17.06.2026
Die Sammlung eines Insektenkundlers

Diese Rothschilds

Was Flohkunde und antisemitische Verschwörungserzählungen verbindet.

Flöhe! Die will niemand haben. Hunde nicht, Menschen auch nicht. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Und so gab es doch ein paar Menschen, die mit Leidenschaft Flöhe gesammelt haben. Vor allem eine Familie ist dafür bekannt, die Rothschilds.

Ja, genau die. Jene jüdische Banker-Dynastie, welche die Grundlage für so ziemlich alle irren antisemitischen Verschwörungserzählungen abgibt, denen ­zufolge eines immer feststeht: »Die Rothschilds« – gemeint: die Juden – stehen hinter allem.

Hinsichtlich der Flohforschung mag das sogar fast stimmen: Allein der Insektenkundler Charles Rothschild sammelte rund um den Globus 260.000 Flöhe, die er allesamt präparierte. Seine Tochter Miriam verbrachte dann 30 Jahre ihres Lebens damit, diese Flöhe zu katalogisieren, ein Auge immer am Mikroskop. Von ihr stammt das launige Zitat: »Immer wenn ich den riesigen Flohpenis sehe, fällt es mir leichter, an einen humorvollen Schöpfer zu glauben.«

Das Interesse an Flöhen ist aber nur auf den ersten Blick bizarr, na gut, auf den zweiten Blick auch, aber auf den dritten offenbart sich eine nicht unerhebliche Bedeutung: Charles Rothschild war es, der durch seine Forschung 1901 den Rattenfloh als den Hauptüber­träger der Pest identifizierte, ein Meilenstein für die Seuchenprävention.

Charles’ Bruder Walter, der 2. Baron Rothschild, baute ein Museum, in dem er, neben Millionen anderer Tiere, bizarre Kleider­püppchen aus Mexiko, die aus toten Flöhe gebastelt worden waren, ausstellte – die größte naturhistorische Privatsammlung der Geschichte.

Walter war auch sonst ein tierbegeisterter Exzentriker: Er ritt auf Riesenschildkröten und fuhr auf einer von Zebras gezo­genen Kutsche durch London. Dass er 1917 zugleich der Adressat der Balfour-Deklaration war, mit der Großbritannien zusicherte, die Errichtung einer »nationalen Heimstätte für das jüdische Volk« in Palästina zu unterstützen, erscheint dagegen fast als Fußnote der Geschichte.

Das Interesse an Flöhen ist aber nur auf den ersten Blick bizarr, na gut, auf den zweiten Blick auch, aber auf den dritten offenbart sich eine nicht unerhebliche Bedeutung: Charles Rothschild war es, der durch seine Forschung 1901 den Rattenfloh als den Hauptüber­träger der Pest identifizierte, ein Meilenstein für die Seuchenprävention.

Möge dieser Flohzirkus vorbeiziehen

Auch andere Krankheiten werden durch Flöhe übertragen, so dass das Verständnis dieser Arten entscheidend für die Verhinderung von Epidemien sein kann. Im Übrigen führte das insektenkundliche Interesse der Rothschilds auch dazu, dass sie die größte Naturschutzorganisation Großbritanniens gründeten, die noch immer 2.600 Schutzgebiete verwaltet.

Ich allerdings kann auf Flohentdeckungen gut und gern verzichten. Bisher wurde Coco verschont. Aber immer wenn sie sich kratzt oder wälzt oder bei Rötungen an ihrer Haut, denke ich natürlich an Hundeflöhe. Und ganz ehrlich: Ich möchte da keine Sammlung anlegen. An uns darf dieser Flohzirkus gerne vorbeiziehen.