Sommer des Hasses
»Rassisten, geht nach Hause!« Dies war nur einer von vielen Slogans auf einer Demonstration gegen Rassismus und Rechtsextremismus in der nordirischen Stadt Belfast am Samstag vorvergangener Woche. Etwa 5.000 Teilnehmende reagierten damit auf rassistische Menschenjagden in Belfast einige Tage zuvor und schwere rassistische Ausschreitungen im englischen Southampton die Woche davor. Als Vorwand für die Gewalt diente den rechtsextremen Tätern zwei Kriminalfälle, die sich in beiden Städten jeweils zuvor abgespielt hatten.
»Ich kriege keine Luft.« Mit seinen letzten Worten wiederholte der 18jährige Student Henry Nowak unabsichtlich die letzten Worte des vor sechs Jahren von Polizisten getöteten Afroamerikaners George Floyd. Nowak wurde im Dezember 2025 in Southampton auf offener Straße von dem 23jährigen britischen Sikh Vickrum Digwa erstochen.
Das offensichtliche Ziel der Gewalttäter waren nichtweiße Menschen und Geflüchtete. Die BBC berichtete von zahlreichen verstörten Menschen, die sich nur mit Müh und Not vor rassistischen Mobs retten konnten.
Da Digwas Bruder der am Tatort eintreffenden Polizei im Notruf erzählt hatte, Nowak habe Digwa rassistisch beleidigt und angegriffen, hielten die Polizisten zunächst fälschlicherweise Nowak für einen Täter und legten ihm Handschellen an. Die Stichwunden am Körper des 18jährigen bemerkten sie nicht. In dem von der Bodycam der Polizei aufgenommenen Video hört man Nowak sagen: »Ich wurde erstochen«, woraufhin einer der Polizisten erwidert: »Ich glaube nicht, Kumpel.« Kurze Zeit später starb Nowak am Tatort.
Ein Gericht verurteilte Digwa Anfang Juni wegen Mordes zu lebenslänglicher Haft. Digwas Argumentation, er habe in Notwehr gehandelt, lehnte der Vorsitzende Richter ab. Eine Untersuchung dazu, ob die Fehler der eintreffenden Polizisten zum Tod Nowaks beigetragen haben, läuft noch.
Durch die anschließende Freigabe des schnell viral gehenden Bodycam-Videos bekam der Fall landesweite Aufmerksamkeit. Trotz der Bitten von Nowaks Familie, die Tragödie nicht für politische Zwecke zu nutzen, meldeten sich sofort zahlreiche prominente britische Rechte und Rechtsextreme zu Wort. Die Vorsitzende der konservativen Tories, Kemi Badenoch, machte antirassistische Schulungen der Polizei dafür verantwortlich, dass Nowak nicht geglaubt wurde; Schulungen, die nach 2020 auf Betreiben der Black-Lives-Matter-Bewegung eingeführt worden waren.
Nigel Farage fordert »reine, kalte Wut«
Nigel Farage, Parteivorsitzender von Reform UK, wiederum führte »antiweiße Vorurteile« als Erklärung für den Fall Henry Nowak an. In einer Videostellungnahme am 2. Juni ging der Rechtspopulist noch einen Schritt weiter: »Henrys Familie hat auf wirklich außergewöhnlich würdevolle Weise reagiert. Aber ich schlage vor, dass der Rest von uns darauf mit reiner, kalter Wut antwortet.«
Am selben Tag versammelten sich etwa 1.000 Leute vor der zentralen Polizeiwache in Southampton und bewarfen zweieinhalb Stunden lang Polizisten mit Ziegelsteinen und Mülleimern. Einige Hundert von ihnen trennten sich währenddessen vom Mob, um zu einem Haus zu ziehen, das sie für das der Familie des Mörders hielten; sie hatten jedoch die falsche Adresse. Bei den Unruhen wurden nach Angaben der Polizei in Southampton elf Polizisten und ein Polizeihund verletzt. Mittlerweile wurden 13 Personen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen verhaftet und 23 weitere angeklagt, unter ihnen befanden sich bekannte Rechtsextremisten, die von außerhalb nach Southampton angereist waren.
Die Wut der Rechtsextremen richtet sich großenteils gegen die Polizei. Farage und andere Rechtsextreme erheben immer wieder den Vorwurf der »Zweiklassenpolizeiarbeit«. Sie behaupten, britische Polizisten gingen Straftaten von Angehörigen ethnischer Minderheiten nicht nach, um nicht als rassistisch zu gelten. Sie spielen damit auf einen antirassistischen Aktionsplan an, an dessen Umsetzung die britische Polizei seit fünf Jahren arbeitet. Dieser Plan soll helfen, die lang etablierte Praxis diskriminierender Polizeikontrollen schwarzer Brit:innen zu beenden. Dass die Polizei bei schwarzen und weißen Brit:innen denselben Maßstab anlegen soll, scheint für Rechtsextreme wie Farage inakzeptabel.
Reform UK unter Druck von rechts
Farages Ton hat sich seit einigen Wochen deutlich verschärft. Als Parteivorsitzender von Reform UK versuchte er sich lange als leicht bornierter, aber im Grunde harmloser Pub-Onkel zu präsentieren, der das bodenständige Britannien vertrete. Doch nun zeigt Farage die hässliche Seite seiner Politik so offen wie nie zuvor. Denn er steht selbst unter Druck von rechts: Die rechtsextreme Partei Restore Britain des Multimillionärs Rupert Lowe greift überraschend viele Stimmen bei Reform UK ab.
Bei der Nachwahl für den Parlamentssitz im nordenglischen Makerfield, bei der sich Reform UK gute Chancen ausrechnete, sieht es laut einer kürzlich an die Tageszeitung The I Paper durchgestochenen Umfrage derzeit so aus, als könnte Restore Britain bis zu 13 Prozent der Stimmen erhalten. Diese Stimmen würden Reform UK fehlen und garantieren, dass der Kandidat der Labour Party, Andy Burnham, den Sitz gewinnen würde. Burnham gilt als Kandidat für Keir Starmers Nachfolge als Premierminister, sollte dieser zurücktreten.
Die Ausschreitungen in Southampton waren jedoch nur der Anfang. Im nordirischen Belfast kam es zu regelrechten rassistischen Menschenjagden. In der Nacht zum 9. Juni hatte ein 30jähriger Geflüchteter aus dem Sudan dort seinen 44jährigen nordirischen Nachbarn mit einem Messer attackiert. In den sozialen Medien machten schon kurz nach der Tat Gerüchte von einer »versuchten Enthauptung« die Runde.
In den folgenden zwei Tagen errichteten Hunderte Vermummte Straßensperren und steckten Autos und Häuser in Brand. An Straßensperren wurden Menschen nach ihrer Herkunft befragt. Das offensichtliche Ziel dabei waren nichtweiße Menschen und Geflüchtete. Die BBC berichtete von zahlreichen verstörten Menschen, die sich nur mit Müh und Not vor rassistischen Mobs retten konnten.
Dem rassistischen Mob schutzlos ausgeliefert
Die Angreifer hatten dem Anschein nach vor allem Mehrfamilienhäuser, in denen Flüchtlinge untergebracht sind, zum Ziel. Diese Häuser haben öffentlich einsehbare Adressen, eine entsprechende Liste kursierte daher in den sozialen Medien. Nachdem es im vergangenen Jahr in Großbritannien mehrfach zu rassistischen Protesten vor als solchen ausgewiesenen Asylunterkünften gekommen war, hat die Regierung Starmer Geflüchtete vorrangig in Mehrfamilienhäusern in ärmeren Vierteln unterbringen lassen. Die in Belfast auf diese Weise untergebrachten Geflüchteten waren dem rassistischen Mob nun schutzlos ausgeliefert.
Im konfessionell getrennten Belfast tritt ein weiteres Element hinzu. Da sich die Gewalttaten fast ausschließlich in den protestantischen Vierteln der Stadt ereigneten, spekulierten britische Medien, dass protestantische probritische Paramilitärs an den Ausschreitungen beteiligt gewesen seien. Die politische Führung der probritischen Unionisten stritt diese Vorwürfe ab, aber die Gewalt der vergangenen Woche ähnelt dem früheren Vorgehen protestantischer Milizen in Belfast, damals gegen katholische Viertel.
Ein weiteres, unberechenbares Element, das zur Zuspitzung in Großbritannien beiträgt, ist der Einfluss dersozialen Medien, vor allem aus den USA. Nach der Urteilsverkündung in Southampton hieß es auf dem offiziellen X-Account des US-amerikanischen Außenministeriums im gewohnt großspurigen Tonfall der Neuen Rechten: »Ideologische Konditionierung und Zweiklassenpolizeiarbeit sind offensichtliche Zeichen des Niedergangs einer Zivilisation.« US-Vizepräsident J. D. Vance machte gar eine »Masseninvasion von Migranten« für die Bluttat verantwortlich; der mutmaßliche Täter war hingegen in England geboren.
Elon Musk, mit über einer Billion US-Dollar Vermögen der reichste Mensch der Welt, scheint besessen von den Vorgängen in Großbritannien.
Vor allem Elon Musk, mit über einer Billion US-Dollar Vermögen der reichste Mensch der Welt, scheint besessen von den Vorgängen in Großbritannien. Musk hat in diesem Monat Dutzende Posts zur Lage in Großbritannien auf seiner Plattform X geteilt. Er unterstützt dabei immer wieder die rechtsextreme Partei Restore Britain und deren Vorsitzenden Lowe. Der rasante Aufstieg von Restore geht wohl auch auf die Unterstützung Musks in den sozialen Medien zurück.
Darüber hinaus teilte Musk auch einen Post des prominenten britischen Rechtsextremisten Stephen Yaxley-Lennon alias Tommy Robinson: eine Liste mit Orten in Belfast, an denen sich Straßensperren befanden, mit dem Aufruf, auf die Straße zu gehen. Robinson hatte während der Ausschreitungen immer wieder angebliche Adressen von Flüchtlingsunterkünften gepostet und so die Angriffe koordiniert.