Frauenunterdrücker unter sich
Islamjar erließ am Freitag vorvergangener Woche eine Anordnung, den bereits geltenden landesweiten Zwang zur Vollverschleierung aggressiv durchzusetzen und bei Verstoß Haftstrafen anzuordnen. Seitdem hat die Religionspolizei der Taliban Dutzende Frauen in Herat inhaftiert. Dort sind seit Beginn der Kampagne kaum noch Frauen auf der Straße zu sehen.
Die Repression gegen Frauen in der als vergleichsweise talibankritisch geltenden Provinz, die hauptsächlich von Tadschiken bewohnt wird, rief jedoch auch eine seltene Aufwallung der Solidarität hervor. Am Dienstag vergangener Woche versammelten sich etwa 150 Männer zu einer Demonstration gegen die Verschleierungspflicht. Die Taliban schossen auf sie, töteten dabei zwei Menschen und verwundeten weitere 30. Gouverneur Islamjar ließ Videoblogger einbestellen, die die Demonstrationen unterstützt hatten. Zudem drängte er Stammesführer in Herat, für ein Ende der Protestaufrufe zu sorgen.
Das harte Vorgehen scheint auch darin begründet, dass Islamjars Zukunft als Gouverneur Herats auf der Kippe steht.
Das harte Vorgehen scheint auch darin begründet, dass Islamjars Zukunft als Gouverneur Herats auf der Kippe steht. Lokalen Berichten zufolge stand eine Abberufung des Gouverneurs in eine andere Provinz zur Debatte, da in Herat gewalttätige Auseinandersetzungen zugenommen hatten. Mit dem brutalen Vorgehen wolle Islamjar sich beim Taliban-Anführer Hibatullah Akhundzada beliebt machen, um sein Amt zu wahren.
Akhundzadas fundamentalistische Vorgaben werden nicht in allen Provinzen von den dortigen Taliban-Gouverneuren vollständig verwirklicht. Beispielsweise ordnete Akhundzada im vergangenen September die landesweite Abschaltung des Internets an – was jedoch drei Tage später ohne Erklärung rückgängig gemacht wurde. Nachweislich hatten sich einige hochrangige Taliban gegen die Entscheidung ausgesprochen, vor allem jene in Kabul. Manche Expert:innen sprechen von zwei Strömungen innerhalb der Taliban: der Kandahar-Gruppe rund um Akhundzada und Islamjar und der wohl etwas pragmatischeren Kabul-Gruppe um Vizeministerpräsident Abdul Ghani Baradar.