürokratische Organisation der Vernichtung Europas koordiniert wurde.