Jungle+ Artikel 11.06.2026
Francis Dupuis-Déri analysiert »Althussers Femizid«

Der verdrängte Mord

Der Politikwissenschaftler Francis Dupuis-Déri kritisiert die Verharmlosung des Femizids an Hélène Rytmann durch ihren Ehemann Louis Althusser. Das intellektuelle Umfeld und die akademische Rezeption schütze den Täter bis heute.

Louis Althusser erwürgte am 16. November 1980 seine Ehefrau, die Soziologin und Widerstandskämpferin Hélène Rytmann, in ihrer Wohnung in Paris. In der Rezeption Althussers widmet man dem Mord in der Regel einige wenige Zeilen, die die Tragik der Ereignisse betonten. Der schwerkranke Althusser habe in einem psychischen Ausnahmezustand seine Ehefrau getötet. Die Quelle ist zumeist Althussers 1992 posthum erschienene Autobiographie »L’avenir dure longtemps« (»Die Zukunft hat Zeit«).

Mehr als drei Jahrzehnte später stellt der Politikwissenschaftler Francis Dupuis-Déri die Tat ins Zentrum seiner Auseinandersetzung mit Althusser, zunächst in einem 2015 erschienenen Aufsatz (»La banalité du mâle. Louis Althusser a tué sa conjointe, Hélène Rytmann-Legotien, qui voulait le quitter«), dann 2023 in dem bei Remue-Ménage erschienenen Buch »Althusser assassin. La banalité du mâle«. Es geht ihm darin auch darum, die Rezeption und Interpretation des marxistischen Klassikers mit ihrer Ignoranz gegenüber diesem Femizid zu konfrontieren.

Zahlreiche bedeutende intellektuelle Weggefährten, darunter Bernard-Henri Lévy und Philippe Sollers, trugen dazu bei, durch die psychologische Entschuldigung Althussers den Mörder hinter dem »bedeutenden Marxisten« vergessen zu machen.

Mit einem aktuellen Nachwort versehen ist das Buch kürzlich in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Althussers Femizid« erschienen. Dem Epilog ist zu entnehmen, dass Dupuis-Déris Buch zahlreiche zustimmende Rückmeldungen einstiger Bekannter des Ehepaars erfahren hat. Sie dankten dem Autor dafür, dass er das Leiden Rytmanns, die stets hinter der Selbstinszenierung Althussers zurücktrat, zum Thema gemacht hatte.

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