Mit Adorno für Israel
Antisemitismus in linken akademischen Milieus äußert sich in den letzten Jahren insbesondere in einem projektiven Antizionismus, der je nach politischer Orientierung und theoretischen Bezügen antiimperialistisch, antinational oder postkolonial »begründet« wird. Immer häufiger stehen diese »Begründungen« in einem unmittelbaren Zusammenhang mit einer Sicht auf den politischen Islam, die bei großen Teilen sowohl der akademischen als auch der aktivistischen Linken mal von Ignoranz und Unfähigkeit zur Kritik, mal von Verharmlosung oder Relativierung und immer öfter von offener Kooperation geprägt ist.
Es wäre jedoch ein grober politischer Fehler und würde zu inadäquaten Zustandsbeschreibungen führen, die antisemitismuskritischen Teile der Linken auszublenden. Sowohl bei der Beurteilung des Zionismus und Israels als auch bei der Positionierung gegenüber den diversen islamistischen Strömungen und dem orthodox-konservativen Mehrheitsislam existieren linke Theorietraditionen, die sich gegen die derzeitige Hegemonie von Israelhass und Islamverklärung in großen Teilen der globalen Linken wenden ließen. Sowohl historisch als auch gegenwärtig gilt: Die schärfsten Kritiker von Antisemitismus in der Linken, vermeintlich progressivem Israelhass und dem islamogauchisme (ein Begriff, der in Frankreich bereits seit Beginn der nuller Jahre für die Kooperation von Linksradikalen und Islamisten verwendet wird, während im Englischen meistens von einer red-green alliance die Rede ist) fühlen sich selbst linken Theorietraditionen verpflichtet – insbesondere der Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx und der klassischen Kritischen Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.
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