Der analoge Mann
In der vergangenen Woche habe ich als Küchenhilfe fünf Tage lang nur gespült, abgetrocknet, serviert und Teller abgeräumt. Als 60jähriger fühle ich mich dafür eigentlich etwas zu alt. Finanziell habe ich es zum Glück auch nicht nötig.
Wie kam es also dazu? Als Julias Freundin Florence ihren ersten Mal-Workshop plante, dachte sie sofort daran, ihren Ehemann zu bitten, die Küche zu übernehmen. »Und Andi hilft ihm!«, sagte Julia spontan. Zugegeben, ein naheliegender Gedanke, denn bei uns zu Hause koche ausschließlich ich.
Dennoch hätte sie mich vorher fragen können, anstatt einfach über meine Arbeitskraft zu bestimmen. Weil ich neugierig war und gern helfe, noch dazu als einer von zwei Männern in einer Gruppe von vierzehn Frauen, habe ich ohne zu zögern zugesagt. Aber auch, um kostengünstig ein paar Tage in den Schweizer Alpen zu verbringen.
Der Ausblick über den Vierwaldstättersee ist noch genau so spektakulär wie Ende des 19. Jahrhunderts.
Da Florences Mann keine Zeit hatte, sprang ein Freund von ihr ein. Zuerst wusste ich gar nicht, wie ich helfen sollte. Der machte alles selbst. Ich habe dann aber beobachtet, dass er, während er kocht immer gleichzeitig auch ein bisschen putzt und aufräumt. Genau so, wie ich es zu Hause tue. Es gibt ja auch Leute, die einfach erst mal nur kochen und später putzen. Jedenfalls habe ich dann das Putzen, Aufräumen und Abwaschen übernommen, während der Koch gekocht hat. Wir haben sehr gut zusammengearbeitet.
Der Workshop fand im Ferienhaus Axenfels in Morschach statt. Vor 150 Jahren stand an der gleichen Stelle ein mondänes Kurhotel, das die reichsten Menschen der Welt empfing. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte es einen Niedergang und wurde abgerissen. Das Ferienhaus macht heute glücklicherweise einen eher bescheidenen, aber sehr gut organisierten Eindruck.
Der Ausblick über den Vierwaldstättersee ist allerdings noch genau so spektakulär wie Ende des 19. Jahrhunderts. Geleitet wurde der Workshop von der katalanischen Illustratorin Maru Godas aus Barcelona. Die Frauen waren alle nett und sehr mit den Herausforderungen des Workshops beschäftigt. Am Schluss waren alle zufrieden und ganz ohne Drogen glücklich. Ich finde, Mal-Workshops sollten von der Krankenkasse bezahlt werden.