Trennung ist das neue Lieben
Philosophen und Literaten haben zu viel über Liebe, zu wenig über ihr Ende nachgedacht, findet Fabienne Brugère, Professorin für Philosophie an der Universität Paris-VIII. In »Entlieben« (»Desaimer«, 2024), einer Mischung aus Kulturkritik und Ratgeber, untersucht sie anhand von soziologischen Befunden, psychologischen Beobachtungen und Beispielen aus Film und Literatur, was passiert, wenn Individuen aufhören, jemanden zu lieben. Methodisch orientiert sie sich dabei an Roland Barthes’ fragmentarischem Schreiben, das auf keine geschlossene Theorie hinauswill.
Sstimmt die These überhaupt, dass das Ende der Liebe in den philosophischen, medialen und literarischen Diskursen vernachlässigt wird?
Aber stimmt die These überhaupt, dass das Ende der Liebe in den philosophischen, medialen und literarischen Diskursen vernachlässigt wird? Gilt dies auch für die Gegenwart, in der sich Mädchen für ihre Freunde schämen, »Heterofatalismus« trendet und Lena Dunhams »Girls« kulturelles Erbe ist? »Tristan und Isolde« und »Romeo und Julia« werden als Beispiel für den Liebesmythos genannt.
Das Buch zeigt aber auch, wie präsent das Scheitern von Liebesbeziehungen in der Kulturgeschichte ist; selbst das von der Liebe besessene französische Kino ist voll davon, etwa Jean-Luc Godards »Pierrot le fou« (1965), ein Film über eine Paarbeziehung, die einfach nur an Langeweile zerbricht. Gehört zur Liebe nicht ohnehin die Möglichkeit ihres Verlusts?
Mit Virginie Despentes plädiert Brugère für die »Dekonstruktion des Liebesideals«. Entlieben will sie als Befreiung, nicht als Scheitern verstanden wissen; ein so kluger wie richtiger Gedanke.
Aber Brugère rennt mit ihrem Buch offene Türen ein. Sie fordert mit der Autorität der Philosophin Dinge ein, die längst stattfinden und in der Populärkultur gespiegelt werden. Man verdankt ihr jedoch die Wiederentdeckung des schönen Wortes »Entlieben«, das in Zeiten, in denen sich Trennen das neue Lieben ist, ganz nützlich sein kann.
Fabienne Brugère: Entlieben. Eine Anleitung zur Rückkehr ins Leben. Aus dem Französischen von Petra Willim. Wallstein, Göttingen 2026, 160 Seiten, 20 Euro
