11.06.2026
In München soll ein Ableger der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen

Bitte redlich argumentieren

Das Bildungszentrum, das die israelische Gedenkstätte Yad Vashem in München einrichten will, ist zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung geworden. Kritiker befürchten, dass Israels Regierung die Erinnerungsarbeit beeinflussen werde.

Das Jerusalemer Holocaust-Gedenk- und Forschungszentrum Yad Vashem will erstmals ein dauerhaftes Bildungszentrum außerhalb Israels eröffnen, und zwar in München. In Leipzig soll eine Außenstelle entstehen.

In der gegenwärtigen Debatte über die Errichtung dieser neuen Bildungs- und Erinnerungsstätte, die in zwei bis drei Jahren fertiggestellt werden soll, zeigt sich ein grundlegendes Problem: Der gegenwärtigen israelischen Regierung wird derart misstraut, dass selbst ein Projekt zur Erinnerung an den Holocaust, wogegen grundsätzlich keiner der Diskutanten etwas einzuwenden hat, zum Gegenstand einer Auseinandersetzung geworden ist.

Meron Mendel, der Co-Direktor der Frankfurter Anne-Frank-Stiftung, argumentiert, Yad Vashem sei der »israelischen Regierung unterstellt« und diese werde von Rechtsextremen dominiert, weshalb man »ernsthaft darüber diskutieren« müsse, »was das bedeutet, wenn eine Außenstelle von einer Einrichtung inmitten unseres Bildungssystems und Erinnerungskultur gesetzt wird, die möglicherweise auch durch Rechtsradikale beeinflusst wird«.

Die israelische Regierung habe »ein klares Interesse, den Antisemitismusbegriff so weit auszuweiten, dass beispielsweise Kritik an dem Staat Israel als antisemitisch gilt«, argumentierte Meron Mendel, der Co-Direktor der Frankfurter Anne-Frank-Stiftung.

Die israelische Regierung habe »ein klares Interesse, den Antisemitismusbegriff so weit auszuweiten, dass beispielsweise Kritik an dem Staat Israel als antisemitisch gilt«. Und der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, der Historiker Jens-Christian Wagner, befürchtet affirmative Deutungen, die er auch Yad Vashem selbst unterstellt: Sie entstünden unter anderem durch die Architektur der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, bei der man am Ende durch ein großes Fenster auch auf die besetzten Gebiete schaue.

Die Leiterin des Berliner Hauses der Wannsee-Konferenz, Deborah Hartmann, die eine ehemalige Mitarbeiterin von Yad Vashem ist, mahnte indes im Spiegel, solcherart Kritik erzeuge eine polarisierende Debatte. Man solle erst einmal abwarten, »welche Ideen die Kolleg:innen aus Yad Vashem mitbringen«.

Wagners Befürchtungen wies sie zurück; »solche Projektionen« seien nicht neu. »Dass sie nun aber auch vom Leiter einer zentralen deutschen Gedenkstätte vertreten werden, der im hiesigen Erinnerungsdiskurs aus guten Gründen als Autorität gilt«, hält sie für problematisch. Die gesetzliche Grundlage der Gedenkstätte in Jerusalem und die darin enthaltene klare Aufgabenbestimmung sichere ihre Eigenständigkeit.

Auch der Leiter Yad Vashems, Dani Dayan, musste sich Kritik von Mendel anhören. Dayan, so Mendel im Spiegel, sei »ein Hardliner, der jahrelang als Cheflobbyist der Siedlerbewegung arbeitete«.

Wenig hilfreiche Zuschreibungen

Nun sind solche Zuschreibungen in Debatten grundsätzlich wenig hilfreich. Genauso gut könnte man Mendels Einlassungen abwerten und für wenig relevant erklären, indem man ihn als »notorischen Chefkritiker Benjamin Netanyahus« abtut, also als üblichen Verdächtigen, der Ministerpräsident Netanyahu und seiner Regierung grundsätzlich keinen Meter über den Weg traut. Nur würde man seiner Position damit eben genauso wenig gerecht wie der Dayans mit einer einfachen Zuschreibung als »Hardliner«.

Zumal Dayans Lebenslauf vertrackter ist, als es die Zuschreibung nahelegt. Er wurde in Argentinien geboren und schwor sich als Jugendlicher, niemals nach Deutschland, also ins Land der Täter, zu reisen. Das tut er jetzt doch, weil er hofft, damit und mit der Yad-Vashem-Außenstelle etwas zur Bildung beitragen zu können, zur Erinnerung an den Holocaust und seine Geschichte. Zur neuen deutschen rechtsextremen Partei fällt ihm auch etwas ein: »Ich habe keinen Zweifel daran, dass unsere Arbeit die Demokratie stärken wird und eine starke Waffe sein wird, um vor dem Aufstieg einer Partei zu warnen, die ihre Wurzeln in der Nazi-Ideologie hat – und ich werde nicht zögern, sie ausdrücklich zu benennen: der AfD.« Das sagte Dayan dem Rundfunksender Deutsche Welle.

Die Jüdische Allgemeine erinnerte kürzlich daran, dass der Mann als Leiter von Yad Vashem 2023 kurz vor dem Rauswurf stand und ihm damals 123 Holocaustforscher aus aller Welt in einem offenen Brief ihre Unterstützung aussprachen: »Mit großer Sorge beobachten wir die jüngsten Angriffe des israelischen Bildungsministers auf Dani Dayan.« Dieser diene »der Institution auf herausragende Weise und ermöglicht es Yad Vashem damit, seinen unabhängigen und überparteilichen Charakter zu erhalten.« Und warum sollte Dayan damals entlassen werden? Er hatte sich den Zorn Netan­yahus zugezogen, weil dieser, wie die Jerusalem Post seinerzeit berichtete, »mit Dayans Ansatz, rechtsextreme Politiker zu boykottieren, nicht einverstanden sei und ihn für ›zu unabhängig‹ halte«.

Dani Dayan sollte entlassen werden

Es stimmt, dass Dayan auch eine wichtige Figur der Siedlerbewegung ist. Er befürwortet der Siedlungen im Westjordanland und ist in Israel jahrelang als ultranationalistischer Politiker aufgetreten; dafür ist er auch zu kritisieren. Aber über das Verhältnis seiner Aufgaben als Gedenkstättenleiter und seiner politischen Ansichten hat er sich in einem Gespräch mit der Deutschen Welle 2023 ziemlich klar geäußert: Als die Regierung ihn zum Leiter von Yad Vashem ernannte, habe er »einen Schutzwall« zwischen sich und der Politik errichtet. »Diese Mission ist mir heilig und ich werde sie niemals beschmutzen, indem ich sie mit politischen Interessen vermische.« Deutlicher könnte er es kaum formulieren.

So wenig man mit Dayans politischer Karriere und seinen Positionen einverstanden sein mag, so wenig deutet darauf hin, dass er die Gedenkstätte in Jerusalem zu einem Instrument von Netanyahus Propaganda umgebaut hätte. Wenn Meron Mendel Dayans Arbeit als Leiter von Yad Vashem kritisieren will, soll er das tun, aber dann müsste er auch benennen, was genau an Dayans Arbeit bei der Gedenkstätte zu kritisieren wäre.

Mendels Misstrauen gegen die rechte israelische Regierung ist ja berechtigt, aber gerade in der überaus heiklen Debatte über Israel und die Erinnerung an die Shoah, die oft ganz besonders dadurch belastet ist, dass viele dem Gegenüber grundsätzlich üble Motive unterstellen, kommt es darauf an, präzise und redlich zu argumentieren.