11.06.2026
Julia Bernstein, Soziologin, im Gespräch über Antisemitismus an Hochschulen

»Manche arbeiten unter Personenschutz«

Eine neue Studie untersucht die Angriffe auf jüdische und israelische Wissenschaftler an Hochschulen im deutschsprachigen Raum seit dem 7. Oktober 2023. Die »Jungle World« befragte dazu die an der Studie beteiligte Julia Bernstein, Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Science. Sie forscht zum Thema Antisemitismus.

Welche Arten von Angriffen werden in der Studie erfasst?
Erstens Gewalt und Morddrohungen – etwa der Angriff auf Lahav Shapira an der Freien Universität Berlin. Zweitens Stigmatisierung und Ausgrenzung im akademischen Alltag – Markierungen als »unsafe«, Ausschluss aus Forschungsprojekten, öffentliche Delegitimierung jüdischer und israelischer Wissenschaftler:innen sowie Ausschluss aufgrund tatsächlicher oder zugeschriebener Israel-Bezüge. Drittens die Störung und Verhinderung von Veranstaltungen, etwa der Abbruch der Podiumsdiskussion mit der israelischen Richterin Daphne Barak-Erez an der Humboldt-Universität zu Berlin. Viertens institutionelle Boykottforderungen mit pseudoakademischer Rahmung. Fünftens erzwungene Selbstzensur – viele verbergen ihre jüdische Identität am Arbeitsplatz, Einzelne arbeiten unter Personenschutz, andere haben ihre Stellen aufgegeben.

Gab es eine Entwicklung?
Die Vorfälle folgen einer klaren Eskalation: ab 2023 verbale und Online-Angriffe, ab Frühjahr 2024 organisierte Störungen und Listenerstellung, seither Boykottaufrufe und physische Gewalt. Antisemitische Zuschreibungen erfolgen dabei häufig über die Markierung als »Zionisten«.

»Auffällig ist die Asymmetrie: Bei rassistischen oder sexistischen Vorfällen reagieren Hochschulen schneller und entschiedener.«

Wie reagierten die Hochschulleitungen?
Es gab positive Beispiele: Der Senat der Universität Jena lehnte den Antrag zur »Prüfung« der Kooperationen mit israelischen Universitäten im November 2025 einstimmig ab. Der Frankfurter Uni-Präsident Enrico Schleiff stellte nach Übergriffen Strafanzeige. Das Rektorat der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wies einen BDS-Beschluss des Studierendenparlaments im April 2026 öffentlich zurück. Vorherrschend waren jedoch Vermeidung und Beschwichtigung: Antisemitische Vorfälle wurden häufig als »politische Meinungsäußerung« relativiert.
Antidiskriminierungsbeauftragte sind selten spezifisch sensibilisiert. Auffällig ist die Asymmetrie: Bei rassistischen oder sexistischen Vorfällen reagieren Hochschulen schneller und entschiedener.

Sind Boykottaufrufe gegen Israel zur Normalität in universitären Kreisen geworden?
Die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben und die Institutionalisierung schreitet voran: die Berliner Konferenz »Academic Boycott Now« im Januar, die für April angekündigte »Israeli Apartheid Week«, die Resolutionen der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie im April, die BDS-Resolution an der Hertie School im März. International haben seit Oktober 2023 mehr als 33 Universitäten Kooperationen mit israelischen Institutionen beendet.

Sind nur Institutionen betroffen?
BDS behauptet zwar, sich nicht gegen Einzelpersonen zu richten – doch Namenslisten in Freiburg und Erfurt, »Wanted«-Plakate in Berlin und die Boykottierung einzelner Wissenschaftler widerlegen das. Auffällig ist die Selektivität: Einen vergleichbaren Wissenschaftsboykott gibt es weder gegen Russland noch gegen China oder den Iran. Das spricht für eine spezifische Feindschaft gegen den jüdischen Staat.
Für jüdische und israelische Hochschulangehörige entsteht so ein Klima erheblicher Verunsicherung. Es gibt aber auch Widerstand: Im Mai 2024 unterzeichneten weltweit über 3.000 Wissenschaftler ein Statement gegen den Boykott israelischer Akademiker.

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Julia Bernstein

Julia Bernstein ist Soziologin und Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Science. Sie forscht zum Thema Antisemitismus, insbesondere im schulischen Kontext.

Bild:
privat