Endlose Welt
Seit Jahren schon geistert der Internetmythos der »Backrooms« durchs Netz. Ausgang dafür war ein unheimliches Foto, das ein Nutzer 2019 auf der Website 4chan hochlud. Es zeigt einen zugleich beengt wirkenden und doch durch die Perspektive der Aufnahme Unendlichkeit suggerierenden leeren Gewerberaum, der ein Büro, mit seinen gelben Gipskartonwänden und porösen Odenwalddecken aber auch ein Krankenhaus sein könnte. Schnell assoziierten andere Nutzer mit dem Bild die versteckten Räume in manchen Computerspielen, die man nur durch Programmfehler, sogenannte Glitches, erreicht: bereits programmierte, aber nicht spielbare Bereiche, die man nicht mehr ohne weiteres verlassen kann – Backrooms eben.
In seinem nach dem Phänomen benannten Debütfilm zeigt der Youtuber Kane Parsons, der am Tag des deutschen Kinostarts gerade mal seinen 21. Geburtstag feiert, auf eindringliche Weise, dass der Schrecken, den die Creepypasta-Legende der Backrooms hervorruft, älter als das Internet ist – und alles andere als eindimensional.
Clark flieht vor seiner eher tristen Existenz nicht einfach in den Alkohol, sondern bemüht sich ernstlich, die schmerzhafte Trennung aufzuarbeiten. Zu diesem Zweck sucht er die Psychotherapeutin Dr. Mary Kline auf.
Clark (Chiwetel Ejiofor) betreibt im Jahr 1990 mit mäßigem Erfolg ein großflächiges Möbelkaufhaus im Gewerbegebiet einer US-amerikanischen Stadt. Um seinen Umsatz zu steigern, versucht er sich an einigermaßen entwürdigenden Werbemaßnahmen und schlüpft etwa in die Rolle eines Maskottchen, das wie ein Hybrid aus Sultan und Pirat wirkt.
Da seine Frau ihn aus dem gemeinsamen Haus geworfen hat, übernachtet er auch im Möbelhaus, wo er sich in den Schlaf trinkt, während Stromzähler und Beleuchtung Nacht für Nacht verrückt zu spielen scheinen. Gemeinsam mit einem Elektriker findet er am Sicherungskasten zwei Sicherungen, die abseits der anderen in einem anderen Winkel angeordnet sind und damit seltsam deplatziert wirken – ein erster Hinweis darauf, dass hier etwas der Ordnung gewaltig zuwiderläuft.
Doch Clark flieht vor seiner eher tristen Existenz nicht einfach in den Alkohol, sondern bemüht sich ernstlich, die schmerzhafte Trennung aufzuarbeiten. Zu diesem Zweck sucht er die Psychotherapeutin Dr. Mary Kline auf. Diese, verkörpert von der für ihre herausragende Leistung in Joachim Triers »Sentimental Value« (2025) für den Oscar nominierten Renate Reinsve, hat sich auf selbstbegrenzende Wiederholungszwänge spezialisiert: Als Autorin populärwissenschaftlicher Literatur will sie ihren Lesern dazu verhelfen, das »Fenster nach innen« zu öffnen.
Schier endlose Welt weitläufiger Flure und Räume
Bei Clark versucht sie, dies mit Hilfe von Rollenspielen zu erreichen, scheitert aber immer wieder an dessen wütender Abwehr. Deshalb staunt sie nicht schlecht, als er ihr eines Tages berichtet, im Keller seines Möbelhauses den Zugang zu einer schier endlosen Welt weitläufiger Flure und Räume gefunden zu haben, und wie ein Wahnsinniger eine selbstgezeichnete Karte derselben präsentiert.
Gekränkt von den Zweifeln seiner Therapeutin begibt sich Clark abermals in die Backrooms – angeblich mit dem Ziel, Beweise zu sammeln und die beklemmende Schattenwelt zu erforschen. Gemeinsam mit seiner Assistentin Kat (Lukita Maxwell) und ihrem Freund Bobby (Finn Bennet), der für Clarks kuriose Werbevideos verantwortlich zeichnet und seinen Camcorder zu der Expedition beisteuert – und nebenbei das durch Johnny Depps Debüt in »A Nightmare on Elm Street« (1984) für das Genre ikonisch gewordene crop top wieder in den Horrorfilm einführt – dringt er immer tiefer in das endlose Labyrinth aus ockerfarbener Tapete und Leuchtstoffröhren vor.
Sehr bald müssen die drei feststellen, dass dort neben verfremdeten, fragmentierten und anders zusammengesetzten Objekten aus dem Inventar des Möbelhauses – und ihres eigenen Lebens – noch etwas anderes lauert. Als schließlich Mary auf der Suche nach ihrem verschwundenen Patienten selbst in die Backrooms gerät, macht sie die bedrückende Entdeckung, dass Clark sich in den Abgründen dieser Hinterräume auf schreckliche Weise eingerichtet hat.
Parsons’ Film lebt ganz wesentlich von der bezwingenden visuellen Kraft jener Schreckensvorstellung eines entvölkerten, mutierten und scheinbar endlos wuchernden Büros. Wie schon in der ebenfalls durch den Mythos inspirierten Serie »Severance« überführt die Abwesenheit einer durch Fenster sichtbaren Außenwelt die vertraute Szenerie der Flure öffentlicher Gebäude in eine hermetische, klaustrophobische Totalität, in der Bekanntes plötzlich seltsam entrückt wirkt.
Metastasierendes Büro, metastasierender Diskurs
Dies umso mehr, als das Interieur aus dem Alltag – in diesem Fall vor allem aus dem Möbelhaus – auch in den Backrooms auftaucht, hier jedoch zu sinnlosen Haufen gestapelt, halb in Boden oder Wand versunken oder auf andere Art miteinander verwachsen ist. Der Schrecken vermittelt sich dadurch, dass die Dinge aus einer falschen Perspektive betrachtet werden und damit den Betrachter selbst in Frage stellen.
Deshalb hat Parsons gut daran getan, »Backrooms« nicht allein als metadigitale Parabel zu inszenieren. Zwar taugen die endlosen Flure, in denen das Immergleiche wieder und wieder neu zusammengewürfelt wird, hervorragend als Bild für die unendlichen Weiten des Internets – und erst recht für die sogenannte Künstliche Intelligenz, mit Hilfe derer mittlerweile alle alles durch einen großen Fleischwolf drehen, so dass am Ende etwas herauskommt, das mit Sprache nur noch oberflächlich zu tun hat und in Wirklichkeit so etwas wie eine sich selbst reproduzierende Ansammlung von Zeichen ist. Die Backrooms zeigen ein metastasierendes Büro und damit das passende Bild für einen metastasierenden Diskurs, der von den überflüssig gewordenen Menschen nur noch gelegentlich angeschubst werden muss.
Doch der Film bleibt dabei nicht stehen, sondern zeigt die Backrooms durch das Spiel mit dem Sujet der Psychotherapie auch als Bild für das Unbewusste. So sind sie unter anderem bevölkert von entstellten, menschenähnlichen Wesen, die als schlecht erinnerte Objekte begreifbar werden. Sie verkörpern auf unheimliche Weise die Projektionen, Zuschreibungen und Zurichtungen, mittels derer man sich von unliebsamen, verlorenen oder verletzenden anderen abgrenzt, um sein Ich zu konstituieren. Und auch in der versteckten, nur zu erahnenden, aber umso ausufernderen Gestalt der Spiegelwelt mit den abgehängten Decken reflektiert sich etwas von jenem unbewussten Treiben, dessen man allenfalls im Traum auf flüchtige Weise teilhaftig wird.
Parsons’ Film lebt ganz wesentlich von der bezwingenden visuellen Kraft jener Schreckensvorstellung eines entvölkerten, mutierten und scheinbar endlos wuchernden Büros.
Mehr noch repräsentieren die Backrooms im Film die luftdichten Nichtorte, in denen Schmerz und Traumata eingeschlossen bleiben und ihre Träger dazu verleiten, sich ihnen anzuschmiegen und die Vorhänge zuzuziehen, anstatt sich dem Tageslicht der Außenwelt zuzuwenden. Es wäre nicht zu viel gesagt, wenn man Marys Suche nach Clark in den Tiefen seiner abgründigen Windungen zu einem der kraftvollsten Bilder für die psychoanalytische Übertragungsbeziehung in der jüngeren Kinogeschichte erklärte.
Umso verdrießlicher, dass der Regisseur sich mit dieser gelungenen Konstruktion nicht begnügen mochte, sondern seinen Film mit einem anspielungsreichen Handlungsstrang über ein Start-up, das sich mit Magnetresonanztomographie beschäftigt und dadurch irgendwie in die Entstehung der Backrooms verwickelt sein soll, schlicht überlud. Zwar unterstreicht der Topos den krebsähnlichen Charakter des endlos wachsenden Labyrinths und mag sich als vage gebliebene Erklärung in die Welt der freien Assoziation einfügen – es bleibt aber eine suggestive Rationalisierung, die die Intensität des Films letztlich schwächt. Eine bemerkenswert vielschichtige Entfaltung eines Internetmythos ist »Backrooms« aber allemal – und damit ein vielversprechender Beginn von Parsons Regiekarriere.
Backrooms (USA 2026). Buch: Will Soodik. Regie: Kane Parsons. Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Renate Reinsve, Mark Duplass, Finn Bennett, Lukita Maxwell