»Antisemitische Gewalt erhält weniger Aufmerksamkeit«
Ihrem Bericht zufolge ist die Zahl antisemitischer Vorfälle 2025 ähnlich hoch gewesen wie im Vorjahr. Wie erklären Sie sich dieses konstant hohe Niveau, gerade vor dem Hintergrund, dass es zunächst im Januar und dann im Herbst vergangenen Jahres endgültig zu einer Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas kam?
Richtig, antisemitische Vorfälle haben sich auf sehr hohem Niveau verstetigt. Gegenüber der Zeit vor dem 7. Oktober 2023 haben sie sich mehr als verdreifacht. Konkrete Entwicklungen, wie die Waffenruhe im vergangenen Oktober, hatten dabei kaum Auswirkungen auf die Anzahl der Vorfälle, die wir erfasst haben. Uns besorgt auch, dass der Anstieg nicht nur israelbezogenen Antisemitismus betrifft, sondern auch andere Formen. Das zeigt: Antisemitismus ist anschlussfähiger geworden.
Was ist der bemerkenswerteste Befund, was hat Sie überrascht?
Selbst schwere antisemitische Gewalt erhält nur begrenzt Aufmerksamkeit. Beim islamistischen Messerangriff am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin oder beim versuchten Anschlag eines Islamisten auf die Alte Synagoge in Essen gab es nur durch Glück keine Todesopfer. Zugleich erhalten diese Taten nur wenig Aufmerksamkeit, obwohl die Bedrohungslage für Jüdinnen und Juden sich global weiter zuspitzt. Allein diesem Jahr gab es über 17 bekannt gewordene Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Europa. Unser Eindruck ist: Teile der Gesellschaft gewöhnen sich an antisemitische Gewalt.
»Unser Eindruck ist: Teile der Gesellschaft gewöhnen sich an antisemitische Gewalt.«
Ihrem Bericht zufolge ist der Anteil von antiisraelischem Aktivismus leicht zurückgegangen, während die Zahl der Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund zunahm. Wie erklären Sie sich diese Tendenz?
Rechtsextremer Antisemitismus hat erneut zugenommen. Er zeigt sich in Verschwörungsmythen, NS-Verherrlichung oder Wünschen nach einer Wiederholung der Shoah. Der Anstieg hängt unter anderem mit der zunehmenden Bedeutung rechtsextremer Jugendgruppen zusammen.
Sie beschreiben, dass Bedrohungen vor allem in Form von »antisemitischem Othering« stattfinden. Dabei sei die bloße Markierung von Personen als Juden die Motivation der Täter. Ist das ein neues Phänomen?
Nein. Sichtbares jüdisches Leben führte auch in der Vergangenheit zu Bedrohungen und Angriffen. Seit dem 7. Oktober kommt es häufiger vor, dass ganz unvermittelt Gewalt ausgeübt wird. So wurde in Erfurt ein Mann mit Davidsternkette in einer Straßenbahn angegriffen und die Kette vom Hals gerissen. In Hessen wurde ein Rabbiner im Supermarkt im Beisein seiner Kinder geschubst, sein Handy wurde ihm entrissen. Zuvor rief der Täter »Free Palestine«.
Welche Forderungen ergeben sich aus den Ergebnissen?
Jüdinnen und Juden berichten uns seit dem 7. Oktober von Entsolidarisierung. Antisemitische Erfahrungen werden relativiert, nicht ernst genommen oder geleugnet. Betroffene brauchen daher starke Unterstützungs- und Beratungsstrukturen.